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Kommentar : Auswandern als Krisenlösung

Wirtschaftlich geht es Griechenland besser als Osteuropa. Doch die Jugendarbeitslosigkeit ist weiterhin auf Rekordhoch. Bild: dpa

Griechenland geht es besser als Osteuropa, doch nirgendwo in Europa ist die Jugendarbeitslosigkeit so hoch wie dort. Die Lösung für junge Griechen liegt im Ausland.

          Wenn sonst nichts mehr hilft, kann womöglich der Populismus ein wirksames Heilmittel gegen den Populismus sein. Wären die Nebenwirkungen nicht so unberechenbar, ließe sich bedenkenlos eine entsprechende Therapie empfehlen, denn nichts nimmt dem billigen Geraune von einfachen Lösungen so viel von seinem Nimbus wie ein prahlerischer Volkstribun an der Macht.

          Lange vor den Briten, deren einst stolzgeschwellte Brexiteers bald als politische Pleitiers enden könnten, haben das die Griechen erfahren. In einigen Wochen wird der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras die Hälfte der Regierungszeit erreicht haben. Von dem panhellenischen Heilsbringer des Jahres 2015 ist allerdings nicht mehr viel übrig. Ist es wirklich erst zwei Jahre her, dass Tsipras und sein Ehrengast Pablo Iglesias von der spanischen Protestpartei Podemos einem begeisterten Publikum auf dem Athener Omonia-Platz ein „neues Europa“ versprachen, die Heimholung der Demokratie und das Ende einer angeblich ausbeuterischen und völkerfeindlichen Epoche des europäischen „Neoliberalismus“? Hieß es nicht noch gestern, der Sieg von Syriza, dem „Bündnis der radikalen Linken“, werde die Protestparteien in ganz Europa beflügeln und die deutsche Kanzlerin zwingen, ihre „falschen protestantischen Prinzipien“ (Tsipras) zu überwinden?

          Seither hat die Regierung Tsipras vor allem Lehrmaterial über die mangelnde Regierungsfähigkeit jener Kräfte in Griechenland geliefert, die allein in dem „deutschen Spardiktat“ die Ursache der Athener Misere sahen. Tsipras hat eine europäische Zukunft versprochen, in der alle bestellen und niemand zahlt. Doch er wurde schnell von seiner Zukunft eingeholt und musste lernen, dass die EU und die Eurozone anders funktionieren, als er geglaubt hatte. Es war, wie viele Griechen heute spotten, die teuerste Nachhilfestunde der Weltgeschichte.

          Jugendarbeitslosigkeit weiter auf Rekordhoch

          Man sollte den versierten Taktiker Tsipras nicht vorzeitig abschreiben, doch einen Wahltriumph wie 2015 wird er nicht wiederholen können. Der Bedarf der Griechen an Heilsbringern ist auf absehbare Zeit gedeckt. Nur die verständliche Abneigung vieler Griechen gegen die „Altparteien“ kommt Tsipras noch zugute. Doch steht ihm seit gut einem Jahr ein Oppositionsführer gegenüber, den er ernst nehmen muss: Manches von dem, was Kyriakos Mitsotakis propagiert (mehr E-Government, Verringerung der Staatsausgaben), hat man zwar – zum Teil bis in die Formulierungen hinein – schon von Giorgios Papandreou gehört, der von 2009 bis 2011 Griechenlands kontrollierten Sturzflug als Ministerpräsident verwaltete.

          Doch Papandreou hat sich für die Etage unterhalb der großen Ideen, in der es um deren Durchsetzbarkeit geht, nie interessiert – ähnlich wie Tsipras. Mitsotakis merkt man dagegen immer noch den McKinsey-Manager an, der er einmal war. An einer Reformidee interessiert ihn stets auch die Frage, ob und wie sie funktionieren könnte. Doch auch Mitsotakis hat eine Schwäche: Ihm fehlt ein überzeugendes Narrativ. Die Frage, wie ein nicht von Krediten und neuen Schulden getriebenes Wachstumsmodell für Griechenland aussehen könnte und an welchen Stellschrauben ein Athener Ministerpräsident überhaupt noch drehen kann, hat auch er noch nicht schlüssig beantwortet. Derzeit profitiert Mitsotakis mehr von Tsipras’ Schwäche als von eigener Stärke.

          Eine zentrale Frage, die wahlkämpfenden Politikern freilich kaum zumutbar ist, lautet: Geht es den Griechen eigentlich so schlecht? Ihr Durchschnittseinkommen ist mehr als dreimal so hoch wie das der Rumänen, doppelt so hoch wie in Polen und fast so hoch wie in Slowenien – und diese Staaten klagen weder über eine Krise, noch erwarten sie eine europäische Daueralimentierung der Kluft zwischen den Kosten ihrer Sozialsysteme und der Leistungskraft ihrer Wirtschaft. Solche Vergleiche werden in Griechenland freilich ungern zur Kenntnis genommen, denn das Land sieht sich grundsätzlich nicht in einer Liga mit den ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas. Sogar fast 30 Jahre nach der europäischen Wende gilt es als ungeschriebenes Gesetz, dass Griechenland den Transformationsstaaten des Ostens, selbst so bemerkenswert erfolgreichen wie Polen oder der Slowakei, überlegen sei.

          Einen wichtigen Unterschied gibt es indes tatsächlich: Die Jugendarbeitslosigkeit ist nirgends in Europa höher als in Griechenland. EU-Staaten wie Polen, Bulgarien oder Rumänien zeigen allerdings seit Jahren, was sich in solchen Fällen in Europa als Lösung anbietet. In der EU ist die Freizügigkeit der Bürger eine zentrale, vom Europäischen Gerichtshof überwachte Grundfreiheit. Da liegt es nahe, diese Freiheit zu nutzen und dorthin zu ziehen, wo die Beschäftigungschancen besser sind, etwa nach Deutschland. Für Griechenland, ein traditionelles Auswanderungsland, ist das nicht ideal, kurzfristig aber das effektivste Mittel zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit. Es wird bereits zehntausendfach angewandt. In der griechischen Krise war und ist die Abwanderung ein unverzichtbares Ventil.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

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