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Gewalt im Irak Schiiten und Sunniten schließen „Ehrenpakt“

26.02.2006 ·  Erste Annäherung nach anhaltender Gewalt: Die radikale schiitische Sadr-Bewegung hat symbolisch Frieden mit den irakischen Sunniten geschlossen. Bei einem gemeinsamen Treffen in einer Moschee in Bagdad einigten sich die Vertreter auf einen Pakt, der „alle Angriffe auf Kultstätten und Blutvergießen“ verbietet.

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Nach den jüngsten Gewalttaten im Irak hat der radikale Schiitenführer Moqtada Sadr symbolisch Frieden mit der sunnitischen Führung geschlossen. Die durch vier Scheiche vertretene Sadr-Bewegung schloß am Samstag einen „Ehrenpakt“ mit dem Komitee der Ulemas, der wichtigsten religiösen Organisation der Sunniten, berichten Nachrichtenagenturen.

Die Vertreter beider Seiten trafen sich in der sunnitischen Abu-Hanifa-Moschee in Bagdad, wo anschließend die Schiiten unter Anleitung des sunnitischen Imams Abdessalam al Kobeissi beteten. Der Pakt sieht das Verbot „aller Angriffe auf Kultstätten und Blutvergießen“ vor, wie aus einem in der Moschee verteilten Text hervorging. Zudem verurteilt er alle Taten, die zur Spaltung der Gläubigen führen.

Komitee zur Untersuchung der Ursachen

In dem Zehn-Punkte-Papier werden sowohl der Anschlag auf die den Schiiten heilige Goldene Mosche in Samarra am Mittwoch als auch die darauf folgenden Gewalttaten verurteilt, die sich vor allem gegen Sunniten richteten. In Anspielung auf den Extremistenführer Abu Mussab al Zarqawi werden ferner „jene, die die Moslems exkommunizieren“, verurteilt.

Die Würdenträger kündigten zudem die Bildung eines Komitees an, das die Gründe „für diese Krise“ untersuchen und Wege finden solle, um sie zu lösen. Eine anschließende Pressekonferenz, bei der sich Sunniten und Schiiten umarmten, wurde vom staatlichen Fernsehen übertragen.

Panzereinsatz angedroht

Noch am Nachmittag hatte der irakische Verteidigungsminister Saadun al Dulaimi angesichts der anhaltenden Gewalt den Einsatz von Panzern erwogen. Wenn es die Situation erforderlich mache, seien die irakischen Streitkräfte in der Lage, „Panzer auf den Straßen“ einzusetzen, sagte Dulaimi am Samstag. Ministerpräsident Ibrahim Dschaafari müsse nur einen entsprechenden Befehl erteilen.

Seit Beginn der Krise nach dem Bombenanschlag auf die Goldene Moschee in Samarra tage rund um die Uhr ein Krisenstab unter Leitung Dschaafaris. Dulaimi warnte vor einem Bürgerkrieg im Irak als Folge der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten. Wenn es zu einem Bürgerkrieg komme, „verlieren alle und diejenigen, die zu gewinnen glauben, werden sich täuschen“. Die Iraker müßten zusammenstehen gegen sunnitische Extremisten und Anhänger des entmachteten Staatschefs Saddam Hussein.

Fünf Tote nach Autobombenanschlag

Trotz eines Ausgehverbots überfielen Bewaffnete in der Provinz Dijala am Samstag ein Wohnhaus und töteten 13 Mitglieder einer schiitischen Familie, wie die Polizei mitteilte. Bei den Opfern handele es sich um Männer im Alter von 20 bis 70 Jahren. Der Überfall ereignete sich in Buhris, einer überwiegend von Sunniten bewohnten Ortschaft 60 Kilometer nördlich von Bagdad.

In der den Schiiten heiligen Stadt Kerbela wurden bei einem Autobombenanschlag mindestens fünf Menschen getötet und mehr als 30 verletzt, wie die örtlichen Gesundheitsbehörden mitteilten. Das Innenministerium in Bagdad sprach sogar von acht Toten.

Trauerzug unter Beschuß

Gouverneur Akil al Chasali sagte der Nachrichtenagentur AP, der mutmaßliche Täter sei festgenommen worden. Er sei unmittelbar nach dem Anschlag mit der Fernsteuerung entdeckt worden, mit der er die Autobombe gezündet habe. Der Mann habe eingeräumt, daß er die Bombe eigentlich in der Nähe der Grabmoscheen der schiitischen Heiligen Imam Hussein und Imam Abbas habe zünden wollen, sagte der Gouverneur. Wegen der vor dem schiitischen Aschura-Fests verschärften Sicherheitsbedingungen habe der Täter aber nicht zu den Moscheen vordringen können.

Anders als in den Provinzen Bagdad, Babil, Dijala und Salaheddin war in Kerbela kein Ausgehverbot verhängt worden. In den vier mittelirakischen Provinzen sollten die Einschränkungen bis 16.00 Ortszeit (14.00 Uhr MEZ) gelten. Außer in Dijala wurde aber auch in Bagdad trotz Ausgehverbots ein gewaltsamer Übergriff gemeldet: Bewaffnete schossen auf den Trauerzug für eine am Mittwoch getötete Al-Arabija-Journalistin und töteten drei Menschen.

Sunnitische Partei signalisiert Entgegenkommen

Trotz der anhaltenden Gewalt deutete das wichtigste sunnitische Parteienbündnis Irakische Eintracht am Samstag eine Rückkehr zu den Gesprächen über eine Regierungsbildung an. Sie werde ihren Rückzug aus den Verhandlungen mit Schiiten und Kurden überdenken, erklärte die Gruppe am Samstag. Mit dem Ausstieg aus den Gesprächen hatte die Irakische Eintracht auf gewaltsame Übergriffe auf Sunniten am Mittwoch und Donnerstag reagiert.

Ausgebrochen war der Konflikt nach einem Anschlag auf eines der wichtigsten schiitischen Heiligtümer, die „Goldene Moschee“ in Samarra. Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana äußerte unterdessen die Befürchtung, daß der Irak in einen Bürgerkrieg abgleiten könnte. „Die Bombenanschläge auf den Askarij-Schrein in Samarra, die wahllosen Tötungen sowie die Anschläge auf Moscheen zielen klar darauf ab, den Wiederaufbauprozeß im Irak zu untergraben“, sagte Solana der „Bild am Sonntag“.

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