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Gérard Depardieu Der Unersättliche

 ·  Nach vielen glücklichen Jahren ist jetzt Schluss: Der Schauspieler Gérard Depardieu kehrt den Franzosen den Rücken und setzt sich nach Belgien ab. Frankreich wird sich ohne ihn langweilen.

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© AFP Enfant terrible und Ikone Frankreichs: Gérard Depardieu im Februar 2010 auf der Berlinale

Gewiss, Gérard Depardieu hat bessere Zeiten erlebt. Damals herrschte schon ein Sozialist im Elysée-Palast, aber er war sein Freund. Nie wäre es Depardieu in den Sinn gekommen, François Mitterrand „porcelet“ (Ferkel) zu nennen, den Spitznamen, mit dem er François Hollande bedacht hat. Böse findet Depardieu „Ferkel“ nicht; er hat mal über das hilflose Babyschweinchen aus der Disney-Reihe Winnie Puuh geschwafelt, dem der zweite sozialistische Präsident so ähnele. Aber Mitterrand, das war schon etwas anderes als Hollande mit seiner Steuerkeule. Depardieu hätte damals im Traum nicht daran gedacht, sein Geld in Belgien in Sicherheit zu bringen.

Nein, der über seine Filmerfolge zum Millionär gewordene Schweißersohn aus Châteauroux brachte dem ersten sozialistischen Präsidenten Frankreichs ungestüme Bewunderung entgegen. „Mitterrand oder niemals“ titelte die Zeitung „Libération“ Ende 1987, als Depardieu bekannte: „Es ist so weit, ich werde zum ersten Mal in meinem Leben wählen.“ Jahre später trug der Schauspieler den verblichenen Präsidenten mit zu Grabe in Jarnac, ein würdiger Trauergast, über dessen Gesicht schwere Tränen kullerten. Erst hernach verstörte er die Trauergesellschaft, weil er den Pfarrer beschimpfte, den gesamten Messwein allein ausgetrunken zu haben.

Eine außergewöhnliche Männerfreundschaft

Mitterrand wiederum war fasziniert von dem Koloss des französischen Cinéma. Oft nahm er den Schauspieler auf seinen Reisen mit und liebte es, wie er mit einem Augenzwinkern von einem schlüpfrigen Witz zu Gedichten Alfred Mussets übergehen konnte. Die außergewöhnliche Männerfreundschaft begann in einem Fahrstuhl, so will es zumindest die Legende. In dem war Mitterrand eines Abends steckengeblieben, ausgerechnet im vornehmen Pariser Stadtpalast seines Kulturministers Jack Lang. Er hätte vielleicht ein wenig ausharren müssen, wäre da nicht ein Hüne die Treppe hinaufgeschnauft und hätte mit beherztem Handschlag die Fahrstuhlkabine samt Präsident freigegeben: Gérard Depardieu.

„Es war Freundschaft auf den ersten Blick“, sagt Jack Lang rückblickend. Es gibt tolle Geschichten, die sich die alte sozialistische Garde über Mitterrand und Depardieu erzählt, am besten bei einem guten Tropfen Wein, wie ihn der Schauspieler auf seinen Gütern an der Loire, im Bordelais oder im Languedoc anbauen lässt. Was war das für ein Spektakel, als Depardieu beim Transatlantikflug in der Concorde vor Mitterrand seinen französischen Pass zerriss! Den Wutanfall hatte der Präsident heraufbeschworen, weil er Depardieus Sohn Guillaume nicht begnadigen wollte. Der hatte sich beim Drogenkauf erwischen lassen, und zwar nicht zum ersten Mal.

„Direkt zum Erwachsenen“

Eine schlimme Geschichte, die schlimm enden sollte. Vier Jahre ist es jetzt schon her, dass Gérard Depardieu für immer Abschied von seinem ältesten Sohn nehmen musste - ohne sich je mit ihm versöhnt zu haben. Guillaume hatte in seinem Buch „Tout donner“ (“Alles geben“) dem Vater so ziemlich alles vorgehalten, was ein Sohn einem Vater vorwerfen kann: exzessiven Alkoholkonsum, Drogenmissbrauch und Sexorgien eingeschlossen. „Mein Vater hat immer gesagt: Mach, was ich dir sage, aber mach’ nicht, was ich mache!“, schrieb Guillaume Depardieu. Seinem eigenen Vater hat Gérard Depardieu immer alles verziehen. So klingt es zumindest, wenn er über seine chaotische Kindheit in dem Provinzstädtchen Châteauroux redet. Der Vater, der nicht lesen und schreiben konnte, soff sich irgendwann zu Tode.

