Der Abschied fällt nicht gerade freundlich aus. Ruppig packen die Sicherheitsleute die unter dem Gewicht der gepanzerten Schutzwesten und ihrer Helme strauchelnden Deutschen am Arm und schubsen sie in den Unterstand unter der dicken Betondecke. „Beeilung“, rufen sie noch, dann kracht es schon ganz in der Nähe. Wieder ist ein Geschoss in der „Grünen Zone“ Bagdads eingeschlagen, dem alten und neuen Zentrum der Macht im Irak. Von hier aus herrschte einst Saddam Hussein; heute haben dort die amerikanische Botschaft und die irakische Regierung ihren Sitz. Im Laufschritt geht es hinüber zum Landeplatz der Botschaft, wo die Hubschrauber mit knatternden Rotoren warten.
Durchs Fenster sieht man schwarzen Rauch aus dem schwer bewachten Regierungsviertel aufsteigen. Sekunden nach dem Einsteigen hebt die Maschine Haken schlagend ab. Um Terroristen am Boden keine Chance zu geben, sie ins Visier zu bekommen, nimmt der Pilot im Zick-Zack-Flug Kurs auf den Flughafen am Stadtrand. Seit knapp einer Woche lassen radikale Schiiten vom gegenüberliegenden Tigris-Ufer einen Hagel von Mörsergranaten und iranischen Raketen niedergehen; zwei Amerikaner kamen schon ums Leben.
„Duck and cover!“
„Es war so lange ruhig hier - und dann das“, seufzt ein amerikanischer Diplomat, der seine Schutzweste über dem Nadelstreifenanzug trägt. Er klingt, als nähme er die Angriffe persönlich, mit denen schiitische Extremisten in Bagdad auf die Offensive der irakischen Armee in Basra gegen ihre Kampfesbrüder reagieren. Sie haben auf jeden Fall das Programm gehörig durcheinandergebracht, das die amerikanische Botschaft und die irakische Regierung für ihren Gast aus Deutschland vorbereitet hatten. Vor allem die Amerikaner hätten Elke Hoff viel lieber einen anderen Irak gezeigt - ein Land auf dem Weg zu Sicherheit und Stabilität.
Fünf Jahre nach dem Beginn des amerikanisch geführten Einmarschs im Irak ist die FDP-Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz die erste deutsche Politikerin, die die irakische Hauptstadt besucht; nur in den halbwegs sicheren kurdischen Norden haben sich bisher einige ihrer Parlamentskollegen gewagt, aber noch kein einziger Regierungsvertreter. Auch nach den ersten freien Wahlen nach dem Ende des Baath-Regimes im Jahr 2005 im Irak hat sich hier noch kein offizieller Besucher aus Deutschland blicken lassen.
Statt der Fortschritte, die die Amerikaner Elke Hoff gerne gezeigt hätten, bekommt die Abgeordnete vor allem zwei Worte zu hören, deren entschiedener Unterton keinen Widerspruch duldet: „Duck and cover!“ (Ducken und Schutz suchen) lautet ein gutes Dutzend Mal von fünf Uhr morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit der Befehl aus den Lautsprechern auf dem Gelände des riesigen Palasts Saddam Husseins am Tigris-Ufer, in dem die amerikanische Botschaft untergebracht ist. Zwischen dem Verklingen der schrillen Sirene und dem dumpfen Knall eines Einschlags vergehen oft nur wenige Sekunden. Selbst im gepanzerten Geländewagen dürfen Botschaftsmitarbeiter und ihr deutscher Gast nicht mehr auf die Straße; Helm und Splitterschutzweste müssen sie auch auf dem kurzen Gang zur Kantine tragen.
Kunstvoll verschlungene Initialen
Ryan Crocker stockt keinen Augenblick, als eine Explosion in der Nähe die Fensterscheiben seines Büros im Nordflügel des Palasts klirren lässt. „Nur Störmanöver, aber nichts Ernsthaftes“, beruhigt der amerikanische Botschafter die deutsche Abgeordnete, für die er sich viel Zeit nimmt. „Ihr Besuch ist wichtig für uns. Deutschland gehört zu den Kräften, die einen Einfluss in der Region ausüben“, sagt er und das ist wohl nicht nur Schmeichelei, sondern klingt eher wie eine freundliche Ermutigung in Richtung Berlin, mehr zu tun. Besonders die Verbesserung der Sicherheitslage erlaubt es nach seiner Ansicht, im Irak jetzt auch politisch und wirtschaftlich schneller voranzukommen.
