06.09.2007 · Skepsis bei den Politiker in Washington, vorsichtige Zuversicht unter den Soldaten im „Camp Liberty“ am Flughafen von Bagdad. Matthias Rüb berichtet aus dem Irak über die Stimmung bei den amerikanischen Truppen.
Von Matthias Rüb, BagdadMan sieht den „Dagger Tower“ schon von weit her über den Staub hinausragen, den der nicht abreißende Strom von Fahrzeugen auf den Straßen von „Camp Liberty“ aufwirbelt. Das „Camp“ ist eines von gut einem halben Dutzend mit Zehntausenden von Soldaten, das auf dem riesigen, weiträumig umzäunten und von Mauern umgebenen Gelände des „BIAP“ liegt.
„BIAP“ ist die gebräuchliche Abkürzung für „Baghdad International Airport“. Die Abkürzung gilt in erster Linie für den zivilen Teil, den einstigen „Saddam Hussein International Airport“, dessen weißes Gebäude, wo heute gerade einmal ein paar Dutzend Passagiere der wenigen kommerziellen Flüge etwa aus Jordanien abgefertigt werden, man verwaist in der Ferne liegen sieht. Und sie gilt für den militärischen Teil, der eigentlich „Sather Airforce Base“ heißt, wo das Dröhnen der Propeller-Transportmaschinen, das Kreischen der Düsenjets und auch das Knattern der Hubschrauber Tag und Nacht die Luft erfüllen.
Hier wurde Saddam Hussein in einem Hochsicherheitsgefängnis der amerikanischen Streitkräfte bis kurz vor seiner Hinrichtung Ende vergangenen Jahres festgehalten. Es kann als ausgeschlossen gelten, dass er in einer Zelle wohnte, von welcher aus er die Frontseite des Flughafenterminals hätte sehen können, auf welcher man bis heute die „Schatten“ der riesigen Lettern unterscheiden kann, die einst seinen Namen gebildet haben.
„Niemals eine Niederlage hinnehmen“
„The Dagger Brigade“ (Dolch-Brigade) ist der offizielle Name des Zweiten Kampfbrigadeteams der Ersten Infanteriedivision des amerikanischen Heeres, die in Friedenszeiten in Schweinfurt zu Hause ist. In typisch unbescheidener Manier hat sich die Kampfbrigade 2/1ID, wie sie abgekürzt bezeichnet wird, den Beinamen gegeben: „The Greatest Brigade Combat Team Ever Formed“ (Das großartigste Kampfbrigadeteam, das jemals gebildet wurde). Und auf die Betonwände, die zum Schutz vor Mörser- und Raketenangriffen vor dem Hauptquartier der 2/1ID aufgestellt sind, hat jemand ein mächtiges Graffito in schwarzer und weißer Farbe gesprüht: „Never Accept Defeat“ (Niemals eine Niederlage hinnehmen).
Die Stimmung unter den Männern und Frauen der 2/1 ID ist auffallend gelöst, aber das hat sichtlich mehr mit der Zuversicht auf die baldige Heimkehr als mit der Gewissheit eines baldigen Sieges zu tun. Alle Welt schwärmt von Deutschland. Und alle zählen schon die Tage, bis sie nach Ablauf ihrer Einsatzzeit, die während ihrer Entsendung ins Zweistromland von 12 auf 15 Monate Dauer verlängert worden war, vom heißen BIAP ins kühle Schweinfurt zurückkehren und von dort aus ihren Heimaturlaub in Amerika antreten dürfen.
Gewalt erheblich zurück gegangen
Sergeant Keith Laird, Presseoffizier bei 2/1 ID, schaltet seinen privaten Laptop an, der neben seinen beiden Dienstcomputern steht, auf deren Bildschirmen in gelben Lettern auf rotem Hintergrund „secret“ (geheim) steht. Auf seinem Privatgerät erscheint als Bildschirmschoner ein Foto von einem Schwarzwaldtal bei Titisee-Neustadt. „Aah“, sagt Sergeant Laird und schaut auf die Wand feinsten Wüstenstaubes, die vor dem Fenster seines immerhin angenehm klimatisierten Containers in der Mittagshitze von 45 Grad steht.
Hauptmann David Levasseur berichtet, die Zahl der Bataillone in seinem Einsatzgebiet – die westlichen Vorortbezirke von Bagdad, die überwiegend sunnitisch sind mit einigen schiitischen Enklaven und gemischten Gebieten – habe sich seit dem Beginn der von Präsident Bush befohlenen „Surge“ (Aufstockung oder Aufwallung) von zwei auf fünf erhöht. Nach seiner Einschätzung sei die Zahl der Gewalttaten in der „Area of Operation“ auf zehn Prozent dessen zurückgegangen, was etwa noch im Mai verzeichnet worden sei – und das gelte sowohl für Angriffe auf die amerikanischen und die gemeinsam mit ihnen patrouillierenden irakischen Truppen wie für ethnisch-religiös motivierte Gewalttaten gegen Zivilisten.
