Den Namen Frigide Barjot wird sich der französische Präsident merken müssen. So heißt die 50 Jahre alte Organisatorin der Demonstrationen gegen die Homo-Ehe. Oder besser, so nennt sie sich: Frau Frigide Durchgeknallt! Ihr Pseudonym verdankt sie einem Wortspiel über die Filmdiva Brigitte Bardot. Das sagt sie mit einem großen Lächeln und erklärt dann, warum sie seit mehreren Wochen unermüdlich den Widerstand gegen das von den Sozialisten geplante Gesetz zur Homo-Ehe organisiert. „Die Gesellschaft ist in ihren Grundfesten bedroht“, sagt sie. Die Linksregierung will homosexuelle Paare mit heterosexuellen Paaren gleichsetzen, die Bezeichnung Vater und Mutter soll deshalb durch Elternteil 1 und Elternteil 2 im bürgerlichen Gesetzbuch ersetzt werden.
Frigide Barjot wedelt mit einem rot eingebundenen Exemplar des „Code Civil“. „Das ist Wahnsinn. Ein Kind braucht einen Papa und eine Mama und nicht irgendwelche geschlechtsneutralen administrativen Begriffe“, sagt die Frau, die sich eine besorgte Familienmutter nennt. Sie sieht eher wie eine in die Jahre gekommene Disco-Queen aus, mit den blonden Haaren, die so echt wie ihr Name sind, den spitzen Stöckelstiefeletten zur weißen Spitzenhose und schwarzen Lederjacke. Die wortgewaltige Frau hat es innerhalb kurzer Zeit verstanden, den Protest gegen den Gesetzentwurf zu organisieren und ein buntes Kollektiv aus Vereinen, Verbänden und Privatleuten als „Manifpourtous“ (“Demo für alle“) ins Leben zu rufen - als Gegenstück zur geplanten „Ehe für alle“.
„Manipulation der Homosexuellen“
Einer ersten „Demo für alle“ schlossen sich Mitte November mehrere hunderttausend Franzosen in etlichen Städten an. Allein in Paris protestierten nach Schätzungen der Organisatoren 200.000 Menschen; am vergangenen Wochenende sollen es 50.000 gewesen sein. Sie legen dabei Wert darauf, nicht in die Nähe von reaktionären oder sektiererischen Gruppen gerückt zu werden. „Wir sind nicht gegen die Homosexualität. Wir wissen, was Schwulenhass anrichten kann. Aber die Homosexuellen werden über den Gesetzentwurf manipuliert“, sagt Frigide Barjot.
Xavier Bougibault pflichtet ihr bei. Der junge Mann steht der Homosexuellenvereinigung „Plus gay sans mariage“ (“Schwuler ohne Heirat“) vor. Er sagt, es sei ein bedauerlicher Irrtum zu glauben, dass alle Homosexuellen nach einer Gleichsetzung mit Heterosexuellen strebten. „Ich bin mit Vater und Mutter aufgewachsen und bin dankbar darüber“, sagt Bougibault. Es sei gefährlich, wenn der Gesetzgeber gegen die biologische Evidenz vorgehe und so tue, als spiele der Geschlechterunterschied für die Menschheit keine Rolle.
François Hollande hatte das Versprechen über die „Ehe für alle“ im Wahlkampf abgegeben, um sich die Stimmen der homosexuellen Wählerschaft zu sichern. Vom Gegenwind aus der Zivilgesellschaft zeigt er sich jetzt überrascht. Die parlamentarische Debatte über den Gesetzentwurf ließ er auf Mitte Januar vertagen. Vor der jährlichen Konferenz der französischen Bürgermeister sinnierte er kürzlich über ein „Recht auf Gewissensentscheidung“ bei gleichgeschlechtlichen Eheschließungen.
Der Präsident erhielt dafür viel Applaus von den Bürgermeistern, die in Frankreich standesamtliche Aufgaben erfüllen und nicht zu gleichgeschlechtlichen Eheschließungen gezwungen werden wollen. Manche Bürgermeister verweisen auf das Recht von Ärzten, keine Abtreibungen vorzunehmen. Doch Hollandes Äußerung rief sofort einen Proteststurm von den homosexuellen Lobbygruppen hervor, die dem Präsidenten „Verrat“ vorhielten. Hollande druckste daraufhin herum, er habe das alles nicht so gemeint und das Gesetz, sollte es einmal beschlossen sein, müsse natürlich von allen Bürgermeistern respektiert werden. Hollandes Lebensgefährtin Valérie Trierweiler indessen kündigte an, sie werde - sobald das Gesetz in Kraft getreten sei - zwei befreundeten Homosexuellen als Trauzeugin bei deren Eheschließung beistehen.
