05.09.2010 · Können Sie sich vorstellen, dass Anne Will oder Peter Hahne oder gar Peter Kloeppel zur Großdemonstration am Brandenburger Tor in Berlin aufrufen? In den Vereinigten Staaten ist das möglich: Ein Fernsehmoderator macht Politik. Glenn Beck will Amerika zur Umkehr bewegen
Von Matthias Rüb, WashingtonKönnen Sie sich vorstellen, dass Anne Will oder Peter Hahne oder gar Peter Kloeppel zur Großdemonstration am Brandenburger Tor in Berlin aufrufen? Und dass dann Zehn- oder Hunderttausende kommen und die Straße des 17. Juni bis zum Großen Stern und darüber hinaus füllen? Wohl kaum. Aber in Amerika gibt es vieles, was wir uns in Deutschland nicht vorstellen können, in Washington ist es zu einem solchen Ereignis gekommen.
Aufgerufen zu der Kundgebung zur „Wiederherstellung der Ehre“ Amerikas hatte Glenn Beck, und es kamen Zehn- oder gar Hunderttausende. Bis heute wird heftig darüber gestritten, wie viele Demonstranten sich am Samstag vor einer Woche am Fuße des Lincoln Memorials auf der National Mall versammelten. Waren es 300 000 bis 500 000, wie Beck später in der Polit-Show „Glenn Beck“ bei seinem Haussender Fox News behauptete? Oder waren es knapp 90.000, wie der Fernsehsender CBS nach der Auswertung von Luftaufnahmen schätzte? Jedenfalls waren es viele, sehr viele Menschen. Die meisten waren mit Bussen angereist, viele waren tage- und nächtelang unterwegs.
Man kann Moderatoren von Nachrichten und politischen Talk-Shows bei ARD, ZDF oder RTL nicht mit den „Anchors“ amerikanischer Fernsehstationen vergleichen. Die Anker-Männer und -Frauen in Amerika sind eine Mischung aus Nachrichtensprecher, Showstar, Sachbuchautor, Polit-Clown und moralischer Instanz - mit jeweils unterschiedlichem Anteil der Zutaten.
Sie sind Berühmtheiten mit fetten Gehältern. Sie werden in Klatschblättern porträtiert, sind Gegenstand wütender Debatten in Blogs und gehen am Ende manchmal selbst in die Politik.
Der unangefochtene Quotenkönig in Amerika
Wahrscheinlich ist Glenn Beck von Fox News derzeit der einflussreichste „Anchor“ im amerikanischen Fernsehen. In jedem Fall ist er der amtierende Aufsteiger. Seit Jahr und Tag ist der konservative Nachrichtensender aus dem Hause „News Corporation“ des australisch-amerikanischen Medienmoguls Rupert Murdoch der unangefochtene Quotenkönig in Amerika.
Bei den durchschnittlichen Zuschauerzahlen belegen die täglichen Polit-Shows auf Fox News derzeit die ersten zwölf Plätze. Von morgens früh bis abends spät schauen mehr Menschen Fox News als die anderen Kabelsender CNN, MSNBC und Headline News zusammengenommen. Glenn Beck, der 2006 überhaupt erst zum Fernsehen kam, ist seit Oktober 2008 bei Fox News und bekam im Januar 2009 seine eigene tägliche Newsshow. Im Schnitt verfolgen zwei Millionen Zuschauer „Glenn Beck“, ausgestrahlt um 17 Uhr.
Becks Jahreseinkommen wird auf 32 Millionen Dollar geschätzt. Dazu trägt sein Zwei-Millionen-Salär bei Fox News nur einen kleinen Teil bei. Die übrigen Einkünfte erzielt er mit seiner dreistündigen täglichen Radioshow „The Glenn Beck Program“, die auf 300 Lokalsendern von Premiere Radio Networks ausgestrahlt wird, mit dem Verkauf seiner zahlreichen Bestseller-Bücher - zuletzt ein Science-Fiction-Roman - sowie mit Redeauftritten und dem Verkauf von Fan-Artikeln.
„Die Bürgerrechtsbewegung zurückerobern“
Die Massendemonstration in der Hauptstadt war der vorläufige Höhepunkt der Karriere von Glenn Beck, der 1964 in Mount Vernon im Bundesstaat Washington an der Pazifikküste geboren wurde. Mit der Kundgebung sollte „die Bürgerrechtsbewegung zurückerobert“ werden, und zwar von den Linken um Präsident Barack Obama, den politisch und auch persönlich anzugreifen Glenn Beck nimmer müde wird.
