27.12.2009 · Das jüngste Kapitel der Zeitgeschichte des globalen Terrorismus wartet nicht nur mit einem „üblichen Verdächtigen“, sondern auch mit einem klassischen Helden auf: Jasper Schuringa, der den Attentäter zu überwältigen half, wird in Amerika und in seiner niederländischen Heimat gefeiert.
Von Matthias Rüb, WashingtonImmerhin wartet das jüngste Kapitel der Zeitgeschichte des globalen Terrorismus nicht nur mit einem „üblichen Verdächtigen“, sondern auch mit einem klassischen Helden auf. Jasper Schuringa, der auf dem Flug „Delta/Northwest 253“ von Amsterdam nach Detroit offenbar half, etwa 300 Passagieren und Besatzungsmitgliedern das Leben zu retten, wird in Amerika und in seiner niederländischen Heimat seit dem Weihnachtstag als Held gefeiert. Er ist 32 Jahre alt und verdient seinen Lebensunterhalt als Filmemacher. Nach Augenzeugenberichten war es Schuringa, der sofort seinen Sicherheitsgurt löste, als er einen dumpfen Knall gehört und das Feuer und den Rauch gesehen hatte. Über mehrere Sitzreihen hinweg stürzte er sich auf den in Flammen stehenden Mann in Reihe 19, riss ihm etwas aus den Händen und rang ihn nieder. Kurz darauf eilten Flugbegleiter herbei, warfen Decken über die ineinander verkeilten Männer sowie den brennenden Sitz und löschten die Flammen mit dem Bordfeuerlöscher.
Viele andere Passagiere waren angesichts von Flammen und Rauch in der Kabine des Airbus 330 in Panik geraten. Einige schrien, andere verharrten wie gelähmt auf ihren Sitzen. Aber Schuringas Entschlossenheit erinnert viele Amerikaner an jene Passagiere des Fluges „United Airlines 93“ vom 11. September 2001, die die im Cockpit des entführten Flugzeuges verschanzten Luftpiraten angriffen. Dadurch war das vierte der gekaperten Flugzeuge nicht wie von Al Qaida geplant in Washingtons Kapitol gestürzt, sondern auf einen Acker in Pennsylvania.
Offenbar halten die amerikanischen Behörden den Vorfall beim Flug „Delta/Northwest 253“ beim Landeanflug auf Detroit am ersten Weihnachtsfeiertag nicht für harmloser als jene früheren Anschläge. Noch am Tag des fehlgeschlagenen oder verhinderten Terroranschlages erhoben sie Anklage gegen den 23 Jahre alten Nigerianer Umar Faruk Abdulmutallab, der mit schweren Verbrennungen an den Beinen in einem Krankenhaus im Bundesstaat Michigan behandelt wurde. Aug dem gesamten Flug habe Abdulmutallab sich freundlich und ruhig gezeigt, sagten Passagiere des Fluges. Niemand habe vermuten können, dass der junge Mann einen Massenmord habe verüben wollen.
Übliche Detektoren konnten den Sprengstoff nicht erkennen
Als der Flugkapitän das Fahrwerk ausfuhr, hatte sich Abdulmutallab gut zwanzig Minuten lang auf der Toilette aufgehalten. Seinen holländischen Sitznachbarn teilte er mit, er fühle sich unwohl und habe Magenschmerzen, woraufhin er eine Decke über seine Beine ausbreitete. Dann versuchte Abdulmutallab offenbar, den zuvor auf der Toilette scharf gemachten und mit dem an seinem Bein befestigten Sprengstoff in Verbindung gebrachten Zünder zu betätigen. Wahrscheinlich verdanken die rund 300 Menschen an Bord sowie möglicherweise Bewohner von Häusern in der Einflugschneise des Flughafens von Detroit ihr Leben dem Umstand, dass es wegen des Versagens des Zünders nur zu einer schwachen Verpuffung und nicht zu einer Explosion kam.
