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Gespräch mit einem Rassismusforscher „Ein Schlag gegen die schwarze Opfer-Identität“

Schafft es Barack Obama, als erster Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten zu werden? Und was würde das für Selbstbild und Perspektiven der Schwarzen dort bedeuten? Ein Interview mit dem Rassismusforscher Shelby Steele.

© AFP Vergrößern Ist die Zeit reif für Barack Obama?

Eines ist klar: Das schwarze Amerika wird bei den Präsidentschaftswahlen für Barack Obama stimmen - und was bislang noch kein schwarzer Kandidat schaffte (siehe auch: Hintergrund: Wie das schwarze Amerika wählt), könnte dem Senator aus Illinois gelingen: Der Einzug ins Weiße Haus. Der Rassismusforscher Shelby Steele spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über genau diese Aussichten.

„In keinem anderen Land der Erde ist meine Geschichte auch nur ansatzweise möglich“, sagte Barack Obama. Kann Obama amerikanischer Präsident werden?

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Ja, wenn nicht jetzt, dann beim nächsten Mal. Er verkörpert den Wunsch nach einem schwarzen Kandidaten, der den Charakter und die Qualitäten dazu besitzt. Er würde seine Identität, sein Schwarzsein ins Weiße Haus einbringen, mithin viel dazu beitragen, Amerika zu versöhnen mit seiner langen Geschichte rassischer Konflikte.

Das schwarze Amerika wird für Obama stimmen © AP Vergrößern Das schwarze Amerika wird für Obama stimmen

Ist Amerika weniger rassistisch als andere Länder?

Amerika setzt sich mit seinem Rassismus auseinander seit der Debatte über Sklaverei. Wir sind weniger rassistisch als andere und heute viel weniger rassistisch als während meiner Kindheit.

Unter den Schwarzen, heißt es, sei eine Diskussion über Obamas „Schwarzheit“ entbrannt; er sei nicht schwarz genug.

Das ist Quatsch. Die Medien haben das erfunden. Das schwarze Amerika wird für Obama stimmen; er wird Hillary Clinton die schwarzen Stimmen abnehmen. Diese Chance werden die schwarzen Amerikaner nicht vertun.

Technisch gesehen, ist er „halbschwarz“.

Er ist schwarz, ob er eine weiße Mutter hatte oder nicht. In Amerika halten wir es immer noch mit der Ein-Tropfen-Regel. Wenn du schwarz aussiehst, bist du schwarz.

Aber er hat keine Getto- und keine Armutserfahrung...

Wenn wir Schwarzsein mit Armut und Elend gleichsetzen, dann sind zwei Drittel der Schwarzen nicht schwarz. Obama würde im Getto in Los Angeles mit weniger Skepsis rechnen müssen als an der Jurafakultät von Harvard. Nein, Obama hat keinen Tag seines Lebens als etwas anderes verbracht denn als ein schwarzer Mensch.

Sie sind Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter. Sie sind verheiratet mit einer Jüdin, Tochter eines Holocaust-Überlebenden.

Ich bin zuallererst ein Produkt des amerikanischen Schmelztiegels. Mindestens drei Ethnien treffen bei mir aufeinander, meine Kinder erweitern das noch einmal. Das ist ein Beweis für die Offenheit der amerikanischen Gesellschaft. Meine Eltern haben auf der Höhe der Segregation in Chicago geheiratet. Ich bin in dieser getrennten Welt aufgewachsen. Wie Obama habe ich nicht einen Tag meines Lebens als Nicht-Schwarzer gelebt. Meine Eltern sind beide in der Bürgerrechtsbewegung gewesen. Mit zwölf hatte ich gewissermaßen schon einen Schulabschluss in Rassismus.

Für einen Europäer ist es schwer zu verstehen, dass Ihre weiße Mutter Sie nicht auch „weiß“ gemacht hat?

Ach, Identität wird überbewertet, ich habe nicht wahrgenommen, dass meine Eltern unterschiedlicher Rasse waren, für mich waren sie einfach Mom und Dad. Erst mit etwa 15 Jahren wurde mir der Unterschied bewusst, weil die Außenwelt darüber redete. Wichtig ist, dass der gemischte rassische Hintergrund für Menschlichkeit sorgt. Die anderen, die Weißen, waren keine Abstraktion für mich, meine weiße Mutter kannte ich als Menschen. Und das ist mein größter Vorteil als Autor, der über Rassismus schreibt: Jeder ist zuerst ein Mensch. Sie haben ähnliche Gefühle, Ängste, Werte. Ich schreibe also über die Conditio humana.

Seit der Bürgerrechtsbewegung haben sich die Dinge nicht für alle Schwarzen zum Guten gewendet. In den standardisierten Tests schneiden sie noch immer schlechter ab, die Lücke zu anderen Gruppen ist größer geworden.

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