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Gespräch mit einem Rassismusforscher „Ein Schlag gegen die schwarze Opfer-Identität“

23.09.2007 ·  Schafft es Barack Obama, als erster Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten zu werden? Und was würde das für Selbstbild und Perspektiven der Schwarzen dort bedeuten? Ein Interview mit dem Rassismusforscher Shelby Steele.

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Eines ist klar: Das schwarze Amerika wird bei den Präsidentschaftswahlen für Barack Obama stimmen - und was bislang noch kein schwarzer Kandidat schaffte (siehe auch: Hintergrund: Wie das schwarze Amerika wählt), könnte dem Senator aus Illinois gelingen: Der Einzug ins Weiße Haus. Der Rassismusforscher Shelby Steele spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über genau diese Aussichten.

„In keinem anderen Land der Erde ist meine Geschichte auch nur ansatzweise möglich“, sagte Barack Obama. Kann Obama amerikanischer Präsident werden?

Ja, wenn nicht jetzt, dann beim nächsten Mal. Er verkörpert den Wunsch nach einem schwarzen Kandidaten, der den Charakter und die Qualitäten dazu besitzt. Er würde seine Identität, sein Schwarzsein ins Weiße Haus einbringen, mithin viel dazu beitragen, Amerika zu versöhnen mit seiner langen Geschichte rassischer Konflikte.

Ist Amerika weniger rassistisch als andere Länder?

Amerika setzt sich mit seinem Rassismus auseinander seit der Debatte über Sklaverei. Wir sind weniger rassistisch als andere und heute viel weniger rassistisch als während meiner Kindheit.

Unter den Schwarzen, heißt es, sei eine Diskussion über Obamas „Schwarzheit“ entbrannt; er sei nicht schwarz genug.

Das ist Quatsch. Die Medien haben das erfunden. Das schwarze Amerika wird für Obama stimmen; er wird Hillary Clinton die schwarzen Stimmen abnehmen. Diese Chance werden die schwarzen Amerikaner nicht vertun.

Technisch gesehen, ist er „halbschwarz“.

Er ist schwarz, ob er eine weiße Mutter hatte oder nicht. In Amerika halten wir es immer noch mit der Ein-Tropfen-Regel. Wenn du schwarz aussiehst, bist du schwarz.

Aber er hat keine Getto- und keine Armutserfahrung...

Wenn wir Schwarzsein mit Armut und Elend gleichsetzen, dann sind zwei Drittel der Schwarzen nicht schwarz. Obama würde im Getto in Los Angeles mit weniger Skepsis rechnen müssen als an der Jurafakultät von Harvard. Nein, Obama hat keinen Tag seines Lebens als etwas anderes verbracht denn als ein schwarzer Mensch.

Sie sind Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter. Sie sind verheiratet mit einer Jüdin, Tochter eines Holocaust-Überlebenden.

Ich bin zuallererst ein Produkt des amerikanischen Schmelztiegels. Mindestens drei Ethnien treffen bei mir aufeinander, meine Kinder erweitern das noch einmal. Das ist ein Beweis für die Offenheit der amerikanischen Gesellschaft. Meine Eltern haben auf der Höhe der Segregation in Chicago geheiratet. Ich bin in dieser getrennten Welt aufgewachsen. Wie Obama habe ich nicht einen Tag meines Lebens als Nicht-Schwarzer gelebt. Meine Eltern sind beide in der Bürgerrechtsbewegung gewesen. Mit zwölf hatte ich gewissermaßen schon einen Schulabschluss in Rassismus.

Für einen Europäer ist es schwer zu verstehen, dass Ihre weiße Mutter Sie nicht auch „weiß“ gemacht hat?

Ach, Identität wird überbewertet, ich habe nicht wahrgenommen, dass meine Eltern unterschiedlicher Rasse waren, für mich waren sie einfach Mom und Dad. Erst mit etwa 15 Jahren wurde mir der Unterschied bewusst, weil die Außenwelt darüber redete. Wichtig ist, dass der gemischte rassische Hintergrund für Menschlichkeit sorgt. Die anderen, die Weißen, waren keine Abstraktion für mich, meine weiße Mutter kannte ich als Menschen. Und das ist mein größter Vorteil als Autor, der über Rassismus schreibt: Jeder ist zuerst ein Mensch. Sie haben ähnliche Gefühle, Ängste, Werte. Ich schreibe also über die Conditio humana.

Seit der Bürgerrechtsbewegung haben sich die Dinge nicht für alle Schwarzen zum Guten gewendet. In den standardisierten Tests schneiden sie noch immer schlechter ab, die Lücke zu anderen Gruppen ist größer geworden.

