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Neue Regierung in Griechenland : Nach Moskau! Nach Moskau!

Da waren sie noch Gegner: Ein griechischer Fan bei der EM 2012 beim Vorrundenspiel Griechenland gegen Russland Bild: dpa

Nirgends dürfte Syrizas Sieg mehr Freude hervorgerufen haben als im Kreml. Der griechische Außenminister hat zweifelhafte Kontakte zum russischen Rechtsradikalismus. Athen könnte weitere EU-Sanktionen gegen Moskau blockieren.

          Bei der Zeremonie zur Übergabe des Außenministeramts von Evangelos Venizelos an seinen Nachfolger Nikos Kotzias ergriff Griechenlands neuer Chefdiplomat sogleich äußerst selbstbewusst das Wort: Wer glaube, dass Griechenland nur deshalb, weil es hoch verschuldet sei, seine Souveränität und eine aktive Rolle in der europäischen Politik aufgeben werde, der irre, sagte Kotzias sinngemäß. „Wir wollen Griechen, Patrioten, Europäer und Internationalisten sein“, wurde er weiter zitiert. Am Mittwoch notierte die meist gut informierte Athener Zeitung „Kathimerini“ über diese Szene, Kotzias’ Äußerungen hätten zu einer „verbalen Konfrontation“ zwischen Venizelos und seinem Nachfolger geführt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          „Kathimerini“ wusste auch zu berichten, Moskau sei schon vorab über die Absicht des neuen griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras im Bilde gewesen, Griechenlands Vetomacht in der EU dazu einzusetzen, eine Fortsetzung oder gar Verschärfung der europäischen Sanktionen gegen Russland zu verhindern. Russland wolle als Dank für diese Athener Dienstleistung griechische Erzeugnisse von seinem Gegenembargo gegen EU-Importe ausschließen. Auch das Blatt „Eleftheros Typos“ berichtete am Mittwoch an prominenter Stelle von der Auseinandersetzung zwischen Kotzias und Venizelos. So habe Kotzias nicht benannte „EU-Partner“ bezichtigt, Athen bei der Sanktionsentscheidung vor vollendete Tatsachen gestellt zu haben, was Griechenland nicht (länger) dulden werde.

          Dass Moskau, anders als die EU-Staaten, schon frühzeitig von Kotzias´ Vorstoß informiert war, ist durchaus denkbar. Russlands Botschafter in Athen suchte bereits am Montagvormittag, also bevor die neue griechische Regierungskoalition überhaupt gebildet war, das Parteibüro der Syriza auf. Über den Inhalt seiner dortigen Gespräche wurde nichts bekannt. Dass Russlands Präsident Wladimir Putin zu den ersten ausländischen Staatschefs gehörte, die Tsipras gratulierten und ihm Erfolg unter „schwierigen Bedingungen“ wünschte, passte aber zu der naheliegenden Vermutung, die Machtübernahme Syrizas habe nirgends mehr Freude ausgelöst als im Kreml.

          Bewunderung für Putin

          Doch wer ist Nikos Kotzias? Der Athener Publizist Takis Michas nennt den neuen griechischen Außenminister zwar „fähig und gebildet“, stellt aber auch fest: „Er ist dafür bekannt, dass er Putin und den russischen Erznationalisten Alexander Dugin bewundert.“ Auf einer diesem radikalen Vordenker des „russischen Frühlings“ zugerechneten Internetseite findet sich tatsächlich ein Foto, das Dugin zusammen mit Kotzias zeigt. Das Bild soll im April 2013 in Piräus aufgenommen worden sei, wo Dugin offenbar einen Gastvortrag hielt. Kotzias war bisher Professor an der politikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Piräus. Eine Quelle aus dem Athener akademischen Milieu, die ausdrücklich nicht genannt werden wollte, bestätigte am Mittwoch gegenüber dieser Zeitung: „Kotzias hat Dugin, der seinerseits ein enger Freund der rechtsextremen griechischen Partei ,Goldene Morgenröte‘ ist, zweimal zu Vorträgen an die Universität Piräus eingeladen.“ Dugin wirbt dafür, dass Europa ein russisches Protektorat werden und sich so vor gleichgeschlechtlichen Ehen und allgemein vor Liberalismus schützen solle, der faschistisch und totalitär sei. Immer wieder hat Dugin für ein offenes militärisches Eingreifen Russlands in der Ukraine plädiert. In einem Video forderte er, Vertreter der „Kiewer Junta“ zu „töten, töten, töten“. Dugin fügte hinzu, er sage das „als Professor“. Das ist der promovierte Philosoph und Politikwissenschaftler tatsächlich, und zwar an der soziologischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität. Dugin berät zudem den Duma-Vorsitzenden Sergej Naryschkin. Im Mai vorigen Jahres war Dugin Stargast eines Treffens europäischer Rechtspopulisten im Wiener Palais Liechtenstein, wo Putin als „Erlöser“ tituliert wurde.

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