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Fall Sergej Skripal : Das May-Ultimatum

Spiel der Mächte: Die britische Premierministerin Theresa May. Bild: EPA

Nach dem Nervengift-Anschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal will die britische Regierung nicht in den Verdacht der Zaghaftigkeit geraten. Entsprechend deutlich fallen die Worte der Premierministerin aus.

          Es muss ein gespenstischer Anblick gewesen sein: Ein älterer Mann, der an einem Sonntagnachmittag weggetreten und wie versteinert auf einer Parkbank sitzt, daneben eine junge Frau, auf dem Boden liegend. So schilderten Augenzeugen die Szene, die sich vor zehn Tagen im Zentrum der englischen Kleinstadt Salisbury abgespielt hat. Schnell zeichnete sich ab, dass es sich bei dem Vorfall um einen Mordanschlag mit politischem Hintergrund handelte. Von einem „rücksichtslosen Akt gegen das Vereinigte Königreich“ sprach die britische Premierministerin Theresa May am Montagabend im Parlament in London.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die beiden Opfer von Salisbury – der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julija – seien mit einem zu militärischen Zwecken in Russland entwickelten Nervengift namens Nowitschok attackiert worden, sagte May. Spuren der extrem gefährlichen Substanz wurden auch in einer Pizzeria und einer nahen Kneipe gefunden, welche Vater und Tochter offenbar zuvor besucht hatten. „Das Leben unbeteiligter Bürger wurde aufs Spiel gesetzt“, so die Premierministerin. Es folgte eine frontale Attacke auf den Kreml: Ihre Regierung halte es angesichts der vorliegenden Ermittlungsergebnisse für „höchst wahrscheinlich“, dass Russland für den Giftanschlag verantwortlich sei, erklärte May. „Entweder handelte es sich um einen direkten Akt des russischen Staates gegen unser Land. Oder die russische Regierung hat die Kontrolle verloren über dieses Nervengift, das potentiell katastrophal schädlich ist.“ Auch ihre weiteren Ausführungen waren deutlich: „Diese Tat spielte sich ab vor dem Hintergrund eines wohlbekannten Musters der Aggression durch den russischen Staat.“ Sie nannte unter anderem die Annexion der Krim durch Russland sowie Hackerangriffe auf den Bundestag in Berlin und das dänische Verteidigungsministerium.

          „Zirkusshow im Parlament“

          Das russische Außenministerium reagierte umgehend. Seine Sprecherin bezeichnete Mays Rede als „Zirkusshow im Parlament“ und „Märchen“. Kurz zuvor hatte das Ministerium schon eine ausführliche Erklärung veröffentlicht, wonach der Fall mit der Fußballweltmeisterschaft im Juni zu tun habe. Oder genauer: Mit dem Neid der Engländer, „die Russland nicht verzeihen können, dass es im ehrlichen Kampf das Recht auf die Durchführung der Fußballweltmeisterschaft 2018 erworben hat“. Auch England hatte sich um die Ausrichtung der WM dieses Jahr beworben – und mit dem Vorwurf, London sei ein schlechter Verlierer, hatte Moskau schon geantwortet, als ausgerechnet britische Medien den Verdacht aufgebracht hatten, das Turnier sei aufgrund von Bestechung an Russland gegangen. Nun werde mit dem Anschlag auf Skripal eine Kampagne mit dem Ziel betrieben, „Russland zu diskreditieren und das Vertrauen zu ihm als Gastgeber der Sportveranstaltung zu unterminieren“, heißt es in der Erklärung des Außenministeriums.

          Unter Verdacht: Russlands Außenminister Sergej Lawrow.

          Am Dienstag äußerten sich in Moskau dann zahlreiche Politiker und Geheimdienstler (und solche, die beides sind) mit einander zum Teil widersprechenden Thesen zu dem Fall – so bestritten die einen, dass Russland Nowitschok je besessen habe, während andere behaupteten, Russland habe alle seine Vorräte davon schon lange vernichtet. Alle Theorien treffen sich jedoch in einem Punkt: Russland habe mit dem Anschlag nichts zu tun und sei Opfer einer westlichen Kampagne. Als Motiv dafür wurde nicht nur die WM genannt: Der Fall Skripal könne als Vorwand zur Verstärkung von Nato-Kräften in Osteuropa oder für Angriffe auf die von Russland unterstützten Truppen des syrischen Herrschers Baschar al Assad dienen, lautet ein Standardargument.

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