Home
http://www.faz.net/-gpf-74aan
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Großbritannien BBC-Chef Entwistle erklärt Rücktritt

Der Generaldirektor der BBC, George Entwistle, tritt zurück. Er reagiert damit auf Kritik am Umgang mit dem Thema Kindesmissbrauch. Der Sender hatte Anfang November eine Sendung ausgestrahlt, in der ein Politiker fälschlicherweise des Kindesmissbrauchs beschuldigt wurde.

© dpa George Entwistle umringt von Journalisten

Der Chef des britischen Rundfunksenders BBC, George Entwistle, ist nach einem Bericht über angeblichen Kindesmissbrauch durch einen Politiker zurückgetreten. Er habe die Entscheidung angesichts der „inakzeptablen journalistischen Standards“ der Ausstrahlung am 2. November getroffen, sagte Entwistle am Samstag. Einen Tag zuvor hatte sich die BBC noch für den Bericht entschuldigt. In dem Bericht ging es um einen Politiker der britischen Konservativen, dem fälschlicherweise die Vergewaltigung eines Kindes in einem walisischen Heim zur Last gelegt wurde.

Er habe sich mit seinem Rücktritt für einen „ehrenvollen“ Schritt entschieden, erklärte Entwistle in einer kurzen Stellungnahme vor der BBC-Zentrale in London. „Aber nach den gänzlich ungewöhnlichen Ereignisse der vergangenen Woche bin ich zur Erkenntnis gelangt, dass die BBC einen anderen Direktor berufen sollte.“ Entwistle war erst vor acht Wochen zum Generaldirektor der BBC ernannt worden. Der Chef des BBC-Weltdienstes, Tim Davie, übernimmt nun die Leitung des Senders, bis ein Nachfolger für Entwistle gefunden ist.

Gerüchte im Internet

In der BBC-Sendung „Newsnight“ hatte ein mutmaßliches Opfer von Kindesmissbrauch angegeben, es sei von einem bekannten Mitglied der konservativen Partei missbraucht worden. Zwar wurde der Name des Politikers in dem Beitrag, der sich um mutmaßliche Missbrauchsfälle in Wales in den 1970er und 1980er Jahren drehte, nicht genannt. Im Internet kursierten aber später Gerüchte, die sich auf einen bestimmten Politiker konzentrierten.

© reuters BBC-Chef stolpert über falschen TV-Beitrag

Dieser wies den Vorwurf am Freitag entschieden zurück und drohte mit einer Klage. Der in „Newsnight“ zitierte Zeuge gab daraufhin zu, dass er sich bei der Identität seines Peinigers geirrt hab,e und entschuldigte sich wie auch die BBC bei dem Politiker.

Kinderschänder durch Sender gedeckt?

Der Vorfall kommt für die BBC zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Erst kürzlich war bekannt geworden, dass einer ihrer bekanntesten früheren Moderatoren, Jimmy Savile, Hunderte Kinder missbraucht haben soll. Savile ist vergangenes Jahr gestorben, war aber offensichtlich bis nach seinem Tod durch den Sender gedeckt worden. Auch der Fall hatte für viele Schlagzeilen gesorgt, die Polizei ermittelt.

Der Rücktritt Entwistles stieß in Großbritannien auf Respekt. Er sei „schade, aber die richtige Entscheidung“, sagte Maria Miller, die Ministerin für Kultur, Medien und Sport, in der Nacht zum Sonntag. Chris Patten, Ombudsmann der BBC, nannte den Samstag „einen der traurigsten Abende in meinem öffentlichen Leben“. Er lobte „Ehre und Mut“, die Entwistle bewiesen habe. John Whittingdale, Vorsitzender des für die BBC zuständigen Parlamentsausschusses für Medien, sagte, „was in den letzten Tagen passiert ist, hat seine (Entwistles) Autorität und Glaubwürdigkeit immens geschmälert“. Unter den Umständen wäre es für Entwistle sehr schwer gewesen, weiterzumachen.

„Inakzeptabler“ journalistischer Standard

Bereits am Samstagmorgen hatte Entwistle sich nach der Ausstrahlung des umstrittenen TV-Beitrags entschuldigt und von einem Fehler gesprochen. „Wir hätten nicht einen Film zeigen sollen, der so fundamental falsch gewesen ist. Was hier passiert ist, ist völlig inakzeptabel“, sagte er im BBC-Radio. Entwistle gestand ein, dass der „Newsnight“-Beitrag dem Vertrauen in die BBC geschadet habe.

Ministerin Miller sagte nun, „es ist unerlässlich, Glaubwürdigkeit und öffentliches Vertrauen in diese wichtige nationale Institution wiederherzustellen“. Dabei sei entscheidend, dass die BBC durch ihre interne Organisation sicherstelle, ein erstklassiges Nachrichtenprogramm zu liefern. Die BBC sendet seit 1922.

Mehr zum Thema

Quelle: AP/Reuters

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Geert Wilders TV-Sender zeigt Werbung mit Mohammed-Karikaturen

In den Niederlanden hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen einen umstrittenen Werbefilm des Rechtspopulisten Geert Wilders gesendet. Die Botschaften des Landes stellen sich deswegen auf gewaltsame Proteste ein. Mehr

25.06.2015, 00:55 Uhr | Politik
Rassismus-Debatte Cumberbatch bezeichnet Kollegen als Farbige

Der britische Filmstar Benedict Cumberbatch hat sich nach einer Äußerung über Farbige für seine Wortwahl entschuldigt und gesagt, er sei am Boden zerstört. Mehr

28.01.2015, 15:50 Uhr | Gesellschaft
Niederlande Werbespot von Geert Wilders nicht gesendet

Hat das niederländische Fernsehen einen Spot des Rechtspopulisten Geert Wilders mit Mohammed-Karikaturen unterschlagen? Oder war es nur ein Missverständnis? Nun soll der Werbefilm am Mittwoch ausgestrahlt werden. Mehr

21.06.2015, 10:31 Uhr | Feuilleton
Kinotrailer Mad Max: Fury Road

Mad Max: Fury Road, 2015. Regie: George Miller. Darsteller: Tom Hardy, Charlize Theron, Nicholas Hoult und Rosie Huntington-Whiteley. Verleih: Warner Bros. Kinostart: 14.05.2015 Mehr

22.04.2015, 10:04 Uhr | Feuilleton
Top Gear geht weiter Doppelte Portion Vollgas

Nach dem Rauswurf von Moderator Jeremy Clarkson bei der BBC schien die berühmte britische Autoshow Top Gear am Ende. Doch weder der Sender noch die Moderatoren wollen von der Autoshow lassen. Mehr Von Michael Hanfeld

29.06.2015, 21:12 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.11.2012, 04:45 Uhr

Mehr Macht in der AfD, weniger mit ihr

Von Eckart Lohse, Essen

Frauke Petry weiß, was ihre Leute nach ihrer Wahl zur alleinigen AfD-Vorsitzenden erwarten: Die Partei soll nach rechts rücken. Doch wenn Petry wahr machen will, was sie sagt, muss sie andere Wege gehen. Ein Kommentar. Mehr 20