13.02.2012 · Adonis Georgiadis ist Regierungsmitglied der rechtsradikalen Partei Laos. In Athen erklärt er seinen Landsleuten, weshalb Deutschland sich den Griechen seit jeher unterlegen fühlt - und wie sein schraubstockartiger Nationalismus die EU zerstören wird.
Von Michael Martens, AthenWir sind zu spät, der Minister hat schon angefangen. Die Veranstaltung findet im großen Saal im ersten Stock des Hotels statt, aber man kann den Minister auch von der Lobby im Erdgeschoss aus hören. Er hält seine Rede nicht, er bellt sie. Also immer dem Lärm nach. Im Saal etwa 350 Zuhörer, vielleicht auch 400. Die Veranstalter hatten mindestens 500 erwartet, und die wären wohl auch gekommen, aber ausgerechnet an diesem Tag haben unheilvolle Wolken das angestammte Blau vom Himmel über Athen verdrängt. Den ganzen Nachmittag über hatte sich ein Gewitter angekündigt, das dann auch tatsächlich kam. Der Wolkenbruch und der Streik im öffentlichen Nahverkehr hielten viele davon ab, in die Innenstadt zu kommen.
Doch auch so ist die Stimmung bestens. Gemischtes Publikum, alle Altersklassen, deutlich mehr Männer als Frauen allerdings. Es spricht Adonis Georgiadis, der stellvertretende Wirtschaftsminister Griechenlands. Er weiß, wie man einen Saal im Sturm erobert. Wenige Tage zuvor hatte Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis, ein freundlicher, kultivierter Mann, dieser Zeitung ein Interview voller selbstkritischer Töne gegeben. Sein Stellvertreter spricht aber für das heimische Publikum.
Das hört sich dann so an: „Leider haben wir viele Fehler gemacht. Aber auch Europa hat viele Fehler gemacht. Europa befindet sich in einem historischen Schraubstock. Dieser historische Schraubstock ist der neue deutsche Nationalismus. Europa befindet sich auf einem Tiefpunkt in diesem Schraubstock. Der deutsche Nationalismus wird sich als schicksalhaft erweisen für das Bestehen der Europäischen Union! Nicht nur wegen der Art und Weise, wie er sich in Griechenland äußert, sondern auch für alle anderen und für den ganzen Süden. Habt keinen Zweifel daran, dass, wenn Deutschland auf diese Weise weitermacht, in Kürze die EU Vergangenheit sein wird! Leider lernen die Deutschen nicht aus ihren Fehlern. Und allgemein lernt der Westen nichts aus seinen Fehlern. Wir bezahlen heute dafür, was sich in das kollektive deutsche Unterbewusstsein eingeschrieben hat.“
An dieser Stelle erwarten die meisten Zuhörer wahrscheinlich einen Verweis auf das zwanzigste Jahrhundert, doch das ist weit gefehlt. Der Minister ist nämlich Historiker, und um seinen Zuhörern das kollektive Unterbewusstsein der Deutschen zu veranschaulichen, nimmt er sie mit ins zehnte Jahrhundert nach Christus, als der „deutsche“ König Otto II. einen Kardinal als Abgesandten nach Byzanz schickte mit dem Auftrag, beim „griechischen“ Kaiser Nikephoros Phokas um die Hand einer byzantinischen Prinzessin anzuhalten.
Nikephoros Phokas sei außer sich gewesen über die Unverschämtheit und habe den Kardinal ins Gefängnis werfen lassen, sagt der Minister, um dann drei Sätze lang mit veränderter Intonation die Rolle des byzantinischen Kaisers zu übernehmen: „Was für ein unglaublicher Affront! Otto ist kein Kaiser, sondern ein einfacher Führer eines Barbarenstammes. Kaiser gibt es nur einen.“
Der Auftritt des Ministers als Kaiser gefällt den Leuten. Die Zuhörer applaudieren. Die Erklärung, dass die Deutschen seit diesem Vorfall einen nationalen Minderwertigkeitskomplex den Griechen gegenüber empfinden und ihnen nun, wenn auch mit mehr als tausendjähriger Verspätung, in Gestalt von Angela Merkel einen Racheengel geschickt haben, kommt an. Der Minister spürt, wie die Menge mitgeht. Er berauscht sich an den eigenen Sätzen. Nikephoros II. habe dann schließlich doch noch nachgegeben, sagt Herr Georgiadis, nun nicht mehr als Kaiser, sondern wieder als stellvertretender Minister.
Der byzantinische Kaiser habe Otto „eine unbedeutende Prinzessin“ als künftige Ehefrau geschickt. Sie hieß Theophano und war keine „Purpurgeborene“, also nicht in jener angeblich mit Porphyrgestein ausgekleideten Kammer des großen Palastes von Konstantinopel zur Welt gekommen. Aber selbst als Byzantinerin zweiter Klasse war sie den deutschen Barbaren selbstverständlich noch überlegen: „Theophano brachte den Deutschen bei, mit Messer und Gabel zu essen“, sagt der Minister.