Rassismus ist nicht schuld daran. Natürlich ist jede Gruppe unterentwickelt, die nach dreihundert Jahren Unterdrückung die Freiheit erlangt. Nur: Statt die Ärmel aufzukrempeln, um aufzuholen, haben wir uns als Opfer des Rassismus stilisiert. So konnten wir die Schuldgefühle der Weißen manipulieren. So konnten wir Zuwendungen und Vorteile herausschlagen wie die Affirmative Action. Schade nur, dass man dann alle Probleme durch weißen Rassismus erklärt und niemals die Ursachen bei sich selbst sucht. So haben wir vierzig Jahre lang unsere Rückständigkeit ignoriert, und das ist ein hundert Mal größeres Problem für uns als der Rassismus. Solange wir das nicht anpacken, werden wir auch keinen echten Gleichstand erreichen.

Ist die schwarze Führung daran schuld?

Es ist die schwarze und die weiße Führung. Die Weißen unterstützen aus Angst vor dem Rassismus-Etikett diese Wohltaten. Wir glauben, unsere Macht liegt in unserer Opferrolle. Weiße Schuldgefühle und schwarze Opferrolle sind zwei Seiten derselben Medaille.

Sie haben geschrieben, gute weiße Absichten hätten etwas zerstört, was nicht einmal die Sklaverei zerstört habe: die Familie.

Weil all diese Hilfsprogramme uns dazu gebracht haben, uns als Opfer zu betrachten. Als ich in der Zeit der Rassentrennung heranwuchs, haben wir gedacht: Niemand kümmert sich um uns, also müssen wir es selber schaffen. Als wir aber erst die Weißen am Haken hatten, gaben sie uns, ohne etwas dafür zu fordern. Das war die große Sünde und vergrößerte unsere Abhängigkeit. Heute ist die schwarze Familie so gut wie zerstört. 70 Prozent aller schwarzen Kinder werden unehelich geboren, in den großen Städten sogar 90 Prozent. In den Fünfzigern lag die Rate bei unter zwanzig Prozent.

Was kann Obama dagegen tun?

Nicht viel. Obamas Sieg könnte ein Schlag gegen die schwarze Opfer-Identität sein. Es ist schwer, vom Opferstatus zu reden, wenn einer von den Deinen im Weißen Haus sitzt. Andererseits hatten wir auch große Hoffnungen, als die ersten Schwarzen Bürgermeister wurden - in Chicago, in New York. Meist wurde es schlimmer.

Obama ist gebildet. Warum hämmert es die schwarze Führung den Kindern nicht ein, dass Bildung der Schlüssel zum Erfolg ist?

Wer Bildung als Fahrkarte aus der Armut preist, erwartet von den Opfern Verantwortung. Das schwarze Establishment will aber die Weißen auf ihre Schuld fixieren und wird wütend, wenn man solches fordert. Dann ließe man ja die Weißen vom Haken. Dabei kann jeder Idiot sehen, dass Bildung der Schlüssel ist. Es liegt nicht am Geld, sondern an der Verantwortung und der harten Arbeit. Es sind Milliarden in Armuts- und Schulprogramme geflossen, und doch waren die Schwarzen in den standardisierten Uni-Zugangstests im Jahre 2000 schlechter als 1990.

Die Weißen bestehen aber auch nicht auf schwarzer Leistung...

... genau, denn alle sind glücklich, die Schwarzen als Opfer zu sehen. Jeder Schwarze, der Eigenverantwortung predigt, ist ein Onkel Tom, ein Verräter.

Haben Sie es ganz allein geschafft?

Als ich studierte, gab es noch keine Affirmative Action. Aber meine Eltern haben das Normale getan und in die Bildung ihrer Kinder investiert. Vorschule, Kindergarten, Lesen, Musik. Wenn schwarze Kinder heute mit fünf in die Schule kommen, hinken sie zwei Jahre hinter weißen Kindern her. Aber die schwarze Führung macht die „schlechten öffentlichen Schulen“ verantwortlich.

Würden Sie Quoten und dergleichen abschaffen?

Affirmative Action ist das größte Übel nach der Sklaverei. Diese Programme sind gemein, bedeuten sie doch den Schwarzen, dass sie minderwertig seien. Der Ku-Klux-Klan hätte sich keine bessere Waffe ausdenken können, um Schwarze in ihrer Rückständigkeit zu halten. Und es funktioniert. Schwarze Studenten haben die schlechtesten Durchschnittswerte, die höchsten Abbrecherquoten.

Sie haben geschrieben: Wir sind weniger erfolgreich in Freiheit als während der Rassentrennung.

Stimmt. Wir unterdrücken uns selber mehr, als es die Weißen jemals konnten.

Obama könnte der Erlöser sein?

Wenn wir in Obama so eine Art Retter sehen, rennen wir wieder gegen eine Wand. Es ist Zeit, dass wir uns assimilieren. Wir sind Amerikaner, Amerika ist das Land der Gelegenheiten. In dem Moment, wo man Verantwortung für sich übernimmt, wird das Leben in Amerika reich an Möglichkeiten. Wir leben in einem Schneesturm von Möglichkeiten, man kann alles werden, sogar Präsident.

Shelby Steele ist Senior Fellow am Hoover-Institut in Stanford.
Das Gespräch führte Christine Brinck.

Quelle: F.A.S., 23.09.2007, Nr. 38 / Seite 10
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