Ähnlich sieht es auch David Petraeus, der seinen deutschen Gast mit einem herzlichen „Grüß Gott“ begrüßt, und darüber ins Schwärmen gerät, welche Fortschritte die irakischen Sicherheitskräfte in den vergangenen Monaten gemacht hätten. Der amerikanische Oberbefehlshaber im Irak arbeitet mit Ryan Crocker in einer Art Büro-WG. Nur wenige Schritte vom Botschafter entfernt hat er sein kleines Arbeitszimmer, das nicht richtig in die protzige Umgebung passt, die der frühere Hausherr hinterlassen hat: Säle mit marmorverkleideten Wänden, schwere Sessel und Sofas mit vergoldeter Holzeinfassung und überall die kunstvoll verschlungenen Initialen „S.H.“ für Saddam Hussein.
Elke Hoffs Reise in die Grüne Zone war lang und drohte immer wieder zu scheitern - nicht so sehr wegen drohender Angriffe irakischer Terroristen in Bagdad, sondern weil sie in Berlin auf Widerstand stieß. Denn bei Amerikanern und Irakern war sie willkommen.
Die Iraker kennen schlimmere Zeiten
Amerikanische Sicherheitsleute kümmerten sich um ihren Schutz, und den Rest organisierten die Botschaft der Vereinigten Staaten mit den Irakern. Auch die zuständigen Stellen des Bundestags stimmten der Reise zügig zu. Dennoch hielten sich bis zuletzt Bedenken in der Führung des Auswärtigen Amts: „Ich bin enttäuscht darüber, dass ich nur mangelnde Unterstützung erfahren habe. Es geht dabei weniger um mich selbst als um den Respekt gegenüber dem Parlament“, sagt die Sicherheitspolitikerin, die regelmäßig Länder wie Afghanistan, Pakistan und Sudan bereist. Dass auch der Irak mehr Aufmerksamkeit aus Deutschland verdient, hält sie schon aus historischen Gründen für geboten.
„Die Unterstützung, die Deutschland nach dem Krieg beim Aufbau der Demokratie erhalten habe, verdient auch der Irak. Das darf nicht nur mit Lippenbekenntnissen geschehen“, verlangt die Oppositionspolitikerin. Vor allem dem neuen irakischen Parlament sollte man zur Seite stehen, zum Beispiel mit deutschen Fachleuten, sagt Elke Hoff und nimmt sich dabei selbst nicht aus: Sie könne sich vorstellen, eines Tages länger nach Bagdad zu kommen, um ihre irakischen Kollegen in der parlamentarischen Arbeit zu beraten.
An der langen Tafel unter freiem Himmel haben sich Abgeordnete fast aller wichtigen Parteien eingefunden. Während vom anderen Tigris-Ufer immer wieder Geschützgrollen zu hören ist, klappern im Garten des stellvertretenden irakischen Parlamentspräsidenten die Gäste friedlich mit dem Geschirr. Auf den grünen Rasen vor dem Haus von Khalid al Atia hat niemand Schutzweste oder Helm mitgebracht, obwohl es auch im Regierungsviertel liegt. Dass die Angriffe wieder zunehmen, scheint die meisten Iraker hier nicht sonderlich zu beunruhigen; sie kennen schlimmere Zeiten. Aber auch den Gast aus Deutschland will offenbar an diesem Abend niemand verpassen, obwohl das Parlament nach einer langen Sitzungspause erst wieder die Arbeit aufgenommen hat. „Wir sind froh, dass endlich auch ein Politiker aus Deutschland den Weg nach Bagdad gefunden hat. Wir hoffen sehr auf die Europäer“, sagt der schiitische Politiker mit dem grauen Bart, der einen knöchellangen dunklen Mantel trägt.
