09.12.2008 · Mehrere tausend Menschen haben nahe Athen an der Trauerfeier für den durch eine Polizeikugel getöteten 15 Jahre alten Griechen teilgenommen. Zuvor war es abermals zu schweren Ausschreitungen gekommen. Oppositionsführer Papandreou fordert den Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Karamanlis.
Von Michael Martens, AthenIm Beisein von mehreren tausend Trauergästen ist am Dienstag in einem Außenbezirk von Athen der Schüler Alexandros Grigoropoulos beerdigt worden. Mit dem Tod des 15 Jahre alten Schülers am Samstag begannen die Krawalle, die auch am Dienstag anhielt. Vor und nach der Trauerfeier kam es wieder zu Ausschreitungen und Unruhen. Schon am frühen Abend hatten sich vor dem Parlament in Athen und in der Innenstadt von Thessaloniki wieder Zusammenstöße zwischen Polizisten und Randalieren ereignet.
Oppositionsführer Papandreou von der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok) forderte den Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Karamanlis: „Die Regierung kann die Krise nicht bewältigen, und sie hat das Vertrauen des griechischen Volkes verloren.“ Das einzige, was die Regierung noch für Griechenland tun könne, sei der Rücktritt, „um ein öffentliches Urteil einzuholen, damit das Volk eine Lösung vorgeben kann“, wurde Papandreou zitiert.
Die Schulen und Universitäten des Landes blieben am Dienstag geschlossen. Das Kultusministerium erklärte den Dienstag zum Tag der Trauer. Für Mittwoch haben die Gewerkschaften zu einem Generalstreik aufgerufen. In Athen waren in der Nacht zum Dienstag Läden, Geschäftshäuser, Banken und Autos ganz oder teilweise zerstört worden. Auch Hotels wurden angegriffen.
Ohne Not erschossen?
Über den Tod von Grigoropoulos, der einer wohlhabenden Familie entstammen soll, gibt es weiter widersprüchliche Aussagen, doch häufen sich Angaben, laut denen er von einem Polizisten im Stadtteil Exarchia ohne Not erschossen worden sei.
Augenzeugen wollen beobachtet haben, dass die zwei in den Vorfall verwickelten Polizisten nicht physisch angegriffen worden seien. Vielmehr habe einer der Polizisten nach einem Wortgefecht drei Schüsse auf das Opfer abgegeben. Der Polizist behauptet indes, er habe lediglich zur Abschreckung in die Luft und einmal auf den Boden geschossen; ein Querschläger habe das Opfer getötet. Es soll jedoch eine mit einem Mobiltelefon gemachte Videoaufnahme geben, die diese Darstellung widerlegt. Das Innenministerium blieb zunächst bei der Darstellung, die Polizisten seien von etwa 30 Gewalttätern angegriffen worden.
Einer der Anwälte des Beamten, aus dessen Waffe der Schuss auf den Jugendlichen abgefeuert worden war, legte am Montag sein Mandat nieder. Er ließ verlauten, dass er einen „solchen Mandanten“ aus Gewissensgründen nicht verteidigen könne. Über den mutmaßlichen Schützen wurde bekannt, dass er wegen seines harten Durchgreifens unter dem Spitznamen „Rambo“ bekannt gewesen sei, berichtete der griechische Rundfunk.
Der Tod des 15-Jährigen hatte auch in anderen Ländern Proteste zur Folge. In Berlin hatten Demonstranten am Montag acht Stunden lang das griechische Generalkonsulat besetzt. In London wurden nach Protesten vor der dortigen griechischen Botschaft fünf Personen festgenommen. Das Auswärtige Amt rät Urlaubern, die von den Unruhen getroffenen griechischen Stadtzentren zu meiden
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
Jüngste Beiträge