20.12.2011 · Ultraorthodoxe Juden vor allem in Jerusalem wollen Frauen das Singen verbieten, und auch von Plakaten sollen sie verschwinden. Aber immer mehr Israelis wehren sich.
Von Hans-Christian Rößler, JerusalemDie knapp 400 Liedblätter reichten nicht. „Blumen und Vögel sind geschützt, nur ich bin es nicht“, singen die Frauen auf der Straßenbahnbrücke am Stadteingang von Jerusalem. Auch einige Männer haben sich zu den etwa tausend Sängerinnen gesellt. Mit ihrem „musikalischen Protest“ zeigen die Frauen, dass sie sich von frommen Juden nicht den Mund verbieten lassen wollen. Der improvisierte Chor auf der Brücke klingt zwar nicht immer ganz harmonisch, aber das ist nicht der Grund, weshalb ultraorthodoxe Juden verhindern wollen, dass Frauen in der Öffentlichkeit singen. Die Strenggläubigen fürchten, dass ihre Stimmen Männer in Versuchung führen könnten.
„Wir hatten nicht erwartet, dass so viele Menschen kommen. Das lässt einen wieder Mut schöpfen“, sagt Anat Hoffman, die die Singaktion auf der neuen Harfenbrücke in Jerusalem mit organisiert hat; auch in Tel Aviv und Haifa gab es sie. Doch die temperamentvolle Frau ließ sich schon zuvor nicht einschüchtern. Seit Jahren kämpft sie mit dem von ihr geleiteten „Religiösen Aktionszentrum“ gegen die frommen Eiferer. Früher wollten diese Männer vor allem die Einhaltung der Schabbatruhe durchsetzen, aber seit einiger Zeit haben sie es besonders auf die Frauen abgesehen. Sie predigen „Sitte“ und „Anstand“ und hätten es am liebsten, wenn sich unverheiratete Männer und Frauen weder hörten noch sähen. So dürfen in einem ihrer Sender schon keine Sprecherinnen mehr ans Mikrofon. Und in Jerusalem schafften es die Ultraorthodoxen, dass in der Stadt sogar Bilder kleiner Mädchen von den Plakatwänden verschwanden.
Immer mehr Israelis wollen sich das aber nicht mehr bieten lassen - besonders, seit der Streit auch die Armee erfasst hat: Religiöse Soldaten weigerten sich, bei offiziellen Feiern in ihren Einheiten Sängerinnen zuzuhören. Als Ende Oktober das Tora-Freudenfest gefeiert wurde, trennte auf einem Stützpunkt ein Sichtschutz die Männer von den 50 Meter entfernt tanzenden Frauen; traditionell tanzt man in Israel an diesem Feiertag mit den Torarollen im Arm. Gleichzeitig mehren sich die Forderungen aus dem religiösen Lager, Frauen das Kommando über Männer zu entziehen.
Das ging nicht mehr nur Feministinnen zu weit. Sie erhielten überraschende Schützenhilfe: „Der gemeinsame Wehrdienst von Männern und Frauen ist ein Grundstein der israelischen Volksarmee“, schrieben 19 Reservegeneräle an Verteidigungsminister Barak und Generalstabschef Gantz. „Aus Sorge um die demokratischen Grundwerte der israelischen Gesellschaft“ verlangten sie in einem gemeinsamen Brief, den Frommen in der Armee Einhalt zu gebieten. Zuvor hatte Efraim Halevy, der frühere Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad, den wachsenden Einfluss einheimischer religiöser Extremisten als bedrohlicher bezeichnet als das iranische Atomwaffenprogramm.
„Die Extremisten werden immer extremer und ziehen sich immer mehr in ihren Bunker zurück. Aber unser Lager besteht eben längst nicht mehr nur aus Feministinnen oder lesbischen Frauen“, freut sich Anat Hoffman. Sie war im vorletzten Sommer auch außerhalb Israels bekannt geworden. Damals trug sie eine Torarolle an die Klagemauer in Jerusalem, um dort gemeinsam mit anderen Frauen zu beten. Das ist jedoch an dem heiligen Ort nur Männern erlaubt. Ihr droht deshalb nun bis zu ein Jahr Haft.
Vor dem Obersten Gericht trug ihr „Religiöses Aktionszentrum“, das der Bewegung der progressiven Juden angehört, zu Beginn dieses Jahres einen Sieg davon. Die Richter urteilten im Januar, dass öffentliche Verkehrsbetriebe Frauen nicht vorschreiben dürfen, wo sie sitzen müssen. Bis zu Jahresanfang gab es in Israel rund 60 „Mehadrin“-Busse, die vor allem ultraorthodoxe Juden benutzen. Das sind „strikt koschere“ Busse, in denen Männer vorne und Frauen hinten sitzen. Heute weisen Schilder darauf hin, dass Frauen sich hinsetzen können, wo sie wollen. Setzt der Busfahrer ihr Recht nicht gegen protestierende religiöse Fahrgäste durch, droht ihm eine Geldstrafe. Anat Hoffman zeigte erst vor wenigen Tagen wieder einen Fahrer an. Er schritt nicht ein, als wütende Männer an ihrem Sitz im vorderen Teil des Busses rüttelten und verlangten, dass sie weiter hinten Platz nimmt. „Das sind aber nur noch Ausnahmen. Es wird immer schwieriger, Busse mit Geschlechtertrennung zu finden“, berichtet die Frauenrechtlerin.