Vorher schwängerte er die Mutter, Gérard wuchs mit fünf Geschwistern auf. Mit sieben Jahren war er es, der große Bruder, der der Mutter entbinden helfen musste. Für eine Hebamme, geschweige denn für einen Klinikbesuch, war kein Geld da. „Direkt zum Erwachsenen“ sei er da geworden, berichtete Depardieu seinem Biographen Laurent Neumann (“Ich liebe das Leben, das Leben liebt mich“). Depardieu trieb sich auf der Straße herum, klaute, verprügelte, wer ihm blöd kam. Er war ein kleiner Ganove, der wohl ein großer geworden wäre, wie er selbst sagt. Wenn da nicht dieser waghalsige Versuch gewesen wäre, sich in Paris an der Schauspielschule vorzustellen. 1965 war das, Gérard gerade 17 Jahre alt, schon ein Hüne mit der vom Boxkampf gezeichneten Nase. „Die Sekretärin hat einen Riesenschreck bekommen, als er vor ihr stand wie ein Urmensch“, erinnert sich Jean-Laurent Cochet, sein erster Schauspiellehrer. „Aber wir waren sofort eingenommen von seinem außergewöhnlichen Wesen.“

Häme von einigen Seiten

So ging das dann vielen, Duras, Sagan, Truffaut, Barbara, die zu Wegbereitern des großen Schauspielers wurden. Gérard hatte da schon Elisabeth geheiratet, eine Tochter aus gutem Hause. Die Beziehung zerbrach nach 25 Jahren, wie so vieles im Leben des Unersättlichen. Doch Depardieu blickt nicht mit Wehmut zurück. Er habe sich immer freundschaftlich getrennt, auch wenn das viel Geld koste. „Aber Geld spielt keine Rolle“, sagte er.

Genau das Gegenteil wollen jetzt seine Kritiker glauben machen, die ihm vorhalten, ein geldgieriger Sack zu sein, dessen Patriotismus nicht über das eigene Portemonnaie hinausreiche. Am schlimmsten hat ihn Philippe Torreton angepöbelt, ein mittelmäßiger Charakterdarsteller. „Halt’s Maul! Nimm deinen Klee und hau ab. Aber verlange keinen Respekt! Nicht Du!“, schrieb Torreton in einem „offenen Brief“ in „Libération“. Die Linkspresse ist plötzlich voll von hämischen Anspielungen über Depardieu: wie er kurz vor dem Start in einer Air-France-Maschine urinierte (immerhin, er pinkelte in eine Flasche), wie er einem Autofahrer die Fresse einschlug, weil der an ihm vorbeigefahren war, als er mal wieder ohne Fremdeinwirkung von seinem Motorroller fiel.

Investitionen in Fisch und Öl

Jetzt rächt sich, dass Depardieu sich im Wahlkampf zu einer neuen Leidenschaft bekannt hatte: Nicolas Sarkozy. Leicht schwankend war er bei der wichtigsten Wahlkampfkundgebung auf die Tribüne getreten und hatte seinen „neuen Freund“ gepriesen, „über den so schlecht geredet wird und der so viel Gutes tut“. Ja, er fand Sarkozy klasse, weil der die alten Eliten mit ihrem Gutmenschentum schrecklich durcheinanderbrachte. Depardieu kann das auch von sich behaupten. Er hat sich nie darum geschert, was von einem wie ein Nationalmonument bewunderten Schauspieler in Frankreich erwartet wird. Er drehte neben seinen Filmen immer noch andere Deals, weil es ihm Spaß machte. Den Fischladen in seiner bald ehemaligen Pariser Straße Rue du Cherche-Midi kaufte er kurzerhand auf, als der Besitzer wegen der gestiegenen Ladenmiete das Geschäft aufgeben wollte. Er macht Geschäfte in Tschetschenien oder Usbekistan, nennt deren Präsidenten Freunde, so wie den Russen Putin, der ihm die russische Staatsbürgerschaft schenken will. Früher lud ihn Fidel Castro ein, weil er in kubanische Ölquellen investiert hatte. Heute lacht Depardieu über solche finanziellen Desaster dröhnend hinweg.

Nur beim Spitzensteuersatz von 75 Prozent für Einkommensmillionäre hört der Spaß bei ihm auf. In Néchin, einem belgischen Grenzkaff, liegt künftig sein Hauptwohnsitz. Sogar die zurückgezogen mit ihren Hunden und Katzen an der Côte d’Azur lebende Filmdiva Brigitte Bardot bedauert das. „Gérard Depardieu ist ein außergewöhnlicher Schauspieler, der Frankreich auf einzigartige Weise verkörpert“, schrieb die Bardot, „auch wenn er den Stierkampf liebt.“ Filmmacher Claude Lelouch glaubt, dass Depardieu schnell zurückkehrt, „denn er liebt das Leben“ und deshalb „ganz bestimmt Frankreich“. In Néchin werde er sich furchtbar langweilen, prophezeit Lelouch. Vorerst aber wird sich Frankreich ohne Depardieu langweilen.

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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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