27.06.2007 · Sein Amt als Schatzkanzler trat Gordon Brown 1997 mit einem Paukenschlag an, der bis heute nachhallt. Nun fragen sich viele, ob er als Premierminister ebenso beginnen wird. Doch ein geeignetes Thema ist nicht in Sicht.
Von Johannes Leithäuser, LondonGordon Brown darf nicht so bleiben, wie er war, da sind sich alle einig - die Öffentlichkeit, die Mitarbeiter, die Beobachter: zu aufbrausend, zu unkollegial, zu geheimniskrämerisch sei er. Brown will indessen nicht so werden, wie sein Vorgänger war: zu selbstverliebt, zu sprunghaft, zu ereignisheischend. Der neue britische Premierminister steht am Anfang ohne Rollenkostüm da.
Bisher hat Gordon Brown auf seine öffentliche Wirkung nicht sehr geachtet - jedenfalls hat er, womöglich sorgfältig, den Eindruck zu vermitteln gesucht, sorglos zu sein über sein Bild in der Öffentlichkeit. Das war nicht nur eine Eigenart, es war auch motiviert durch den Gegensatz zu seinem Konkurrenten Blair. Brown erschien ein Jahrzehnt lang als Redner und Ehrengast zum jährlichen Festessen der Bankiers und Kaufleute der Londoner City im Straßenanzug mit Schlips, obwohl „black tie“, also Abendgarderobe auf der Einladung stand. Jetzt, beim letzten Auftritt, machte er erstmals einen Witz: Er wolle seinem Nachfolger den Rat geben, sagte Brown der Festversammlung: „Wenn du zum Jahresessen der Banker gehst, zieh einen Smoking an.“ Brown streitet jetzt auch nicht mehr ab, dass er seine Fingernägel abzukauen pflegt, aber in dem Gespräch mit einer Reporterin vom „Daily Mirror“, in dem dieser Sachverhalt erörtert wird, ballt er am Tisch doch die Hände zur Faust, damit der Redaktionsfotograf, der das Interview dokumentiert, den Beweis nicht abbilden kann.
Gleichheit und Solidarität
Browns Nüchternheit, das Desinteresse an Gesten, Stil und Etikette, lässt sich als Familienerbe des presbyterianischen Pfarrhauses in Schottland deuten, aus dem er stammt. Die puritanische Herkunft ist auch ein Kontrapunkt zum Vorgänger und dessen Hang zum Zeremoniellen: Die letzte außenpolitische Handlung Blairs bestand aus einer Audienz beim Papst, die begleitet war von aufsehenerregend umständlichen Dementis, dass dabei Einzelheiten von Blairs erwogenem Übertritt zum Katholizismus erörtert worden seien.
Brown war schon als Schüler ehrgeizig. Im Alter von 16 Jahren beendete in einer Express-Klasse die Schule. Die Labour Party hatte ihn schon im Alter von zwölf Jahren gewonnen, erst als Plakatekleber, später als Plakatetexter. Brown selbst sagt, die Werte von Gleichheit und Solidarität habe er in den Predigten seines Vaters gefunden. Als Student suchte er sich für seine Abschlussarbeit die Figur des linken schottischen Labour-Separatisten James Maxton aus, später veröffentlichte er dessen Biografie als Buch. Er blieb nach einem exzellenten Examen an der Universität, lehrte als Dozent Politikwissenschaft. Die letzten drei Jahre, bevor er 1983 mit 32 Jahren erstmals ins Unterhaus gewählt wurde, arbeitete er als Journalist beim schottischen Fernsehen.
„Eine Unterhaltung mit einem Spiegel“
Neun Jahre dauerte es dann in der Oppositionszeit von Labour (Premierministerin Thatcher regierte), bis Brown zum „Schatten“-Schatzkanzler aufgestiegen war, der zweitwichtigsten Position neben der des Oppositionsführers, die fern der Macht zu erringen ist. Als der Labour-Führer John Smith 1994 starb, wurde freilich nicht Brown dessen Nachfolger, sondern Tony Blair. Der ist jüngst wieder oft danach gefragt worden, unter welchen Umständen jene Führungsentscheidung zustande kam. Blair sagt dazu kokett, er sei halt „der richtige Mann zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle“ gewesen - was weder bestätigt noch ausschließt, dass Blair und Brown damals in einem italienischen Restaurant im Londoner Stadtteil Islington eine Vereinbarung schlossen, wonach Blair unangefochten kandidieren, Brown aber neben den Finanzen auch die gesamte wirtschaftspolitische Verantwortung haben solle und dass nach der ersten Amtszeit Blairs ein Wechsel im Premierministeramt stattzufinden habe.
