12.11.2007 · Beim Gipfeltreffen zwischen Frankreich und Deutschland ging es vor allem um das Thema „Integration“ - und alle machten brav mit: Merkel und Sarkozy diskutierten mit Schülern aus Einwandererfamilien, Steinmeier und Kollege Kouchner sangen deutsch-türkischen Pop im Duett.
Von Wulf Schmiese, BerlinDiesmal sollte es ganz anders zugehen zwischen Frankreich und Deutschland, beim 88. Gipfeltreffen seit dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag. „Unsere beiden Länder haben sich gehasst“, sagt Nicolas Sarkozy zum Abschluss im Bundeskanzleramt; es ist sein erster Gipfel dieser Art als Präsident Frankreichs.
„Dank unserer großen Vorgänger haben wir es geschafft, Frieden zu schließen.“ Dann lächelt er jener Frau neben ihm zu, die er nur „Andschellà“ nennt und von der er bloß „Nickolla“ genannt wird.
Chirac und Schröder sind passé
Mit den großen Vorgängern, die Sarkozy rühmt und deren Werk er und Bundeskanzlerin Merkel an diesem Montag fortsetzen, sollen keineswegs Chirac und Schröder gemeint sein. Deren Namen sind hier passé. Gedacht wird Adenauers und de Gaulles, die 1963 im Elysée-Palast beschlossen, dass sich die Führung ihrer beiden Länder „mindestens zweimal jährlich“ trifft. Zudem sollten einzelne Fachminister in stetem Kontakt bleiben.
Beim 80. Gipfeltreffen war die Tradition geändert geworden, und zwar von Präsident Chirac und Bundeskanzler Schröder. Sie beschlossen, dass beider Kabinette gleich zu den Gipfeltreffen hinzukommen sollten, die jedes Frühjahr und jeden Herbst abwechselnd in Paris und Berlin stattfinden. Ministerratstreffen heißt diese junge Tradition seit 2003, mit der Frau Merkel nun in Berlin abermals bricht.
An die Ränder der deutschen Hauptstadt
Tagten zuvor die Minister nur miteinander in großer Runde, trieb die Bundeskanzlerin sie vor die Tür, weit hinaus an die Ränder der deutschen Hauptstadt. „Ausschwärmaktion“ wird das genannt. Es ist eine Idee, die Frau Merkel als CDU-Vorsitzende seit Jahren verwirklicht:
Wenn sich vor Landtagswahlen das CDU-Präsidium im Wahlland trifft, schickt sie ihre Minister und Ministerpräsidenten auf Tour, sie sollen sich zeigen und werben für ihre Politik. Derzeit liegt keine Wahl an und es sind ja auch französische Minister, aber werben sollen sie dennoch – für die Politik der Bundeskanzlerin.
„Deutschland, Deutschland, Frankreich, Frankreich“
Das Thema ist „Integration“, da machen alle brav mit, die deutschen Unions-Minister wie die der SPD mit ihren jeweiligen französischen Kollegen. Die Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Bernard Kouchner geben in einem Kreuzberger Musikstudio ihre Stimmen zu deutsch-türkischem Pop.
„Wir haben andere Sitten, ihr habt andere Sitten, kommt, seh’n wir uns in die Augen, sagen die Meinung, zeigen das wahre Gesicht“ lautet der erste Vers, wozu die Minister den tagesaktuellen Refrain „Deutschland, Deutschland, Frankreich, Frankreich“ singen.
Kellerräume der Gesellschaft gezeigt
Die Justizministerinnen Brigitte Zypries und Rachida Dati besuchen derweil ein Diakonie-Zentrum in Heiligensee, wo vernachlässigte Kinder vor dem Abrutschen ins kriminelle Millieu behütet werden sollen. Die Probleme sind in beiden Ländern ähnlich, das soll gezeigt werden für jedes Ressort.
Und weil die Gäste als gute Freunde gelten, werden ihnen auch die Kellerräume der Gesellschaft gezeigt. Sarkozy ist ganz angetan, „Danke“, sagt er zur Bundeskanzlerin und klingt wie beschenkt, das sei ja alles „hervorragend organisiert“.
Sarkozy lobt das hervorragende Deutsch
Zuvor muss er sich ihren Spott gefallen lassen, weil er da schon zu dick aufträgt an Charme: Frau Merkel und er sitzen in der Romain-Rolland-Oberschule im nördlichen Bezirk Reinickendorf, dort, wo die französischen Soldaten lebten, als Berlin noch Vier-Mächte-Stadt war. Ein Dutzend Schüler „mit Migrationshintergrund“ – wie es auch hier umständlich korrekt heißt – ist aus verschiedenen deutschen Schulen zusammengekommen, um über Integration zu diskutieren.
Da lobt Sarkozy ständig das hervorragende Deutsch mancher Schüler, „toll, so flüssig“, sagt er. „Was der Präsident so von der deutschen Sprache versteht“, wirft Frau Merkel ein, wissend, dass Sarkozy kein Deutsch und kaum Englisch kann. „Einfach super“, sagt sie und genießt die Lacher.
„Sie hat gekämpft und hat es geschafft“
Dennoch hat die Debatte Tiefe. Die Schüler trauen sich, stellen kluge Fragen. Sie kennen ihr Thema, dass die meisten von ihnen tagtäglich leben, weil sie schwarze Haut oder krauses Haar haben. Es müsse offener auf die Einwanderer zugegangen werden, fordern einige Schüler.
Sarkozy, selbst Einwandererkind, passt diese Haltung nicht. „Mann kann nicht immer fordern: Gib mir Arbeit! Gib mir Hoffnung! So geht’s nicht“, sagt er in Rage. „Schau mal, es war nicht selbstverständlich, dass sie Bundeskanzlerin wird“, sagt er und verweist auf Frau Merkel einige Plätze neben ihm. „Sie hat gekämpft und hat es geschafft.“ Auch ihm sei es nicht in die Wiege gelegt worden, Präsident zu werden. „Ihr habt auch eure Chance“, sagt Sarkozy. „Bemüht euch!“
Die Bundeskanzlerin sieht das ebenso und auch aus eigenem Erleben. Als Ostdeutsche sei sie anfangs im Westen komisch angeschaut worden. Da habe sie sich vorgenommen, nicht beleidigt zu reagieren. Diesen Rat gibt sie den Schülern aus Einwandererfamilien. Sie sollten nicht jede Enttäuschung, jede Benachteiligung frustriert auf ihre Herkunft beziehen. Als „Schlüssel“ zur Integration empfiehlt sie wie Sarkozy den Spracherwerb.