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Gewalt gegen Ausländer Südafrikas hässliche Fratze

25.05.2008 ·  Die Gewalt gegen Ausländer nimmt kein Ende. In Kirchen und Polizeistationen drängen sich verzweifelte Flüchtlinge. Die selbsternannte Regenbogennation Südafrika, das Land mit der liberalsten Verfassung der Welt, zeigt seine hässliche Fratze.

Von Thomas Scheen, Johannesburg
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Sein Name soll Mugza gewesen sein. Er stammte aus Moçambique, so viel weiß man inzwischen, und habe als Anstreicher gearbeitet. Seit knapp einem Jahr lebte Mugza in dem Elendsviertel „Ramaphosaville“, einer Ansiedlung von Wellblechhütten in Reiger Park im Südosten von Johannesburg. Mugza war ein Mann ohne Geschichte. Bis der Mob beschloss, ihn umzubringen, weil er Ausländer ist, bis sie ihn niederstachen, einen Betonklotz auf seinen Schädel schlugen, ihn auf eine Matratze legten, mit Benzin übergossen und ihn anzündeten.

Die Bilder, wie er auf Händen und Knien versucht, in Sicherheit zu kriechen, während die Flammen seinen Körper zerfressen, das Entsetzen auf den Gesichtern der Polizisten, die ihn zu retten versuchen, gingen um die Welt. Gleichzeitig ist das Bild des brennenden Moçambiquaners ein Fanal. Die selbsternannte Regenbogennation Südafrika, das Land mit der liberalsten Verfassung der Welt, zeigt seine hässliche Fratze.

Schwarze jagen Schwarze

Seit zwei Wochen toben am Kap ausländerfeindliche Ausschreitungen, bei denen schwarze Südafrikaner Jagd auf schwarze Ausländer machen. Begonnen hatten die Straßenschlachten am 11. Mai im Johannesburger Slum Alexandra, um sich von dort wie ein Lauffeuer durch die Provinz Gauteng auszubreiten. Vorläufige Bilanz der Raserei: mehr als 40 Tote und vermutlich weit mehr als 30.000 Flüchtlinge, die sich in Kirchen, Gemeindesälen und Polizeistationen zusammendrängen. Inzwischen brennt es auch in Durban, in Kapstadt und in der Provinz Mpumalanga.

Die völlig überforderte Polizei forderte die Unterstützung der Armee an, die ihr die Regierung nach tagelangem Zögern schließlich gewährte. Seither kreisen große Militärhubschrauber über Johannesburg. Es ist der erste Einsatz der Streitkräfte im Innern seit dem Ende der Apartheid 1994. Allein das zeigt die Dramatik der Situation.

Fish Eagle Road, Ramaphosaville, Reiger Park: Der Betonbrocken, mit dem Mugza der Schädel eingeschlagen wurde, liegt immer noch auf der Straße. Ebenso die Reste der Matratze. Auch sonst sieht das Elendsviertel aus wie ein Schlachtfeld. Die Hälfte der armseligen Behausungen aus Blech und Brettern ist abgebrannt, verkohlte Fahrzeuge säumen die mit Patronenhülsen übersäte Straße. Gepanzerte Polizeifahrzeuge patrouillieren unablässig. Es sind nie weniger als ein Dutzend.

„Hast du ein Problem damit?“

Der junge Mann ist schwer beschäftigt. Bewaffnet mit einem Hammer und einer Brechstange, ist er gerade dabei, ein Wellblechdach zu demontieren. Das auf der Hütte seines Nachbarn. Ehemaligen Nachbarn, um genau zu sein, denn die Familie aus Zimbabwe ist auf der Flucht. „Hast du ein Problem damit?“, schnauzt er auf die Frage, was er da mache, und schwingt bedrohlich den Hammer. Aber er besinnt sich. „Es ist ganz einfach“, doziert er: „Wir Südafrikaner haben keine Jobs, kein Geld und keine Zukunft, während die Ausländer immer alles bekommen. Wir wollen keine Ausländer mehr.“ Die umstehende Menge brüllt Beifall.