Brown nutzte, so lange er auf den zweiten Teil dieser angeblichen Absprache vergeblich wartete, jedenfalls die Machtmittel, die sich aus dem ersten Teil ergaben. Er setzte seine Finanz- und Wirtschaftspolitik alleine durch. Das gelang durch viel Fachwissen und exzellente Vorbereitung, was ihm wiederum erlaubte, seine Konkurrenten zu verachten in ihrem vergeblichen Bemühen, ihm Widerstand zu leisten. Browns denke, eine Debatte sei „eine Unterhaltung mit einem Spiegel“, urteilte ein früherer Kabinettskollege. Fast seine ganze Kraft investierte Brown in die Anstrengungen, die nötig waren, diese Überlegenheit zu erreichen. Die Tochter des rumänischen Exilkönigs Michael, mit der er eine Zeit lang liiert war, sagte später über diese Beziehung, es habe sich schon um „eine solide und romantische Geschichte“ gehandelt. Aber es sei fast immer um „Politik, Politik, Politik“ gegangen, sie hingegen habe auch umhegt sein wollen.
Browns Paukenschlag
Mittlerweile ist Brown Familienvater und bekundet, das habe ihm „Glück gebracht“ - und Kummer. Die Tochter, die seine Frau Sarah Macaulay im Dezember 2001 als Frühgeburt zur Welt brachte, ihr erstes Kind, starb nach zehn Tagen. Das vierte Kind des Ehepaars Blair, ein mit viel Überraschungstrara auf der Welt begrüßter nachzügelnder Junge, war zu jener Zeit gerade eineinhalb Jahre alt. Inzwischen hat Brown zwei Söhne, drei Jahre und ein Jahr alt, der kleinere leidet an einer chronischen Krankheit.
Als Schatzkanzler begann Brown 1997 mit einem Paukenschlag, der bis zum Ende seiner Amtszeit nachhallt: Er entließ die Bank von England in die finanzpolitische Unabhängigkeit und schuf damit eine der Grundlagen für das stetige ökonomische Wachstums Großbritanniens, das zur Zeit der konservativen Vorgängerregierung seinen Anfang genommen hatte.
Politisch unabhängige Geheimdienste
Nun fragen sich viele, mit welchem Donner wohl der Premierminister Brown beginnen werde. Er selbst hat schon von einer „Unabhängigkeit“ des staatlichen Gesundheitsdienstes geredet, die allerdings keine Privatisierung, sondern allenfalls das Ende staatlichen Hineinregierens bedeuten würde. Auch ein „unabhängiges Komitee“ zur Überprüfung von Regierungsverhalten soll es eventuell geben (damit entlassene Minister nicht länger ungestraft durch Indiskretionen aus dem Kabinett Rache nehmen können).
Schließlich spricht Brown gern von größerer Unabhängigkeit für das britische Parlament, das etwa über Kriegseinsätze entscheiden solle, auch für die anglikanische Kirche, die ihre Bischöfe selbst bestimmen dürfen müsse. Und die Geheimdienste müssten „unabhängig“ sein in ihren Stellungnahmen, sie dürften sich nicht nach politischen Einflüssen richten - das verlangte Brown in einer vorsichtigen Distanzierung von der Entscheidung zum Irak-Einsatz seines Vorgängers Blair.
Misstrauen gegen dieses Reformcredo speist sich aus dem Wesen seines Verkünders. Wird Brown, der nur sich selbst vertraut, in großem Maße Verantwortung delegieren wollen? Eine Einschätzung lautet, er werde es schon deswegen tun, um bei Fehlschlägen andere Schuldige bei der Hand zu haben. Aber selbst wenn der Premierminister seine autistischen Züge überwände, bliebe fraglich, ob seine politische Überzeugung wirklich auf dem Vertrauen in die Entscheidungsfreiheit von Individuen und Gruppen ruht oder er nicht doch die kluge staatliche Lenkung für wirksamer hält.
Das Volk wartet auf den Truppenabzug
Bisher gibt Brown auch Beispiele dafür, dass die zweite Vermutung gilt. So versprach er jüngst, er wolle eine Million Sozialhilfeempfänger zurück in den Arbeitsmarkt holen, zwar nicht direkt durch staatliche Programme, sondern über „freie“ Vereinbarungen mit der Wirtschaft. Die soll sich aber verpflichten, durch Firmenprogramme, etwa beim Bau des Olympiageländes und über andere Aktionen, die Wohlfahrtsempfänger wieder ans Arbeitsleben zu gewöhnen.
Ähnliche Zweifel weckt Browns Beteuerung, es solle keinen „spin“, keine zielgerichtete Beeinflussung und Aufmerksamkeitslenkung der Medien mehr geben, wie sie geradezu zum Markenzeichen mindestens der ersten Regierungsjahre von „New Labour“ geworden war. Aber wird einer, der die Wirkung seiner politischen Aktionen bis in die Wohnzimmer der Wähler kalkulieren will, darauf wirklich verzichten? Außenpolitische Akzente hat Brown bisher nur bei solchen Themen gesetzt, die ihm am Herzen, dem Publikum aber weniger nahe liegen, beispielsweise durch leidenschaftliche Aufrufe zu mehr Bildungs- und Gesundheitshilfe für Afrika.
Die Mehrheit der Bevölkerung wartet eher auf Ankündigungen des Truppenabzugs aus dem Irak oder auf Distanzierungsgesten gegenüber dem amerikanischen Präsidenten Bush. Bei diesen Angelegenheiten aber ist mit brownschen Paukenschlägen nicht zu rechnen. Dass Brown nichts gemein haben will mit seinem Vorgänger, gilt für dessen Wesen, nicht für dessen Politik.