09.11.2005 · Einst sollte Evry eine Pariser Vorzeigevorstadt werden, heute spricht der Bürgermeister von unerträglichen Zuständen. Trotz religiöser Toleranz hat die Gewalt auch seinen Ort erfaßt. Jede Nacht brennen Autos.
Von Michaela Wiegel, EvryIn der Moschee von Evry wartet ein Flugblatt auf die Gläubigen. „Helft mit, Frieden und Ordnung wiederherzustellen“, hat der Rektor der Moschee, Khalil Merroun, darauf geschrieben. Merroun predigt in der größten Moschee Frankreichs, einem riesigen Bau mit Stuck und Mosaiken geschmückt, überragt von einem stolzen Minarett. Bis zu 5000 Gläubige finden hier beim Gebet Platz, das Geld für den Prestigebau floß aus Saudi-Arabien und Marokko.
Rektor Merroun verurteilt die Gewalt, die alles noch verschlimmere. Die Revolte der Jungen will er nicht tolerieren, aber er versteht sie. „Sarkozy ist zu weit gegangen mit seinen Worten vom Gesindel in den Vorstädten. Alle hier fühlten sich angesprochen“, sagt Merroun. Die Kränkung sitzt tief. „Gewalt fängt mit der Sprache an“, sagt der Rektor. Die neue Generation, die sich in der Heimat ihrer Eltern oder Großeltern nicht mehr zu Hause fühle, wolle sich nicht gefallen lassen, was ihre Vorfahren schweigend hingenommen hätten. „Sie fühlen sich schon ausgegrenzt, wie Bürger zweiter Klasse, sie scheitern in der Schule, sie finden keine Arbeit, und dann reicht der Innenminister ihnen nicht die Hand, sondern beschimpft sie“, sagt der Rektor. Mit dem Islam hätten die Unruhen nichts zu tun, im Gegenteil, die praktizierenden Gläubigen seien gegen ein Abgleiten in die Gewalt gefeit, glaubt er.
26 Nationalitäten, über 40 Ethnien
Den Rektor hat es geärgert, daß der Premierminister den Vorsitzenden des Islamischen Repräsentativrates auf dem Höhepunkt der Krise zu sich bat, „als sei der Islam der Schlüssel zur Krisenlösung“, sagt Merroun. „Dabei ist die Gewalt genausowenig muslimisch wie christlich. Sie ist das Werk von Heranwachsenden, die keine Autorität mehr anerkennen, bei denen die Eltern versagt haben.“ Merroun gehört der marokkanischen Vereinigung an, welche die Mehrheit im Islamrat bildet. Merroun bedauert, daß es dem Repräsentativorgan der französischen Muslime nicht gelungen ist, sich auf eine gemeinsame Erklärung zu den Ausschreitungen in der Banlieue zu einigen.
50.000 Einwohner zählt Evry, mit ihren 26 Nationalitäten und über 40 Ethnien war die Anfang der siebziger Jahre auf Ackerboden im Süden der Hauptstadt „aus dem Nichts“ gebaute Stadt zunächst zu einem Beispiel für die „Multi-Kulti-Vielfalt“ der französischen Einwanderergesellschaft erhoben worden. Doch inzwischen spricht auch der sozialistische Bürgermeister Manuel Valls von „30 Jahren urbaner und ethnischer Segregation“, deren Folgen „unerträglich“ seien. In Evry hatte die Stadtverwaltung nichts unversucht gelassen, gerade der muslimischen Bevölkerungsmehrheit mit großer religiöser Toleranz und Förderungsmaßnahmen zu begegnen. Zum traditionellen Opferfest etwa organisiert die Stadtverwaltung die Schlachtung von 5.000 Schafen nach muslimischem Ritual. Unzählige Vereinigungen bieten Hilfen zur „Eingliederung“ an. Dennoch hat die Gewalt auch Evry erfaßt, brennen jede Nacht Autos aus.
Molotowcocktails in Massenfertigung
Im Sozialbauviertel Parc au Lievre, das in einem aufwendigen Sanierungsprogramm verschönert wird, faßte die Polizei jetzt sechs Minderjährige im Alter von 13 bis 16 Jahren. Sie hatten in einem verlassenen Kellergeschoß direkt unter der örtlichen Polizeidienststelle Molotowcocktails gebastelt - in Massenfertigung. 150 solcher Brandsätze fanden die Ermittler in dem verbarrikadierten Kellerraum. Nach möglichen Hintermännern der minderjährigen Kriminellen wird noch gefahndet.
Unter den jungen Festgenommenen ist auch ein stadtbekannter Wiederholungstäter. Der Kabinettsdirektor des Bürgermeisters sieht darin einen Präzedenzfall für das Versagen der Justiz bei minderjährigen Unruhestiftern. In den Sozialbauvierteln habe sich das Gefühl der Rechtslosigkeit auch deshalb breit gemacht, weil Straftäter viel zu schnell wieder freigelassen oder wegen Formfehlern erst gar nicht verurteilt würden. Viele Bewohner schreckten inzwischen davor zurück, als Zeugen auszusagen oder Klage einzureichen, aus Angst vor Repressalien der kaum sanktionierten Straftäter. Dem sozialistischen Bürgermeister ist das Anliegen so ernst, daß er beim Staatsanwalt in Evry vorsprach, um „exemplarische Strafen“ für die nächtlichen Brandstifter und Steinewerfer einzufordern. Valls hat keine Bedenken, mit einer nächtlichen Ausgangssperre in den besonders betroffenen Vierteln Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Das könne jedoch nur eine vorübergehende Lösung sein.