„Deutschland sollte sich mehr beim Wiederaufbau engagieren“
Freundschaftlich ist die Atmosphäre beim Abendessen, obwohl Politiker aus Opposition wie aus der Regierungskoalition zusammensitzen. Es ist schwer zu verstehen, weshalb die Parteien im ersten frei gewählten Parlament seit dem Ende der Diktatur Saddam Husseins sich monatelang erbitterte Streitigkeiten geliefert haben, die wichtige Gesetzesvorhaben in Verzug geraten ließen. Enttäuscht spotten viele Iraker schon, dass ihre Abgeordneten lieber ins Ausland reisten als ihre Arbeit zu tun.
Der schiitische Politiker Atia hält diese Kritik für ungerecht. „Klar, manche wollen mehr Einfluss, als ihnen zusteht. Aber das Parlament spielt eine wichtige Rolle bei der nationalen Versöhnung. Denken Sie etwa an das neue Gesetz, das es vielen Mitgliedern der Baath-Partei jetzt wieder erlaubt, in die Regierung zurückzukehren!“ Nach seiner Ansicht könnten die Iraker ihre Probleme selbst lösen, wenn sich endlich die Nachbarländer aus der irakischen Politik heraushielten. Darauf sollten auch europäische Staaten wie Deutschland hinwirken, verlangt nicht nur der stellvertretende irakische Parlamentspräsident.
Auf irakischem Boden tragen unsere Nachbarn ihre Konflikte aus. In Basra und Anbar genauso wie in Mossul. Europa sollte dabei helfen, dass das nicht so weitergeht“, verlangt Fattih Khasif al Ghitaa, der in Bagdad ein unabhängiges Forschungsinstitut leitet, und meint damit vor allem Iran, Syrien und die Türkei. Groß ist unter vielen Irakern weiterhin der Vertrauensvorschuss, den die Europäer genießen. Der Beleg dafür ist für den schiitischen Wissenschaftler, dass es irakische Flüchtlinge nach wie vor nach Schweden zieht und Studenten weiterhin lieber nach England gehen als nach Amerika. Konkretere Vorstellungen von dem, was Deutschland tun sollte, hat der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Humam Hammoudi: „Deutschland sollte sich mehr beim Wiederaufbau des Iraks engagieren. Eine stärkere Präsenz deutscher Unternehmen wäre sicher für viele von ihnen ein Abenteuer, aber eines mit einem guten Ende“, verspricht der einflussreiche Politiker der deutschen Bundestagsabgeordneten.
Ausgangssperre bis Sonntag
Spätestens am Ende der Woche ist jedoch nicht mehr viel von der Gelassenheit der irakischen Abgeordneten übrig. Mit wachsender Sorge blicken sie in den Süden, wo sich kein Ende der Kämpfe der irakischen Sicherheitskräfte mit schiitischen Extremisten abzeichnet. Die Auseinandersetzungen haben die Hauptstadt erreicht. Nicht nur im notorisch unruhigen Schiitenviertel Sadr City wird protestiert und geschossen. Das Sunnitenviertel Mansur ist seit Tagen schon so unsicher, dass kein Diplomat aus der deutschen Botschaft in die wenige Kilometer entfernte Grüne Zone fahren kann, um Elke Hoff zu verabschieden; die deutschen Sicherheitsleute halten das trotz gepanzerter Fahrzeuge für zu gefährlich.
Seit der Nacht zum Freitag dürfen auch die anderen Bewohner der Hauptstadt ihre Häuser nicht mehr verlassen. Die irakische Regierung hat bis Sonntag eine Ausgangssperre über Bagdad verhängt. Dennoch wollten sich die irakischen Abgeordneten am Nachmittag in der Grünen Zone zu einer Dringlichkeitssitzung des Parlaments treffen, um den Versuch zu unternehmen, ein Ende der Gefechte zwischen den radikalen Schiiten und den Sicherheitskräften zu vermitteln. Aber niemand wagt vorherzusagen, wie viele von ihnen es überhaupt ins Regierungsviertel schaffen, das die kleine Delegation aus Deutschland wohl gerade noch rechtzeitig verlassen hat.
Warum läuft Herr Bush noch frei herum?
Moses Green (moses.green)
- 28.03.2008, 21:17 Uhr
