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Gewalt gegen Frauen Indiens missachtete Töchter

Seit Tagen demonstrieren Menschen in Indien, weil eine 23 Jahre alte Studentin brutal vergewaltigt wurde und nun verstarb. Warum macht ausgerechnet dieses Ereignis Furore, wo doch Gewalt gegen Frauen in Indien an der Tagesordnung ist? Ein Kommentar.

© REUTERS Vergrößern Zeichen der Trauer: In Neu Delhi zündeten am Samstag Tausende Menschen Kerzen an für einen besseren Schutz und mehr Rechte für Frauen.

Am Ende hatte der geschundene Körper des Opfers keine Kraft mehr. Die 23 Jahre alte Inderin, die am dritten Advent von einer Gruppe Männer in einem fahrenden Bus in Delhi vergewaltigt und mit Eisenstangen gefoltert worden war, erlag in einer Klinik in Singapur ihren Verletzungen. Auch die besten Ärzte waren machtlos gegen ein Hirntrauma, Unterleibsverletzungen, eine Lungen- und eine Bauchhöhlenentzündung, einen zerstörten Darm und einen Herzstillstand. In Indien herrschte nach tagelanger Wut über das Verbrechen und seine Hintergründe am Samstag relative Ruhe. Einige tausend Personen demonstrierten in der Hauptstadt, obwohl dort Versammlungen von mehr als fünf Personen verboten worden waren. Politiker bedauerten den Tod von „Indiens Tochter“.

Christoph Hein Folgen:    

Auch wenn Trauer und Entsetzen zunächst überwogen - die Proteste können noch eskalieren. Denn angesichts des namenlosen Opfers aus ihren Reihen erfuhr die junge indische Mittelschicht einmal mehr ihre Machtlosigkeit. Sie fühlt sich verraten von einem Staat, dessen Politiker das Land weitgehend im Stich lassen. Ausgerechnet in der so stolzen, größten Demokratie der Erde ist der überwiegende Teil der politischen Elite ausschließlich auf sein eigenes Wohl bedacht. Das Land verrottet unterdessen.

Entrechtung ist die Regel, nicht die Ausnahme

Die niedrigeren Kasten und die Adivasi, die Stammesgruppen, hatten nie etwas von der Regierung in Neu-Delhi erwartet. Wird ein Mädchen aus ihren Reihen so zugerichtet, kommt es zu keinen landesweiten Protesten. Gewaltverbrechen an Frauen in den Dörfern sind so gewöhnlich, dass sie nur zu Achselzucken führen. Kein Tag, an dem nicht brutale Übergriffe auf Frauen in den Nachrichtenspalten indischer Zeitungen aufgelistet werden.

Das erzwungene Abtreiben weiblicher Föten, sexuelle Folter durch Polizisten und Soldaten, Vergewaltigung, öffentliche Erniedrigung von Frauen, Ausbeutung, Ausgrenzung in der Schule, Zwangsverheiratung von Mädchen, die gerade zehn Jahre alt sind - all dies steht für eine weitverbreitete, gefährliche Mischung aus kruden Traditionen, mangelnder Bildung, chauvinistischem Denken und einer restriktiven Sexualmoral in einer von Gewalt geprägten Gesellschaft. Verehrt werden in Indien Göttinnen, Politikerinnen und Mütter. Andere Frauen sind oftmals Freiwild. Ihre Entrechtung ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Gebremst werden könnte die Gewalt gegen Frauen nur durch Aufklärung und eine ordnende Hand des Staates. Der aber versagt, und das im gesamten öffentlichen Leben. Die Infrastruktur ist marode, Korruption und lähmende Bürokratie sind der Alltag. Sicherheit kann der Staat nicht gewährleisten, Gesundheitsfürsorge und Bildung sind für den Durchschnittsbürger unerreichbar.

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Bevor sich die Staats- und Regierungsspitze wenigstens gezwungen sah, etwas zur verzweifelten Lage der Inderinnen zu sagen, musste erst eine Studentin in der Hauptstadt zum Opfer eines teuflischen Verbrechens werden. Denn sie zählt zur wachsenden Mittelschicht auf dem Subkontinent, genährt durch höher bezahlte Arbeitsplätze auch bei ausländischen Unternehmen, gut ausgebildet und gut informiert, mit wachsenden Ansprüchen.

Diese Inder stellen Forderungen, sie trauen sich, auf die Straße zu gehen und ihre Rechte einzufordern. Immer lauter wehren sich die aufgeklärten Bürger gegen Probleme, mit denen das ganze Land ringt. Die monatelangen Proteste gegen die Arbeitsbedingungen beim Automobilhersteller Suzuki, der Kampf gegen grenzenlose Korruption, nun der Widerstand gegen die Ausbeutung der Frauen: Das sind alles Zeichen dafür, dass nicht alle Inder ihre Lage weiterhin als Schicksal hinnehmen wollen.

Neue Themen im Vorwahlkampf

Die Proteste gegen das Gewaltverbrechen von Delhi werden freilich nicht über Nacht dazu führen, dass alle Inderinnen respektiert werden. Zu tief reicht die gesellschaftliche Missachtung der Frauen, als dass härtere Strafen oder das Zeigen der Bilder von Vergewaltigern im Internet etwas an ihrer Lage änderten. Der Aufruhr in den Städten wird wieder abebben, der Ärger sicher nicht zum Umsturz führen. Wohl aber ist die aufkeimende Bewegung für mehr Schutz und mehr Rechte der Frauen ein weiterer Stein auf dem Weg des indischen Bürgertums. Seine täglich erfahrene Machtlosigkeit wird es auch in anderen Bereichen nicht länger hinnehmen.

Der Vorwahlkampf für die Bundeswahlen 2014 setzt in diesen Tagen ein. Er wird spannender und härter ausgetragen als in den Jahrzehnten zuvor. Mit Schwarzgeld, Korruption und nun auch den Rechten der Frauen kommen neue Themen auf die Tagesordnung. Die korrupte und weitgehend tatenlose Schicht indischer Politiker erkennt allmählich, dass sie das eigene Volk nicht länger für dumm verkaufen kann.

Quelle: F.A.S.

 
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