Von der Außenseite der Busse bleiben Frauen aber verbannt. Die Plakatflächen der Stadt, in der gut ein Viertel aller Einwohner ultraorthodox ist, sind frauenfrei. Vor kurzem traf es in Jerusalem das Modell Sandy Bar. Überall in Israel ist sie auf den Plakaten eines Modehauses in einem orangefarbenen Strickpullover zu sehen, in der heiligen Stadt aber nur ein Ausschnitt mit ihrer Hand und einer Tasche. In der neuen Straßenbahn dürfen auf Postern nur Männer für Organspenden werben. Außerhalb Jerusalems dürfen sie zusammen mit Frauen und Mädchen mit ihren Spenderausweisen winken. Knapp bekleidete Frauen tauchen in der Stadt traditionell nicht in der Werbung auf. Aber in der Vergangenheit genügte schon ein weibliches Gesicht, damit religiöse Aktivisten das Plakat abrissen oder übermalten.
„Wenn man in dieser Stadt tolerant sein will, darf man nicht mit Frauen werben“, heißt es bei der Werbeagentur Zohar Hutzot. Diese Art von Selbstzensur ging auch dem konservativen Rabbiner Uri Ayalon zu weit. Gemeinsam mit Freunden ließ er eigene Plakate drucken: Unter der Aufschrift „unzensiert“ ließen sich Frauen unterschiedlichen Alters fotografieren. Auch eine Mutter mit ihren beiden Töchtern ist dabei. Einige Plakate wurden schon abgerissen.
Rachel Azaria gehörte zu den ersten Frauen, die sich das schon vor drei Jahren nicht bieten ließ. Damals kandidierte die Mutter von drei Kindern, deren Mann in jüdischer Theologie promoviert, für den Jerusalemer Stadtrat. Aber die staatlich subventionierte Firma Egged weigerte sich, Wahlplakate mit ihrem Gesicht an den Bussen anzubringen. Sie zog vor Gericht, wo Egged und die Werbeagentur zugaben, dass sie ein Abkommen mit den Ultraorthodoxen geschlossen hätten, darauf zu verzichten. Andernfalls verwüsteten diese Plakate und Busse.
Die energische Frau mit den schwarzen Locken gewann den Prozess wie die Wahl und hatte ihr politisches Thema gefunden. „Mit den Ultraorthodoxen kann man keine Kompromisse machen, wie es (der Jerusalemer) Bürgermeister Barakat versucht. Ihre Forderungen werden dann immer radikaler“, hat sie gelernt. Zum zweiten Mal zog sie in diesem Herbst wegen eines anderen Falls im Ultraorthodoxen-Viertel Mea Schearim vor Gericht. Dort waren während des jüdischen Laubhüttenfests in einer Straße wieder Barrieren mit Sichtschutz aufgestellt, die Männer und Frauen voneinander trennten. Das von der Stadträtin gegen die kommunalen Behörden angestrengte Verfahren ging jedoch 2011 Bürgermeister Barakat zu weit. Er entzog Rachel Azaria ihr Ressort im Rathaus. Hinter den Kulissen hätten die Frommen in seiner Koalition Druck auf ihn ausgeübt, ist sie überzeugt. „Aber im Internet unterschrieben 8000 Menschen eine Petition, die mich unterstützte. Seit den Sozialprotesten im Sommer ist zu spüren, dass immer mehr Israelis nicht mehr tatenlos zusehen wollen“, beobachtet sie. Oft rufen sie auch Einwohner aus den ultraorthodoxen Vierteln an: „Sie haben am stärksten unter den Extremisten zu leiden und fürchten sie noch mehr als die säkularen Juden.“
Rachel Azaria, die sich selbst als orthodoxe Jüdin bezeichnet, sieht sich und die singenden Frauen nur als eine Vorhut. Angesichts der hohen Geburtenrate in den strenggläubigen Familien werde spätestens in zehn Jahren auch der Rest des Landes sich mit ähnlichen fundamentalistischen Forderungen auseinandersetzen müssen wie heute schon die Menschen in Jerusalem; ein Viertel aller Erstklässler in ganz Israel kommt schon heute aus ultraorthodoxen Familien. Diese Gefahr scheinen mittlerweile auch Politiker und Militärs ernst zu nehmen. Bürgermeister Barakat wies den Jerusalemer Polizeichef an, alles zu tun, damit Plakate mit Frauengesichtern hängen bleiben. Und die Armeeführung bereitet eine Anordnung vor, die klarstellt, dass alle Soldaten an offiziellen Veranstaltungen teilnehmen müssen, auch wenn dort Frauen singen.
Am Sonntag meldete sich auch Ministerpräsident Netanjahu ungewöhnlich scharf zu Wort. Am Freitag vergangener Woche bedrängten ultraorthodoxe Juden eine Frau in einem Überlandbus, sich nach hinten zu setzen. Auch ein Polizist half ihr nicht. Der Fall rief große Empörung hervor. Netanjahu sagte: „Randgruppen dürfen nicht unsere gemeinsamen Werte angreifen. Der öffentliche Raum ist für alle Bürger da.“
Die Ähnlichkeiten zwischen dem Judentum und
Ulrich Stauf (DH7XU)
- 21.12.2011, 05:53 Uhr
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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