„Positive Diskriminierung“
„Unser Integrationsmodell ist explodiert, das hat der Ausbruch der Gewalt gezeigt“, sagt Valls, der früher Regierungssprecher unter Premierminister Jospin war. Der Einwandererjugend blieben bis auf wenige Ausnahmen die sozialen Aufstiegschancen verwehrt. „Wir müssen unser Integrationsmodell wiederaufbauen“, sagt Valls. Das sei ein langer, schwieriger Prozeß, der mehrere Jahre in Anspruch nehmen werde. „Die Jungen müssen wieder das Gefühl haben, von Frankreich angenommen zu werden“, sagt der Bürgermeister. Er spricht sich für eine Form von „positiver Diskriminierung“ der Benachteiligten aus. Im Gegensatz zu Innenminister Sarkozy will er aber keine auf Abstammungs- und Religionskriterien begründete Quoten, sondern eine Förderung aufgrund sozialer und territorialer Gesichtspunkte.
„Das ist Sarkozys Schuld“, sagt ein junger Franzose im türkischen Schnellimbiß „Etoile“ im Stadtzentrum von Evry. Sein Freund pflichtet ihm bei. Beide stammen aus türkischen Familien. „Sarkozy hat der Polizei einen Freibrief erteilt. Das merkt man, selbst wenn man sich nichts vorzuwerfen hat“, sagt er. Auch vor der Moschee beklagt sich ein junger Gläubiger, daß die Polizei eine harte Gangart einschlagen habe, seit Sarkozy 2002 das Kommando übernommen habe. „Ich bin wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung geblitzt worden. Da haben sie mich vorgeladen und mich verhört, ob ich Waffen zu Hause habe“, sagt der Muslim. „Wenn deine Hautfarbe nicht stimmt, dann wirst du ständig kontrolliert“, sagt der junge türkischstämmige Franzose. Trotz seines französischen Passes fühle er sich nicht als Franzose behandelt. „Die Polizei ist viel aggressiver als früher“, sagt er.
Die Banden aus den Tarterets
Für Abderramene Annari, der dem Moscheerat von Evry angehört, hat der verschärfte Repressionskurs seit 2002 im Zusammenspiel mit der Pensionierungswelle bei der Polizei das Vertrauensverhältnis zu den Sicherheitskräften nachhaltig gestört. „Früher hatten die Polizisten mehr Autorität denn Waffengewalt“, sagt Annari. Viele der erfahrenen Polizeikräfte, die sich in den Sozialbausiedlungen auskannten und als Gesprächspartner der Elterngeneration anerkannt waren, seien mittlerweile aus dem Polizeidienst ausgeschieden. Sie würden ersetzt durch junge Polizisten, die mehr auf die Wirkung ihrer modernen Waffen setzten als auf den Dialog. „Die Fronten haben sich verhärtet“, sagt Annari.
Die Sozialbausiedlungen von Evry und am Stadtrand in Corbeil sind schon zu normalen Zeiten Gettos, in die sich niemand gern begibt. Der Taxifahrer weigert sich geradewegs, bis ins Innere einer Cite vorzufahren. „Da lehnen wir es schon sonst ab, Kunden hinzubringen, und jetzt erst recht“, sagt er. In der Zufahrtsstraße zur berüchtigten Siedlung Les Tarterets steht auch bei Tageslicht ein Polizeiaufgebot mit Schutzhelmen und -schildern und Gummiknüppeln bewehrt. Auf der anderen Straßenseite bewacht ein schwarzer Wachmann mit einem Schäferhund ein MacDonalds-Restaurant. Der Dachstuhl ist verkohlt. „Sie haben ein gestohlenes Auto als Rammbock benutzt, und dann haben sie die Benzinkanister geöffnet und das Feuer entzündet“, sagt der Wachmann. „Sie“, das versteht sich für ihn von selbst, das sind die Banden aus den Tarterets.
Straftaten gehen zurück
Eigentlich sollten die Tarterets den Erfolg des strikten Repressionskurses Sarkozys symbolisieren. Im Mai 2002, gleich nach dem Machtwechsel, war er in diese Cite gegangen, mit Kamerateams im Gefolge, und hatte versprochen, der Rechtlosigkeit ein Ende zu setzen. Die Tarterets liegen im Departement Essonne, der Wahlheimat des Rüstungs- und Flugzeugmagnaten Dassault, und haben deshalb für die bürgerliche Rechte eine besondere Bedeutung. Am 20. Oktober, eine Woche vor dem Ausbruch der Unruhen, kehrte Sarkozy in die Tarterets zurück, um sich als oberster Sheriff feiern zu lassen. Er hatte das Personal im Polizeikommissariat von 53 auf 105 Polizisten fast verdoppeln lassen und den Sicherheitskräften die modernste Ausrüstung zugestanden. Die offizielle Kriminalitätsstatistik vermerkt, daß die von der Polizei aufgenommenen Straftaten in der Sozialbausiedlung seit 2002 um 15 Prozent zurückgegangen sind.
Jetzt kreisen nächtlich Hubschrauber über der Cite und richten Suchscheinwerfer auf die Randalierer, die im Nahkampf mit den Sicherheitskräften auch vor dem Gebrauch von Schußwaffen nicht zurückschrecken. Mit Schrot aus Jagdflinten wurden mehrere Polizisten verletzt. „Nichts kann die Gewalt auf die Polizisten rechtfertigen. Es wäre ein schwerer Fehler, den Ernst der Lage zu unterschätzen. Wir brauchen jetzt eine konsequente Ahndung der Straftaten. Erst dann kann der Wiederaufbau beginnen“, sagt Bürgermeister Valls.
Energie ausser Kontrolle
Hayri Ergun (DrErgun)
- 09.11.2005, 09:29 Uhr