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Griechenlandkrise Die Finsternishändler

10.07.2010 ·  Griechenland spart, besteuert und reformiert, doch der Erfolg ist keinesfalls gewiss. Es wäre die größte Reduzierung eines Budgetdefizits, die jemals von einem Mitglied der Eurozone in so kurzer Zeit unternommen wurde.

Von Michael Martens, Athen
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Nicht erst seit der jüngsten Krise weiß man: Wirtschaftswissenschaftler und Finanzfachleute sind Fachleute für Voraussagen, die nicht eintreffen. Ein bunter Strauß von fundierten Fehlprognosen begleitet ihren Weg, und ständig kommt eine neue Blüte hinzu.

Gute Aussichten auf eine Aufnahme in die Annalen entgleister Prophezeiungen hat eine Einschätzung, die noch zur Jahreswende von den Gegnern jeglicher Finanzhilfen für Griechenland gleichsam im Stundentakt vorgebracht wurde: Wenn Athen Geld erhalte und damit das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit verletzt werde, ermutige das andere Wackelkandidaten, ihre unsolide Haushaltspolitik frohgemut fortzusetzen. Schließlich hätten die Prasser und Verschwender ja gesehen, dass ihnen die reichen Staaten der Eurozone zur Not immer beispringen werden.

Die griechische Schmach als warnendes Beispiel

Tatsächlich scheint das Athener Exempel aber eher das Gegenteil zu bewirken. Kein Regierender will sein Land einem Spardiktat aussetzen wie jenem, dem sich die Regierung Papandreou in Athen unterwerfen musste. Die Regierenden in Madrid, Lissabon und anderen ausgabefreudigen Hauptstädten führen ihren Bürgern die griechische Misere als warnendes Beispiel vor Augen: Seht nur, was mit Griechenland geschehen ist! Diese Schmach, dieser Verlust der nationalen Souveränität, droht auch uns, wenn wir nicht rechtzeitig sparen.

Noch nicht entschieden ist das Schicksal einer anderen Voraussage – sie betrifft die Frage, ob Griechenland mit seinem radikalen, unter Aufsicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) ausgearbeiteten Modernisierungsprogramm Erfolg haben kann. Unter Fachleuten haben auch hier Pessimisten die intellektuelle Lufthoheit. Sie halten es für ausgemacht, das Griechenland früher oder später einen Staatsbankrott erleiden wird.

Die wenigen Optimisten gelten, wie so oft, als naiv und intellektuell zweitrangig. EU-Kommissionspräsident Barroso führte die seltsame Neigung, Schwarzseher und Zyniker für die intelligenteren Menschen zu halten, in einem Gespräch mit dieser Zeitung unlängst auf „den intellektuellen Glanz des Pessimismus“ zurück. Der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg drückte einen ähnlichen Gedanken noch schöner aus, als er über einen urteilte, der wohl stets das Ende aller Zeiten kommen sah: „Er trieb einen kleinen Finsternishandel.“

Ohne Wirtschaftswachstum nützt alles sparen nichts

Allerdings müssen auch die Optimisten zugeben, dass die Finsternishändler im Falle Griechenlands viele Argumente auf ihrer Seite haben. Das Programm zur Modernisierung des griechischen Staates wird nur dann erfolgreich sein, wenn es von deutlichem Wirtschaftswachstum begleitet ist. Bleibt das aus, nützen all die Steuererhöhungen und Kürzungen nichts. Optimisten hoffen, dass Strukturreformen die griechische Wirtschaft von den Ketten befreien werden, die sich das Land über Jahrzehnte selbst angelegt hat.

Das werde nicht viel ändern, sagen Pessimisten: Wo vorher außer Tourismus und Containerschifffahrt kaum etwas war, werde auch nachher nichts sein. Außerdem werde der Bevölkerungsrückgang Griechenland noch stärker als die meisten anderen alternden Gesellschaften Europas treffen, weil er mit der Abwanderung junger Leistungsträger verbunden ist.