Alternative zur Ehe
Frigide Barjot und ihre Mitstreiter aber hoffen, dass es nicht so weit kommt. Sie fordern, „Generalstände über die Familie“ einzuberufen, eine große nationale Debatte über die Grundlagen der französischen Gesellschaft zu führen, bevor das Gesetz in die Nationalversammlung eingebracht wird. Auch linke Vereine haben sich von der „Homo-Ehe“ distanziert, die ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare sowie Anspruch auf moderne Fortpflanzungsmedizin vorsieht. „Ich habe für Hollande gestimmt, aber ich kann nicht widerspruchslos hinnehmen, wie die traditionelle Familie zerstört wird“, sagt Laurence Tcheng vom Verein „La Gauche pour le mariage républicain“ (Die Linke für die republikanische Ehe). Sie spricht von Einschüchterungsmanövern, weil sie gegen das Vorzeigeprojekt aufbegehre. „Es braucht viel Mut, als Linke die gewachsenen Familienstrukturen in unserem Land zu verteidigen“, sagt Frau Tscheng. Auf ihrem Pullover halten sich eine Frau, ein Mann und zwei Kinder an den Händen - das Logo des Kollektivs „Demo für alle“.
Seit 1999 gibt es in Frankreich die eingetragenen Lebenspartnerschaften („Pacs“), die homosexuelle Paare in steuerlichen und erbrechtlichen Fragen mit heterosexuellen Paaren gleichstellen. Als Alternative zur Ehe ist der einfach im Amtsgericht oder beim Notar abzuschließende „Pacs“ auch bei heterosexuellen Paaren sehr beliebt. Aber einigen sehr gut vernetzten homosexuellen Lobbygruppen genügte diese finanzielle Gleichstellung nicht. Sie verlangten die Freigabe der Adoption und insbesondere der in Frankreich von der staatlichen Krankenversicherung finanzierten Reproduktionsmedizin. So entstand das Gesetzesvorhaben zur Homoehe, das Hollande im wenig sittenstrengen Frankreich leicht durchsetzbar wähnte.
Verunsichert durch das Gesetz
Doch jetzt hat der Präsident nicht nur die Vertreter aller Religionen gegen sich aufgebracht, sondern ganz gewöhnliche Familien, die um ihre Grundwerte bangen. Auch Franzosen muslimischer Herkunft sind irritiert. „Wir sind nicht sehr erfahren beim Protestieren. Aber ich kann Ihnen versichern, dass die meisten Franzosen muslimischen Glaubens zutiefst verunsichert sind durch das Gesetz“, sagt Camel Bechikh vom Verein „Fils de France“ (Söhne Frankreichs). Der aus Lyon stammende Unternehmer Jean-Baptiste Labouche berichtet, wie er in der Großstadt an der Rhône den Widerstand organisierte: „Angefangen hat alles bei einem einfachen Gespräch am Küchentisch mit Freunden. Wir gehen nie zu Demonstrationen. Aber wir haben uns gesagt: die Familie ist uns so wichtig, dass wir jetzt etwas tun müssen.“ Er habe einige Vereine kontaktiert, die wiederum andere Netze mobilisierten, und „schließlich waren wir 30.000 Franzosen, die friedlich in Lyon protestiert haben“, freut sich Labouche.
“Unser Kampf ist erst beendet“, sagt Frigide Barjot, „wenn die Regierung den Gesetzentwurf zurückzieht und eine Debatte zulässt.“
Theologie ist nicht Politik
Robert Niedermeier (Reiserobby)
- 12.12.2012, 21:13 Uhr
Ich bekenne mich ebenso dazu, konservative Werte zu vertreten, allerdings..
Lucas Janssen (Lucas73)
- 12.12.2012, 13:58 Uhr
"Frigide Durchgeknallt"?
Björn Schumacher (WahrerDeutscher)
- 12.12.2012, 13:37 Uhr
Homoehe ist keine Ehe
Norbert Lohbreyer (Camol)
- 12.12.2012, 13:07 Uhr
Totaloperation
C. Müller (Chrizz)
- 12.12.2012, 10:04 Uhr
