Home
http://www.faz.net/-gq5-74ysq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Gleichstellung in Frankreich Frigide Durchgeknallts Familienwerte

Es sind keine Sittenwächter alter Schule, die in Frankreich gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle protestieren. Das Bündnis von Franzosen, die allen Kindern ihre Maman und ihren Papa sichern wollen, hat Präsident Hollande auf dem falschen Fuß erwischt.

© AFP Vergrößern Am Rande einer Demonstration gegen die Homosexuellen-Ehe und die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare in Paris zeigte diese beiden heterosexuellen jungen Frauen im November, was sie davon halten - vor den Augen der geschockten Demonstranten

Den Namen Frigide Barjot wird sich der französische Präsident merken müssen. So heißt die 50 Jahre alte Organisatorin der Demonstrationen gegen die Homo-Ehe. Oder besser, so nennt sie sich: Frau Frigide Durchgeknallt! Ihr Pseudonym verdankt sie einem Wortspiel über die Filmdiva Brigitte Bardot. Das sagt sie mit einem großen Lächeln und erklärt dann, warum sie seit mehreren Wochen unermüdlich den Widerstand gegen das von den Sozialisten geplante Gesetz zur Homo-Ehe organisiert. „Die Gesellschaft ist in ihren Grundfesten bedroht“, sagt sie. Die Linksregierung will homosexuelle Paare mit heterosexuellen Paaren gleichsetzen, die Bezeichnung Vater und Mutter soll deshalb durch Elternteil 1 und Elternteil 2 im bürgerlichen Gesetzbuch ersetzt werden.

Michaela Wiegel Folgen:    

Frigide Barjot wedelt mit einem rot eingebundenen Exemplar des „Code Civil“. „Das ist Wahnsinn. Ein Kind braucht einen Papa und eine Mama und nicht irgendwelche geschlechtsneutralen administrativen Begriffe“, sagt die Frau, die sich eine besorgte Familienmutter nennt. Sie sieht eher wie eine in die Jahre gekommene Disco-Queen aus, mit den blonden Haaren, die so echt wie ihr Name sind, den spitzen Stöckelstiefeletten zur weißen Spitzenhose und schwarzen Lederjacke. Die wortgewaltige Frau hat es innerhalb kurzer Zeit verstanden, den Protest gegen den Gesetzentwurf zu organisieren und ein buntes Kollektiv aus Vereinen, Verbänden und Privatleuten als „Manifpourtous“ (“Demo für alle“) ins Leben zu rufen - als Gegenstück zur geplanten „Ehe für alle“.

„Manipulation der Homosexuellen“

Einer ersten „Demo für alle“ schlossen sich Mitte November mehrere hunderttausend Franzosen in etlichen Städten an. Allein in Paris protestierten nach Schätzungen der Organisatoren 200.000 Menschen; am vergangenen Wochenende sollen es 50.000 gewesen sein. Sie legen dabei Wert darauf, nicht in die Nähe von reaktionären oder sektiererischen Gruppen gerückt zu werden. „Wir sind nicht gegen die Homosexualität. Wir wissen, was Schwulenhass anrichten kann. Aber die Homosexuellen werden über den Gesetzentwurf manipuliert“, sagt Frigide Barjot.

Xavier Bougibault pflichtet ihr bei. Der junge Mann steht der Homosexuellenvereinigung „Plus gay sans mariage“ (“Schwuler ohne Heirat“) vor. Er sagt, es sei ein bedauerlicher Irrtum zu glauben, dass alle Homosexuellen nach einer Gleichsetzung mit Heterosexuellen strebten. „Ich bin mit Vater und Mutter aufgewachsen und bin dankbar darüber“, sagt Bougibault. Es sei gefährlich, wenn der Gesetzgeber gegen die biologische Evidenz vorgehe und so tue, als spiele der Geschlechterunterschied für die Menschheit keine Rolle.

Manifestation contre le Mariage pour tous - gay - et l'Adoption d'enfants par les Homosexuels © Xavier POPY/REA/laif Vergrößern Für alle: Frigide Barjot (Mitte) auf einer Demonstration am 17. November in Paris

François Hollande hatte das Versprechen über die „Ehe für alle“ im Wahlkampf abgegeben, um sich die Stimmen der homosexuellen Wählerschaft zu sichern. Vom Gegenwind aus der Zivilgesellschaft zeigt er sich jetzt überrascht. Die parlamentarische Debatte über den Gesetzentwurf ließ er auf Mitte Januar vertagen. Vor der jährlichen Konferenz der französischen Bürgermeister sinnierte er kürzlich über ein „Recht auf Gewissensentscheidung“ bei gleichgeschlechtlichen Eheschließungen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Homo-Ehe wieder abschaffen? Sarkozy und die Vorlieben der Franzosen

Der frühere französische Präsident Nicolas Sarkozy will die Homo-Ehe wieder abschaffen. Dafür wird er nun heftig kritisiert – sogar von seinen engsten Vertrauten. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

17.11.2014, 18:09 Uhr | Politik
Kampf gegen die Krise Frankreich will Kündigungsschutz lockern

Um die Wirtschaft zu beleben, treibt Frankreich neben mehr verkaufsoffenen Sonntagen auch die Lockerung des Kündigungsschutzes voran. Die Gewerkschaften protestieren lautstark. Für Präsident Hollande wird die Debatte zum Balanceakt. Mehr

18.11.2014, 21:15 Uhr | Wirtschaft
Bunte Auswahl an Demos Themenwochenende Toleranz in Hannover

Eine Woche nach der Hooligan-Demonstration wurde in Hannover gleich wieder ausgiebig demonstriert. Dieses Mal allerdings zu vielen verschiedenen Themen. So vielfältig, dass die Polizei nicht immer den Überblick hatte. Mehr Von Reinhard Bingener, Hannover

23.11.2014, 14:10 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.12.2012, 12:06 Uhr

Gabriels Stunde

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Der Wirtschaftsminister kämpft im Bundestag mit Leidenschaft für ein Freihandelsabkommen. Gut so. Die Weltwirtschaft ist kein deutsches Wunschkonzert. Mehr 76 26