Home
http://www.faz.net/-gpf-74ysq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 11.12.2012, 12:06 Uhr

Gleichstellung in Frankreich Frigide Durchgeknallts Familienwerte

Es sind keine Sittenwächter alter Schule, die in Frankreich gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle protestieren. Das Bündnis von Franzosen, die allen Kindern ihre Maman und ihren Papa sichern wollen, hat Präsident Hollande auf dem falschen Fuß erwischt.

© AFP Am Rande einer Demonstration gegen die Homosexuellen-Ehe und die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare in Paris zeigte diese beiden heterosexuellen jungen Frauen im November, was sie davon halten - vor den Augen der geschockten Demonstranten

Den Namen Frigide Barjot wird sich der französische Präsident merken müssen. So heißt die 50 Jahre alte Organisatorin der Demonstrationen gegen die Homo-Ehe. Oder besser, so nennt sie sich: Frau Frigide Durchgeknallt! Ihr Pseudonym verdankt sie einem Wortspiel über die Filmdiva Brigitte Bardot. Das sagt sie mit einem großen Lächeln und erklärt dann, warum sie seit mehreren Wochen unermüdlich den Widerstand gegen das von den Sozialisten geplante Gesetz zur Homo-Ehe organisiert. „Die Gesellschaft ist in ihren Grundfesten bedroht“, sagt sie. Die Linksregierung will homosexuelle Paare mit heterosexuellen Paaren gleichsetzen, die Bezeichnung Vater und Mutter soll deshalb durch Elternteil 1 und Elternteil 2 im bürgerlichen Gesetzbuch ersetzt werden.

Michaela Wiegel Folgen:

Frigide Barjot wedelt mit einem rot eingebundenen Exemplar des „Code Civil“. „Das ist Wahnsinn. Ein Kind braucht einen Papa und eine Mama und nicht irgendwelche geschlechtsneutralen administrativen Begriffe“, sagt die Frau, die sich eine besorgte Familienmutter nennt. Sie sieht eher wie eine in die Jahre gekommene Disco-Queen aus, mit den blonden Haaren, die so echt wie ihr Name sind, den spitzen Stöckelstiefeletten zur weißen Spitzenhose und schwarzen Lederjacke. Die wortgewaltige Frau hat es innerhalb kurzer Zeit verstanden, den Protest gegen den Gesetzentwurf zu organisieren und ein buntes Kollektiv aus Vereinen, Verbänden und Privatleuten als „Manifpourtous“ (“Demo für alle“) ins Leben zu rufen - als Gegenstück zur geplanten „Ehe für alle“.

„Manipulation der Homosexuellen“

Einer ersten „Demo für alle“ schlossen sich Mitte November mehrere hunderttausend Franzosen in etlichen Städten an. Allein in Paris protestierten nach Schätzungen der Organisatoren 200.000 Menschen; am vergangenen Wochenende sollen es 50.000 gewesen sein. Sie legen dabei Wert darauf, nicht in die Nähe von reaktionären oder sektiererischen Gruppen gerückt zu werden. „Wir sind nicht gegen die Homosexualität. Wir wissen, was Schwulenhass anrichten kann. Aber die Homosexuellen werden über den Gesetzentwurf manipuliert“, sagt Frigide Barjot.

Xavier Bougibault pflichtet ihr bei. Der junge Mann steht der Homosexuellenvereinigung „Plus gay sans mariage“ (“Schwuler ohne Heirat“) vor. Er sagt, es sei ein bedauerlicher Irrtum zu glauben, dass alle Homosexuellen nach einer Gleichsetzung mit Heterosexuellen strebten. „Ich bin mit Vater und Mutter aufgewachsen und bin dankbar darüber“, sagt Bougibault. Es sei gefährlich, wenn der Gesetzgeber gegen die biologische Evidenz vorgehe und so tue, als spiele der Geschlechterunterschied für die Menschheit keine Rolle.

Manifestation contre le Mariage pour tous - gay - et l'Adoption d'enfants par les Homosexuels © Xavier POPY/REA/laif Vergrößern Für alle: Frigide Barjot (Mitte) auf einer Demonstration am 17. November in Paris

François Hollande hatte das Versprechen über die „Ehe für alle“ im Wahlkampf abgegeben, um sich die Stimmen der homosexuellen Wählerschaft zu sichern. Vom Gegenwind aus der Zivilgesellschaft zeigt er sich jetzt überrascht. Die parlamentarische Debatte über den Gesetzentwurf ließ er auf Mitte Januar vertagen. Vor der jährlichen Konferenz der französischen Bürgermeister sinnierte er kürzlich über ein „Recht auf Gewissensentscheidung“ bei gleichgeschlechtlichen Eheschließungen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Frankreich Nationalversammlung stimmt für Notstandsgesetze

Das französische Parlament nimmt das Gesetz zum Schutz der Nation zwar an, eine breite Mehrheit für die Verfassungsänderung gibt es aber nicht. Vor allem bei einem Punkt gibt es heftigen Streit. Mehr Von Michaela Wiegel

10.02.2016, 17:17 Uhr | Politik
Italien Tausende protestieren für Homo-Ehe

In Italien haben Tausende Menschen in Dutzenden Städten des Landes für aber auch gegen gleichgeschlechtliche Ehen demonstriert. In der kommenden Woche soll im Senat in Rom ein entsprechendes Gesetz für die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft diskutiert werden. Mehr

24.01.2016, 22:40 Uhr | Politik
Ehegattensplitting Und das soll gerecht sein?

Unverheiratete Paare zahlen Tausende Euro mehr Steuern als Eheleute. Das ist ziemlich ungerecht - und ließe sich gerechter machen. Mit einer ungewöhnlichen Lösung. Mehr Von Dyrk Scherff

01.02.2016, 15:14 Uhr | Finanzen
Frankreich Hollande fordert Ende von Amerikas Sanktionen gegen Kuba

Der französische Staatschef empfing den kubanischen Präsidenten Raul Castro zu einem Staatsbesuch in Paris. Dabei forderte er ein Ende der amerikanischen Sanktionen gegen Kuba. Mehr

02.02.2016, 08:55 Uhr | Politik
Hollandes Kampf gegen Terror Allein auf weiter Flur

Präsident Hollande steht mit der Idee, Terroristen die französische Staatsbürgerschaft zu entziehen, plötzlich ziemlich einsam da. Selbst Parteifreunde wenden sich ab. Die geplante Verfassungsänderung entwickelt sich zum Fiasko. Mehr Von Michaela Wiegel

04.02.2016, 07:54 Uhr | Politik

Der Westen will keinen kalten Krieg

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Es wäre wünschenswert, wenn es zu einem neuen west-östlichen Frühling käme. Und wenn man sich vertrauen könnte. Der russische Ministerpräsident hat in München beteuert, Moskau wolle genau das. Es könnte ja etwas dafür tun. Mehr 14 31