Dennoch beteuerte Beck, es sei Zufall und eine Laune seines übervollen Terminkalenders gewesen, dass die Kundgebung ausgerechnet auf den 28. August festgesetzt worden sei, mithin auf jenen Tag, an dem 47 Jahre zuvor der schwarze Bürgerrechtler und Pastor Martin Luther King beim „Marsch auf Washington“ für Jobs und Gerechtigkeit seine historische Rede vom Traum eines mit sich selbst versöhnten Amerikas gehalten hatte.
Protest richtet sich auch gegen Präsident Obama
Dass der von Glenn Beck organisierte Protest gegen Werteverfall und Gottlosigkeit, gegen Schuldenmacherei, Regulierungswut und Steuererhöhungen sich auch gegen den ersten schwarzen Präsidenten Amerikas richtete, war vielen Veteranen der Bürgerrechtsbewegung sauer aufgestoßen.
Bei früherer Gelegenheit hatte Beck Präsident Obama einen Rassisten gescholten und ihm einen „tiefsitzenden Hass auf Weiße und auf weiße Kultur“ vorgeworfen. Später distanzierte er sich zwar von seiner Tirade, aber eher von deren Stil als vom Inhalt.
Der schwarze Pastor und Politiker Al Sharpton hatte für den 28. August zur Gegendemonstration unter dem Motto „Den Traum erneuern“ aufgerufen. Doch zu Sharpton kamen nur ein paar hundert Leute, zu denen auch Martin Luther King III., der Sohn des 1968 ermordeten Friedensnobelpreisträgers gehörte.
Dagegen vermochte Beck die konservative Pastorin, Autorin und politische Aktivistin Alveda King zu mobilisieren, eine Nichte Martin Luther Kings, die mit Beck die entschiedene Ablehnung der Abtreibung sowie der Homo-Ehe teilt und ihre Rede mit zahlreichen „Hallelujah“-Rufen schmückte.
Beck, ein Liebling und Wortführer der „Tea Party“, trat zugleich als Hauptredner und Moderator auf. In stark religiös gefärbten Reden rief er immer wieder dazu auf, die „Ehre“ Amerikas wiederherzustellen. „Etwas, was jenseits unserer Vorstellungskraft liegt, vollzieht sich soeben“, rief Beck: „Amerika beginnt heute, sich wieder Gott zuzuwenden.“
Die von einer Gottesepiphanie angestoßene Umkehr vom Irrweg, die sich Beck für Amerika wünscht, hat er selbst erlebt. Schon im Alter von 13 Jahren bekam Beck, der wie besessen mit einem Kassettenrekorder seine Stimme fürs Radio trainiert hatte, seine erste Chance, als DJ in einer Morgenshow in seiner Heimatstadt Mount Vernon aufzutreten - und reüssierte. Die nächste Station seiner Radiokarriere, die er nach dem Schulabschluss ohne Umweg über ein Studium fortsetzte, war Provo in Utah. Dort kam er erstmals mit dem Mormonentum in Berührung; er wandte sich mit Grausen und Spott von den fleißigen Frömmlern ab - und stattdessen Alkohol und Marihuana zu.
Es folgte der Aufstieg zu immer größeren Radiosendern in der Hauptstadt Washington, in Kentucky, in Arizona, in Texas, in Florida und in Maryland mit immer schrilleren, stets erfolgreichen Morgenshows - und immer höheren Gehältern. Und es folgte der Abstieg in Kokainsucht und Selbstmordgedanken. Becks alkoholkranke Mutter war nach der Scheidung vom Vater auf mysteriöse Weise bei einem Bootsausflug ertrunken. Beck ist überzeugt, sie habe sich umgebracht. Seine erste Ehe, aus der zwei Töchter hervorgingen, scheiterte. Und dann zogen Umkehr und Erlösung in Glenn Becks Leben ein - durch Gottes Führung, wie er glaubt. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau trat er der einst verachteten Mormonenkirche bei. Statt plärrender Morgenshows machte Beck konservativen Polit-Talk im Radio, später im Fernsehen. Heute lebt er mit den zwei Kindern aus erster und zwei weiteren Kindern aus zweiter Ehe in Connecticut nördlich von New York. Mit Gottes Hilfe hat er auf den rechten Weg zurückgefunden. Jetzt will er, dass ihm Amerika folgt.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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