12.03.2010 · Den Briten droht ein Verkehrschaos: Bei British Airways werden die Flugbegleiter die Arbeit nieder legen. Und im Bahnverkehr droht der erste landesweite Streik seit 16 Jahren. Die Gewerkschaften hoffen auf die Regierung.
Von Marcus Theurer, LondonBrendan Barber machte nicht viele Worte: "Trotz langer Verhandlungen war es nicht möglich, eine Einigung zu erzielen", verkündete der Generalsekretär des britischen Gewerkschaftsbundes TUC am Mittwochabend. Über Monate hinweg hat der als Vermittler eingesetzte Barber versucht, einen Kompromiss zwischen dem Management der Fluggesellschaft British Airways (BA) und der Gewerkschaft Unite auszuhandeln. Doch nun wird gestreikt: Die mehr als 10.000 Flugbegleiter werden bis Ende März insgesamt sieben Tage lang die Arbeit nieder legen. Das kündigte wie erwartet am Freitag die britische Gewerkschaft Unite an und drohte zugleich erstmals auch mit einem Streik des Bodenpersonals. Der Arbeitskampf, der am 20. März beginnen soll, richtet sich gegen geplante Sparmaßnahmen bei der von Rekordverlusten gebeutelten Fluggesellschaft. Analysten schätzen die Kosten für BA auf bis zu 20 Millionen Pfund (rund 24 Millionen Euro) am Tag. Das Unternehmen versucht mit Aushilfskräften und gecharterten Ersatzflugzeugen den Schaden zu begrenzen.
Fast zeitgleich droht auch im britischen Bahnverkehr der erste landesweite Streik seit 16 Jahren. Am Donnerstagmittag gab die Gewerkschaft RMT das Ergebnis ihrer Urabstimmung bekannt: 77 Prozent der Mitglieder stimmten für einen Arbeitskampf bei der staatlichen Bahnnetzgesellschaft Network Rail, die das gesamte britische Schienennetz betreibt. Damit könnten nicht nur Flugbuchungen bei BA, sondern auch der Kauf einer Zugfahrkarte zum Vabanque-Spiel werden. "Ich würde keine Bahnreise über Ostern planen", droht RMT-Gewerkschaftschef Bob Crow.
„Das sind auch politische Streiks“
Die Belegschaft von Network Rail wehrt sich gegen die Streichung von 1500 Arbeitsplätzen in der Schienennetz-Wartung. Wie bei BA ist das Klima zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretern vergiftet. "Wir sind im Digitalzeitalter und nicht mehr in der Ära der Dampfmaschinen, und deshalb müssen wir uns verändern", verteidigt ein Unternehmenssprecher die Kürzungen. Die Gewerkschaft warnt dagegen vor Sicherheitsrisiken für die Passagiere, falls das Sparprogramm verwirklicht werde und sieht sich darin von der Aufsichtsbehörde Office for Railway Regulation unterstützt: Die ORR hält das Restrukturierungsprogramm zwar im Grundsatz für richtig, warnt aber ebenfalls vor Schnellschüssen.
Dass die Arbeitskämpfe in Großbritannien gerade jetzt hochkochen, ist nach Einschätzung von Fachleuten kein Zufall. Voraussichtlich am 6. Mai wird in Großbritannien eine neue Regierung gewählt. "Das sind auch politische Streiks", sagt der Arbeitsmarktökonom Gregor Gall. "Die Gewerkschaften versuchen einen Vorteil aus dem Wahlkampf zu ziehen", glaubt der Professor an der Universität Hertfordshire. Die Belegschaftsvertreter spekulierten darauf, dass die Regierung es kurz vor der Wahl nicht zum Verkehrschaos kommen lassen werde - und zugunsten der Arbeitnehmer interveniere. Bei wenigen Unternehmen sind die Chancen, dass ein solches Kalkül aufgeht, besser als bei BA und Network Rail, denn beide stehen mehr oder weniger direkt unter der Fuchtel des Staates. Wenn die Regierung also eingreifen will, kann sie das sehr viel einfacher tun als bei anderen Konzernen.
Bei staatsnahen Unternehmen ticken die Uhren noch immer anders
Nicht zuletzt das Beispiel der Royal Mail zeigt, dass bei den staatlichen oder staatsnahen Unternehmen die Uhren noch immer anders gehen. Die Belegschaft der als hoffnungslos ineffizient geltenden Staatspost hat vergangenes Jahr ebenfalls landesweit gestreikt, um ein Modernisierungsprogramm zu verhindern. Diese Woche einigten sich beide Seiten überraschend. Die Royal-Mail-Mitarbeiter müssen nun kürzer arbeiten und bekommen mehr Gehalt. "Ich glaube kaum, dass ein so günstiger Deal in einem normalen Unternehmen möglich gewesen wäre", sagt Ökonom Gall.
Wie die Royal Mail ist auch die als marode und chronisch unterfinanziert geltende Schienennetzgesellschaft Network Rail in Staatshand. BA wurde zwar schon Ende der achtziger Jahre privatisiert und an die Börse gebracht. Doch ein normales Unternehmen ist die frühere britische Staatsfluggesellschaft bis heute nicht. Der BA-Vorstandsvorsitzende Willie Walsh tue ihm leid, spottete kürzlich Michael O'Leary, Chef des Billigfliegers Ryanair. Walshs Verwaltungsrat habe "kein Rückgrat, keine Eier und keine Vision". Das Gremium sei "hochpolitisch und wird die Regierung bestimmt nicht kurz vor der Wahl gegen sich aufbringen", glaubt der Ryanair-Chef. Tatsächlich sitzen 23 Jahre nach der Privatisierung im zehnköpfigen Verwaltungsrat von BA noch immer zwei Oberhausmitglieder und ein ehemaliger Regierungsbeamter.
Vor allem für die drittgrößte europäische Airline sind die Machtverhältnisse im Unternehmen zum Zukunftsrisiko geworden. Denn während Royal Mail und Network Rail in ihrem Geschäft weitgehend Monopolisten sind, muss sich BA gegen schlagkräftige Wettbewerber behaupten. Das Kabinenpersonal von BA, das nun mit Streik droht, arbeitet bisher zu wesentlich besseren Konditionen als die Mitarbeiter der Billigflieger. Doch ähnlich wie die deutsche Lufthansa kann auch BA die höheren Ticketpreise, die nötig sind, um solche Privilegien zu finanzieren, bei der Kundschaft immer weniger durchsetzen. Die Airline stecke "im Überlebenskampf", warnte Walsh schon vergangenes Jahr. Der BA-Chef gibt sich in der Machtprobe mit der Gewerkschaft wild entschlossen. Um sich gegen einen Streik zu wappnen, hat BA unternehmensintern bereits 1000 Freiwillige rekrutiert, die im Falle eines Arbeitskampfs als Flugbegleiter einspringen sollen.