Home
http://www.faz.net/-gq5-12hct
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Grand Prix Singen für einen anderen Weg

10.05.2009 ·  Beim Grand Prix in Moskau treten für Israel eine Jüdin und eine Araberin gemeinsam an. Um zu verstehen, wie verwirrend die Suche nach Frieden im Nahen Osten sein kann, genügt ein Blick auf die beiden Sängerinnen.

Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Eigentlich ist der Krieg zwischen Syrien und Israel noch nicht vorüber. Aber selbst aus dem Nachbarland können zwei israelische Sängerinnen auf Unterstützung hoffen. „Salam aus Syrien! Ich hoffe, Ihr gewinnt in Moskau!“, schreibt Walid auf der Seite von Mira Awad im Internetportal My Space. Sie ist die erste arabische Sängerin, die beim Eurovision Song Contest antritt - für Israel. An der Seite der israelischen Sängerin Achinoam Nini, die unter dem Künstlernamen Noa auch in Europa bekannt ist, wird sie versuchen, sich mit dem Titel „There Must Be Another Way“ am 12. Mai im Halbfinale für die Endrunde vier Tage später zu qualifizieren.

Mira Awad gehört der großen arabischen Minderheit in Israel an: Fast eineinhalb Millionen Palästinenser haben in dem jüdischen Staat einen israelischen Pass. Die Tochter einer bulgarischen Christin und eines palästinensischen Vaters wird zudem die erste Sängerin sein, die in dem Wettbewerb auf Arabisch singen wird, das in Israel die zweite Amtssprache ist. Ihr Lied enthält aber auch englische und hebräische Passagen. Zumindest Hebräisch war beim Grand Prix schon zu hören: Dreimal gewann Israel - zuletzt 1998 mit der transsexuellen Künstlerin Dana International und ihrem Lied „Diva“.

Feigenblatt der Grausamkeiten

Im Januar dieses Jahres bekam die in New York aufgewachsene jüdische Sängerin Noa den Zuschlag, Israel in Moskau zu vertreten. Für sie sei aber von Anfang an klar gewesen, dass sie nur mit ihrer arabischen Kollegin nach Russland reisen würde, sagt Noa, die in Israel zuletzt am Holocaust-Tag in der Gedenkstätte Yad Vashem einen viel beachteten Auftritt hatte - zwar ohne Mira, mit der sie sonst aber schon lange zusammenarbeitet. Damit will sie neue Brücken zwischen den verfeindeten Nachbarn bauen, Noa stieß jedoch zunächst unter Israelis wie Palästinensern auf Ablehnung. Denn der Krieg im Gazastreifen hatte die alten Gräben noch vertieft: Vor allem Mira wurde sogar von Freunden vorgeworfen, ihre Teilnahme sei ein Erfolg israelischer Propaganda und sie laufe Gefahr, zu einer Art Feigenblatt für die Grausamkeiten zu werden, die die israelischen Soldaten in Gaza angerichtet hatten.

„Es gab viel Kritik, aber auch viel Unterstützung von Menschen, die davon überzeugt sind, dass wir, die einfachen Leute, unsere politischen Führer antreiben müssen, alles zu tun, um eine Lösung zu finden“, sagt Mira. Viel stärker besorgt ist sie aber über eine andere Entwicklung: Im Wahlkampf hatte sich Avigdor Lieberman auf Kosten ihrer arabischen Minderheit profiliert, deren Staatstreue er in Zweifel zog und von der er einen „Loyalitätstest“ verlangte; inzwischen ist Lieberman israelischer Außenminister: „Es ist schrecklich, wie er die palästinensische Bevölkerung in Israel dämonisierte. Aber ich setze immer noch darauf, dass die Israelis nicht zulassen, dass die Politik dieses Manns in die Tat umgesetzt wird“, sagt die in Tel Aviv lebende Musikerin, die auch im israelischen Fernsehen Karriere gemacht hat.

Wer ist die Araberin, wer die Israelin?

Mira Awad sind die Gemeinsamkeiten viel wichtiger, die Israelis und Palästinenser verbinden, auch wenn sie oft mit Schmerzen zu tun haben. „In unserem Lied sagt der Satz: ,When I cry, I cry for both of us, my pain has no name' eigentlich alles. Wenn wir zu dieser Art Mitgefühl mit Verlust und Leid des anderen in der Lage sind und sein Recht, gut zu leben, anerkennen können, ist das der erste Schritt zu einer Versöhnung.“

Um zu verstehen, wie verwirrend die Suche nach Frieden im Nahen Osten mitunter sein kann, genügt ein Blick auf die beiden Sängerinnen: Mit ihren vollen schwarzen Locken halten viele Noa für die Araberin. Das ist auch deshalb nicht ganz abwegig, weil ihre Vorfahren aus dem Jemen kommen. Mira wiederum wird wegen ihres europäischen Aussehens oft für die Jüdin gehalten. „Mir gefällt diese Verwirrung“, sagt Mira, „weil sie zeigt, dass in unserer Region nichts einfach ist und es zu allem mehr als eine Geschichte gibt.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

Jüngste Beiträge

Die Wahl der Ägypter

Von Wolfgang Günter Lerch

Die Ägypter haben sich in der ersten Runde der Präsidentenwahl für Kandidaten entschieden, die für Sicherheit stehen. Denn seit dem Sturz Mubaraks hat die öffentliche Ordnung im Land gelitten. Mehr 2