Nach offiziellen Angaben der amerikanischen Bundespolizei sowie nach Berichten amerikanischer Medien, die sich auf Informationen von Ermittlern und Fachleuten berufen, war es Abdulmutallab gelungen, etwa 80 Gramm des hochexplosiven Plastiksprengstoffs PETN an Bord zu schmuggeln. Der Sprengstoff, der von den üblichen Metalldetektoren an Flughäfen nicht erkannt wird und nur beim Abtasten durch einen Mitarbeiter der Flughafensicherheit in Amsterdam hätte entdeckt werden können, war an Abdulmutallabs Bein befestigt. Schon der als „Schuhbomber“ zu lebenslanger Haft verurteilte amerikanische Terrorist Richard Reid hatte im Dezember 2001 versucht, an Bord eines aus Paris kommenden Flugzeuges einige Gramm des in den Sohlen seiner Schuhe versteckten Sprengstoffs PETN zur Explosion zu bringen. Reid war aber ebenfalls bei dem Versuch überwältigt worden, den Sprengsatz zu zünden. Den Zünder, offensichtlich eine Flüssigkeit, brachte Abdulmutallab in der Toilette an, nachdem das Flugzeug schon den Sinkflug begonnen hatte. Warum der Zündmechanismus versagte und ob der Airbus von der geplanten Detonation tatsächlich zum Absturz hätte gebracht werden können, ist nicht klar.
Rätselhaft ist zudem, warum Abdulmutallab, der aus einer wohlhabenden und einflussreichen Familie aus dem muslimischen Norden Nigerias stammt und dessen Vater die Behörden angesichts der religiösen Radikalisierung seines Sohnes die Behörden seines Heimatlandes wie auch der Vereinigten Staaten gewarnt hatte, von den vernetzten Computern der Behörden nicht erkannt wurde. Nach Informationen der Fernsehsender BBC und CNN hat die amerikanische Botschaft in Nigeria nach der Warnung des Vaters zwar eine Akte über den 23 Jahre alten Umar Faruk Abdulmutallab angelegt und dessen Namen in die allgemeine Beobachtungsliste (Terrorist Identities Datamart Environment) aufgenommen, die etwa 500.000 Verdächtige führt. Umar Faruk Abdulmutallabs Name wurde jedoch nicht auf eine kleinere Liste mit Terrorverdächtigen (Terrorist Screening Data Base) gesetzt, die von internationalen Fluggesellschaften nicht befördert werden dürfen.
Der Jemen rückt weiter ins Zentrum des Antiterrorkampfs
Dabei mussten die Behörden Kenntnis von Abdulmutallabs Reisen über Ghana nach Jemen gehabt haben, wo er offenbar mit einem radikalen Imam Kontakt hatte. Zudem entspricht Abdulmutallab genau dem Täterprofil zahlreicher Selbstmordattentäter aus dem Umkreis des Terrornetzes Al Qaida: Sie stammen aus der Mittel- oder gar der Oberschicht ihrer Heimatländer, absolvieren im Ausland meist ein technisches Studium und durchlaufen eine Phase der Radikalisierung.
Der amerikanische Abgeordnete Peter King aus New York, führendes republikanisches Mitglied im Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses, teilte mit, dass Abdulmutallab bei seinem Aufenthalt im Jemen von Bombenbauern des Terrornetzes Al Qaida vorbereitet und ausgestattet worden sei. Für eine Verbindung Abdulmutallabs zu Al Qaida spricht auch, dass er offenkundig auf Anweisung seiner „Ausbilder“ im Jemen den Sprengsatz nicht über dem Atlantik, sondern erst über amerikanischem Boden zu zünden versuchte. Nach jüngsten Medienberichten soll es sich bei dem Imam im Jemen, mit dem Abdulmutallab in Verbindung stand, nicht um den ebenfalls radikalen Imam Anwar al Awlaqi handeln, bei dem der Attentäter von Fort Hood vor seiner Bluttat um Rat gebeten hatte. Der muslimische Heeres-Major und Militärpsychologe Nidal Malik Hasan hatte Anfang November auf dem Heeresstützpunkt in Texas 13 Menschen erschossen und Dutzende verletzt, ehe er selbst angeschossen und schwer verletzt wurde. Der Jemen ist nun weiter ins Zentrum internationalen Antiterrorkampfes gerückt.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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