Ein älterer Mann, der seinen Namen mit Welile angibt, versucht das Gespräch zu lenken. „Ich finde die vielen Toten schrecklich“, sagt Welile und taucht seine Schuhspitze vorsichtig in die Asche einer niedergebrannten Hütte. Dort hatten Menschen aus Moçambique gelebt. Sie sind gerade so mit dem Leben davongekommen. „Aber trotzdem: Die Ausländer müssen gehen.“ Warum? „Weil es einfach zu viele sind“, sagt er und führt sein eigenes Beispiel an: Seit 1994 lebe er in Ramaphosaville, eingekeilt zwischen einem Goldbergwerk und einer Raffinerie. „Seit dieser Zeit höre ich von unseren Politikern, dass sie uns Häuser geben werden, dass wir an einen anderen Ort gebracht werden, weg von der Gas-Pipeline, die unter unseren Hütten verläuft. Doch passiert ist nichts.“

„Bring mir mein Maschinengewehr“

Die Zahl der in Südafrika lebenden Ausländer wird je nach Quelle auf vier bis fünf Millionen geschätzt. Das Gros - etwa drei Millionen - stammt aus Zimbabwe; Menschen, die vor Hunger und politischer Repression geflohen sind und in Südafrika auf den angespannten Arbeitsmarkt drängen.

40 Prozent der Südafrikaner sind arbeitslos, 43 Prozent von ihnen leben unter der offiziellen Armutsgrenze. Die Lebensmittelpreise haben sich in den vergangenen Monaten drastisch erhöht, Benzin und damit Transport ist für viele nahezu unerschwinglich geworden. Das alles ist bekannt, ebenso wie die in letzter Zeit gestiegenen Spannungen zwischen Zugewanderten und vor allem den Zulus in den Townships. Seither fragen sich viele, ob es nicht doch einen Zusammenhang gibt zwischen den Massenmorden und dem alten Kampflied, das der Präsident der Regierungspartei ANC, Jacob Zuma, bei jeder Gelegenheit anstimmt: „Bring mir mein Maschinengewehr“. Zuma ist Zulu und hat es bislang tunlichst vermieden, sich in den abgebrannten Townships blicken zu lassen.

So wie die Polizeistation von Primrose sehen mittlerweile viele Polizeistationen in Johannesburg aus: wie Flüchtlingslager. In Primrose drängen sich 2000 Menschen auf einer Wiese und einem Parkplatz. Die meisten besitzen nicht mehr, als sie am Leib tragen. Sie stammen aus Moçambique und aus Zimbabwe. Es ist eine sudanesische Familie unter den Flüchtlingen, man trifft Kongolesen, Malawier und Sambier. Seit einer Woche hocken sie auf dem Stück Gras, das ihnen Sicherheit verspricht. Und warten.

Einmal täglich Suppe und Brot

Das Rote Kreuz hat Zelte aufgestellt, Hilfsorganisationen verteilen Decken gegen die winterliche Kälte, einmal täglich gibt es eine warme Suppe und einen Kanten Brot. Solche Bilder kennt man aus Kenia und Kongo. Aber das hier ist Johannesburg, die modernste und reichste Stadt des Kontinents. Vielleicht macht deswegen dieses Elend so sprachlos.

Inmitten des Chaos hockt Nora Nguenha auf einem eilig gepackten Jutesack, vor sich ein Plastikeimer mit ein paar Habseligkeiten und eine zerschlissene Handtasche. Neben ihr sitzt ihr Mann Albino. „Er spricht nicht mehr“, sagt Nora. Albino ist Moçambiquaner, sie aber Südafrikanerin. Der Mob hat sie aus ihrer Hütte in Ramaphosaville gejagt. „Sie haben gesagt, wenn du deinen Mann behalten willst, musst du gehen“, erzählt Nora. Dann haben die Angreifer ihnen das Geld gestohlen, die Möbel abtransportiert und die Hütte in Brand gesteckt. „Was sollen wir jetzt tun?“ fragt sie. „Ich kenne Moçambique nicht, ich spreche die Sprache nicht.“ Sie will bleiben, er aber wird gehen; das traurige Ende einer Ehe, die 26 Jahre lang gehalten hat.

Immerhin hat die Regierung von Moçambique umgehend Busse geschickt. Ein knappes Dutzend davon hat Primrose angesteuert. Jasper Tivane verfolgt stumm die Zuteilung der Sitzplätze. Jasper stammt aus Zimbabwe. Für ihn ist kein Bus gekommen. Für ihn wird auch nie einer kommen.

Seit zehn Jahren lebt Jasper in Südafrika, hat in der Goldmine von Primrose unter lebensgefährlichen Bedingungen jenes Edelmetall ans Tageslicht befördert, auf dem der Reichtum Südafrikas gründet. Nun haben sie ihn wie einen Hund vor die Tür gejagt. Sein Boss hat ihm zum Abschied 600 Rand (50 Euro) in die Hand gedrückt, einen halben Monatslohn, und „good luck“ gewünscht. Zurück nach Zimbabwe will Jasper nicht, in Südafrika bleiben kann er auch nicht. Was wird er jetzt machen? „Ich weiß nicht“, sagt Jasper: „Sterben vielleicht?“

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