Korpsgeist der Streitkräfte
Wie Levasseur äußern sich dieser Tage die meisten Offiziere und auch Soldaten im Irak, mit denen man über die Folgen der Truppenverstärkung spricht. Man wird in dieser Übereinstimmung den Korpsgeist der Streitkräfte erkennen können, vielleicht auch eine von den Generälen ausgegebene Argumentationslinie, aber wohl auch die ehrliche Meinung der Männer und Frauen in Uniform. Die meisten stimmen in dem Wunsch überein, möglichst bald aus der Kriegszone wieder an ihre angestammten Stationierungsorte zurückkehren zu dürfen – aber auch in der Einschätzung, dass es in den vergangenen Monaten jedenfalls nicht schlechter geworden sei, womöglich sogar Anlass zur Hoffnung bestehe.
Dieser Konsens findet keine Entsprechung in Washington, wo dieser Tage eine heftige außen- und sicherheitspolitische Debatte begonnen hat. Zahlreiche Abgeordnete und Senatoren haben die Kongressferien, die am Dienstag zu Ende gingen, zu Reisen in den Irak genutzt. Und obwohl sie am gleichen Ort waren, sind sie je nach politischer Überzeugung und Parteizugehörigkeit aus ganz unterschiedlichen Welten zurückgekehrt. Manches spricht dafür, dass aus dem seit Monaten mit wachsender Spannung erwarteten Lagebericht des Befehlshabers der amerikanischen Truppen im Irak, Heeres-General David Petraeus, und des amerikanischen Botschafters in Bagdad, Ryan Crocker, längst „die Luft heraus“ ist. So vorgefasst sind die Meinungen über den Stand der Dinge im Irak, dass die allseits als maßgeblich beschriebene Darstellung von Petraeus und Crocker schon kaum mehr relevant ist.
„Seien wir ehrlich, die militärische Aufstockung, funktioniert.“
Es gibt einen deutlichen Rückgang der Gewalt, sagen das Weiße Haus, die Streitkräfte im Irak und in wiedergewonnener Einigkeit die Republikanische Partei; den gibt es nicht, erwidern der Rechnungshof des Kongresses, linksliberale Fachleute und die Demokraten. Der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Harry Reid, wusste schon vor dem Beginn der Truppenverstärkung, dass der Krieg im Irak verloren ist, und dieser Ansicht ist er noch immer: „Jeden Tag müssen wir weiter für einen vernünftigen und verantwortlichen Weg aus dem Irak und für die Wiedererlangung der nationalen Sicherheit kämpfen“, sagte Reid im Plenum des Senats.
Dazu sagte sein Gegenüber auf republikanischer Seite, Mitch McConnell: „Wir brauchen aus zwei Gründen in der Zukunft einen langfristigen Einsatz irgendwo im Mittleren Osten: Al Qaida und Iran.“ Der republikanische Abgeordnete Jim Saxton brachte von seiner Reise den Eindruck mit: „Seien wir ehrlich, die militärische Aufstockung, die Mitte Juni abgeschlossen wurde, funktioniert.“ Dem hielt der Demokrat Joe Courtney, der ebenfalls im Irak war, die Ansicht entgegen: „Es besteht kaum Zweifel, dass der Plan nicht funktioniert.“
Eine trügerische Gefechtsruhe
Nicht zufällig hatte Präsident Bush auf dem Weg zum Asien-Pazifik-Gipfel in Australien bei seinem Blitzbesuch im Irak in der Westprovinz Anbar Station gemacht, denn dort ist es seit dem Frühjahr gelungen, gemeinsam mit den sunnitischen Stämmen die Al-Qaida-Terroristen zurückzudrängen, zu vertreiben und die Lage zu stabilisieren. Doch diesen Sieg gegen Al Qaida, schon gar im Irak, wollen die Demokraten nicht gelten lassen, weil es vor dem Einmarsch im Irak dort bekanntlich keinen Terrorismus gegeben habe und von dort auch nicht ausgegangen sei; zudem seien die möglicherweise erfreulichen Vorgänge in Anbar nur ein Nebenkriegsschauplatz, während an der Hauptfront, dem Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten, nur eine trügerische Gefechtsruhe herrsche.
Eine ähnlich widersprüchliche Wahrnehmung haben die verfeindeten politischen Lager über das Maß des erzielten politischen Fortschritts im Irak. Zur allgemeinen Verwirrung trägt bei, dass es fast ein halbes Dutzend Lageberichte und ein ganzes Dutzend Anhörungen gibt. Der Kongress hat Lageberichte in Auftrag gegeben, vom Weißen Haus wurde einer erstellt, im Pentagon hat man mehrere erarbeitet, und schließlich werden Petraeus und Crocker den ihren vorlegen.
Botschafter Crocker hat zuletzt vergeblich versucht, die Debatte über die 18 „benchmarks“ (Bewertungskriterien) zu versachlichen: Einige der Kriterien seien von vornherein unrealistisch gewesen, weil etwa das Gesetzgebungsverfahren und die Verfassungsrevision viel Zeit bräuchten. Umgekehrt sei es eine vermessene Vorstellung, der Irak würde zu einem „sonnendurchfluteten Hochland mit Frieden und Harmonie und Hintergrundmusik“, wenn nur alle Ziele rechtzeitig erreicht würden.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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