Gelächter, aufmunternde Zurufe, Applaus. Der Minister ist zufrieden mit sich, und seine Zuhörer sind es auch, denn der Minister streichelt ihre verschrammte Seele. Er fährt fort: „Allerdings sahen die Deutschen die Prinzessin als ketzerisch an, da sie einmal pro Woche ein Bad nahm, während die Deutschen nur einmal im Jahr alle gemeinsam bekleidet in den Fluss stiegen.“ Noch mehr Gelächter, sehr viel Applaus. Dann Kunstpause. Jetzt geht es um den Fall von Konstantinopel. Die Osmanen stehen vor den Toren der Stadt, und Konstantinos Paleologos, der letzte Kaiser, bittet den Westen, ihm zur Hilfe zu kommen, um die islamischen Horden zu stoppen – weil sonst ganz Europa verloren sei.
Doch der Westen nutzt die schwierige Lage des Kaisers aus. Der Papst schickt einen Gesandten, der die Orthodoxen erpresst habe. Nur wenn sie in der Hagia Sophia das Glaubensbekenntnis „auf katholische Art“ beten und sich als Abtrünnige bezeichnen, werde der Westen helfen. Dieses erniedrigende Angebot habe die politischen Führer Konstantinopels gespalten – die einen seien für den Westen gewesen, die anderen dagegen. „Wie heute“, sagt der Minister. Das Ende ist bekannt: Der Westen schickte keine Hilfe, der Islam wurde nicht aufgehalten.
Der Regen ist stark, jetzt tropft es sogar durch die Saaldecke direkt auf die technischen Gerätschaften, mit denen die Rede des Ministers aufgezeichnet wird. Jemand spannt einen Regenschirm auf. Der Minister scherzt: „Die Situation hier entspricht der in unserem Land.“ Noch ein Treffer. Doch der Minister will zurück in die Vergangenheit: „Jahrhundertelang musste der Westen dafür bezahlen, dass er damals die zehn Schiffe nicht schickte, die Konstantinopel im Kampf gegen den Islam gebraucht hätte.“ Wieder Applaus.
Nachdem er abgeklungen ist, leitet der Minister zur Gegenwart über. Heute sei Griechenland wieder ein Frontstaat, nämlich das Einfallstor für Immigranten aus dem Osten – und wieder verweigere der Westen dem Land die Hilfe. Der Minister schlägt vor, dass Deutschland als Gegenleistung für die von Angela Merkel diktierten Sparmaßnahmen „für jeden arbeitslosen Griechen vier Immigranten aufnimmt“. Applaus, Bravorufe, aufmunternde Pfiffe. „Frau Merkel soll wissen, dass wir ihr ein schönes Paket aus Pakistan schicken als Antwort auf ihre wirtschaftlichen Maßnahmen.“ Riesenapplaus. „Sollen sie doch bloß abhauen“, ruft jemand. Dass ein Grieche vier Pakistaner wert ist, versteht sich von selbst.
Mitten in die aufgeheizte Atmosphäre hinein brüllt der Minister dann jedoch etwas Überraschendes: „Ich will euch die Wahrheit sagen, auch wenn sie weh tut. Die Deutschen haben uns hässlich behandelt, sie haben uns tief beleidigt. Ihr Verhalten wird sich in unser kollektives Gedächtnis eingraben. Aber leider haben sie nicht mit allem Unrecht. Meine Damen und Herren, das, was wir als griechischen Staat bezeichnen, existiert nicht. Nicht im Geringsten.“ Stille im Saal. Niemand klatscht. Der Zwischenrufer von eben nestelt an seinem Jackettknopf.
„Wir Minister geben vor, dass der Staat existiere, und die anderen tun so, als ob er existiere. Aber es ist mir unmöglich, Ihnen das Ausmaß der Desorganisation zu beschreiben, den Mangel an Ehrgeiz, auf ein Ziel hinzuarbeiten, das Fehlen von Kreativität und jeglichen Plans. Der hinterletzte kleine Kiosk im ganzen Land ist besser organisiert als der griechische Staat.“ Kein Applaus. Der stellvertretende Minister für Entwicklung, Wettbewerbsfähigkeit und Schifffahrt (so heißt das Wirtschaftsministerium in Griechenland) hängt noch eine innenpolitische Passage an, in der er die beiden großen Parteien und ihre Führer karikiert. Das kommt besser an. Als er seine Rede beendet hat, kommt noch ein Priester der griechisch-orthodoxen Kirche auf die Bühne.
Minister Georgiadis gehört der rechtsradikalen Partei „Laos“ an, da ist das so üblich. Alle stehen auf, es wird gemeinsam für das Griechentum gebetet. Danach gibt es einen Imbiss auf Kosten der Partei. Der Regen hat aufgehört. Es tropft auch nicht mehr durch die Decke. Der Minister ist heiser. Vor dem Saal steht ein Büchertisch mit historischen Werken über den Kampf der Griechen gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg.
Die Schockwelle unter den Griechen
harm zorc (toughdown)
- 15.02.2012, 11:55 Uhr
Man sollte einmal folgenden Versuch wagen ....
Sabine Mersmann (Sabine2772)
- 15.02.2012, 00:04 Uhr
Unverschämt
Jan Lanc (JanLanc)
- 14.02.2012, 17:19 Uhr
Jenseits der Realität.
Ulrike Fäuster (Anna.Brand)
- 14.02.2012, 11:34 Uhr
Ein griechischer Narr und Volksverhetzer??
werner scheidt (werdiess)
- 13.02.2012, 22:36 Uhr
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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