In Algerien waren die Wähler am Donnerstag erstmals seit Beginn des Arabischen Frühlings aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Die Nationale Befreiungsfront (FLN) von Präsident Abdelaziz Bouteflika ging als Favorit in die Abstimmung, jedoch wurde damit gerechnet, dass sie an Boden verlieren und die Islamisten gestärkt werden würden.
Angesichts des verbreiteten Desinteresses der Bevölkerung wurde mit einer hohen Enthaltung gerechnet. Rund 21,6 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, die 462 Mandate im Parlament neu zu vergeben. Insgesamt traten 44 Parteien an, darunter 21 neue Gruppierungen. Mit ersten Ergebnissen wurde erst am Freitag gerechnet. Angesichts des geringen Interesses der Bevölkerung rief Präsident Bouteflika noch am Mittwoch die Jugend zur Teilnahme auf.
Bei den letzten Wahlen 2007 hatten nur 36 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben. Die FLN, die im bisherigen Parlament über 136 Sitze verfügte, ging als Favorit in die Wahlen, doch ist die frühere Einheitspartei geschwächt und gespalten. Die Führung von Generalsekretär Abdelaziz Belkhadem ist innerhalb der Partei umstritten und in manchen Wahlkreisen traten zwei FLN-Kandidaten gegeneinander an.
500 Wahlbeobachter vor Ort
Die Partei wird seit langem für die verbreitete Korruption und Vetternwirtschaft im Land verantwortlich gemacht. Bisher stellte die FLN gemeinsam mit der Nationalen Sammlungsbewegung für Demokratie (RND) von Regierungschef Ahmed Ouyahia und der islamistischen Bewegung der Gesellschaft für den Frieden (MSP) die Regierung. Die MSP schloss sich vor den Wahlen aber mit zwei weiteren islamistischen Parteien zum Wahlbündnis Grünes Algerien zusammen. Angesichts der Erweiterung der Wählerlisten um rund vier Millionen Wahlberechtigte, warnten mehrere Oppositionsgruppen vor einer Manipulation der Abstimmung.
Um Vorwürfe von Fälschungen zu vermeiden, wie sie seit Einführung des Mehrparteiensystems 1989 immer wieder die Wahlen überschatteten, überwachen dieses Mal auf Einladung der Regierung rund 500 Beobachter der Europäischen Union, der Arabischen Liga und der Vereinten Nationen die Wahl. Im Zentrum des Wahlkampfs stand die hohe Jugendarbeitslosigkeit von rund 21 Prozent. Die Wahl galt auch als Abstimmung über eingeleitete Reformen.
In Algerien ist die Unzufriedenheit mit der Politik hoch, doch gab es anders als etwa in Tunesien oder Ägypten bisher keine großen Proteste. Seit dem blutigen Bürgerkrieg in den neunziger Jahren ist die Sorge im Land vor gewaltsamen Veränderungen groß. Außerdem konnte die Regierung dank der hohen Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport bislang die privaten Haushalte subventionieren.