„Müssen auf Staatspleiten vorbereitet sein“

In der „Financial Times Deutschland“ wurde Daniel Gros vom „Zentrum für europäische Politikstudien“ in Brüssel unlängst mit einem anderen Schwarzseher-Szenarium zitiert: „Nachdem in Argentinien vor rund zehn Jahren die Risikoprämien zu steigen begannen, hat es ungefähr zwei Jahre gedauert, bis das Land zahlungsunfähig war. Dazwischen gab es drei Programme des IWF, eines größer als das andere, und jedes sollte das Vertrauen der Märkte wiederherstellen. Es wäre besser, wenn wir auf Staatspleiten vorbereitet sind.“ Gros hätte noch hinzufügen können, dass Haushaltsdefizit und Staatsverschuldung in Buenos Aires zu Beginn der argentinischen Krise deutlicher niedriger waren als nun in Griechenland.

Einspruch der Optimisten: Das lasse sich nicht vergleichen, denn Argentinien war ganz auf sich allein gestellt, und auch der IWF war damals ein anderer. Zu den vorsichtigen Optimisten gehört der in Athen lebende deutsche Ökonom Jens Bastian: „Wenn Ende 2013 von Erfolgen bei der Umsetzung des Programms gesprochen werden kann, böte eine solche Bestandsaufnahme noch keine Garantie dafür, dass Griechenland nicht doch eine Umstrukturierung seiner Schulden vornehmen müsste. Dieses Szenario ist ebenso wenig ausgeschlossen wie die Möglichkeit, dass die Regierung Papandreou die Chance energisch nutzt, um Griechenland auf einen nachhaltigen und langfristigen Reformkurs zu steuern.“

Größte Defizitreduzierung aller Zeiten

Allerdings dürfe niemand die gewaltigen Aufgaben unterschätzen, vor denen Griechenland steht: „Was die Regierung in Athen in den kommenden drei Jahren zu leisten versucht, ist die größte Reduzierung eines Budgetdefizits, die jemals von einem Mitglied der Eurozone in so kurzer Zeit unternommen wurde.“ Bastian spricht von „einem Marathonlauf im Sprinttempo“, mit unabsehbaren politischen Nebenwirkungen und einer „nicht auszuschließenden Wahrscheinlichkeit des Scheiterns“.

Fatal wäre es laut Bastian, einen Fahrplan zum freiwilligen oder erzwungenen Austritt Griechenlands aus der Eurozone aufzustellen: „Damit würden Hedge-Fonds und andere Finanzspekulanten eine erstklassige Handreichung erhalten, um einen solchen Fahrplan zu testen – zunächst am Beispiel Griechenlands, anschließend an Spanien, Portugal, Irland und so weiter.“

„EU-Ausschluss würde uns zurück in die Eiszeit schleudern“

Der griechische Ökonom Ioannis Stournaras bezeichnet einen Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone ebenfalls als große Gefahr: „Das würde uns zurück in die Eiszeit schleudern. In dem Moment, in dem Griechenland die Eurozone verlässt, wird es bankrott sein, denn unsere Staatsschulden müssen wir in Euro zahlen, und eine neue griechische Währung verlöre umgehend an Wert.“ All die Reformen wären dann vergebens, Griechenland werde sich für immer und ewig im Griff der Märkte befinden, sagt Stournaras.

Ihre erste Wette haben „die Märkte“ auf jeden Fall schon gewonnen: Durch die Aufnahme in die Eurozone wurde die griechische Kreditwürdigkeit von dem Ramschniveau, auf dem sie sich vorher mit guten Gründen befand, in die erste Liga der Schuldner katapultiert – obwohl sie eigentlich natürlich drittklassig geblieben ist.

Der Umstand, dass Griechenland aufgenommen wurde, ohne die Kriterien für eine Aufnahme zu erfüllen, verleitete „die Märkte“ zu der Annahme, dass die Eurozone, wenn sie schon ihre eigenen Stabilitätskriterien nicht achte, ihr selbst erlassenes Gebot, dass jeder Staat im Zweifelsfall für sich selbst verantwortlich sei, im Fall des Falles ebenfalls ignorieren werde. Man könne also auch dem Ramschschuldner Griechenland Geld leihen, weil man es zur Not von anderen zurückerhalten werde. Bisher ist die Wette aufgegangen.

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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