07.08.2009 · In Tiflis und Moskau wurde an diesem Freitag an den Krieg zwischen Georgien und Russland vor einem Jahr erinnert. Einig sind sich die beiden Länder nur in einem Punkt: Schuld war der jeweils andere. Michael Ludwig hat den Tag in Tiflis begleitet.
Von Michael Ludwig, TiflisZwei Schützenpanzer blockieren das georgische Parlament. Einige Soldaten, in Stahlhelmen, mit Pionierspaten am Koppel, halten Wache. Der Ort, an dem sie stehen - Tiflis, Rustaweli-Boulevard - ist ein Originalschauplatz, die Rosen, die auf der Treppe zum Parlament ausgestreut sind, sind frisch. Auch die Stahlhelme mit dem Sowjetstern, Uniformen, Koppel, Stiefel sind echt - doch sie werden von Schaufensterpuppen getragen. Die Szene ist einem blutigen Ereignis in Tiflis vor zwanzig Jahren nachgestellt. Sowjetsoldaten erhielten damals im April von General Igor Rodijonow den Befehl, eine Massendemonstration in Tiflis aufzulösen, auf der Georgiens Austritt aus der Sowjetunion gefordert wurde. Die Sowjetsoldaten töteten zwanzig Menschen aus der in panischer Angst fliehenden Menge mit Pionierspaten.
Für das Gedenken an diese Opfer sind die Rosen hingelegt worden. Der damalige Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Michail Gorbatschow wollte später nichts gewusst haben. Rodijonow war sogar eine Zeitlang russischer Verteidigungsminister unter Präsident Jelzin. Die georgische Zeitungsverkäuferin vor dem Parlament flucht auf Russisch, Rodijonow hätte den Tod verdient gehabt, meint sie dann, und Gorbatschow auch. Die Sowjetflaggen an den sowjetischen Schützenpanzern sind verkehrt herum aufgehängt. Die Botschaft ist eindeutig: Nieder mit der imperialen Politik, die die Sowjetunion verfolgte und die in Russland fortgeführt wird!
Eine andere Auslegung der Geschichte
Die nachgestellte Szene vor dem Parlament ist Teil, vielleicht aber sogar das eigentliche Herzstück, eines historischen Lehrpfades über drei Jahrhunderte Geschichte aus georgischer Sicht vom 18. Jahrhundert bis zum Krieg zwischen Georgien und Russland, der am 7. August vor einem Jahr ausbrach. Der Lehrpfad mit Fotos und Leinwänden, auf denen Videofilme aus dem Krieg gezeigt werden, und eben mit der Szene mit den Schützenpanzern soll, ohne Frage, den Weg der Emanzipation von Moskau aufzeigen, den auch der August-Krieg, bei dem es sich nach offizieller georgischer Darstellung um einen Abwehrkrieg gegen die russische Aggression handelte, nicht hat unterbrechen können. Die „Kriegsberichterstattung“ über diesen Waffengang ist am Kopfende des Boulevards konzentriert, am Freiheitsplatz mit der Statue des Nationalheiligen, des Heiligen Georgs mit der Lanze.
An anderen Orten in Transkaukasien werden manche Manches anders sehen als auf dem Tifliser Rustaweli-Boulevard dargestellt, so sicherlich in Südossetien oder in Abchasien, den abtrünnigen Provinzen, deren Bevölkerung den Georgiern seit langem Chauvinismus vorgehalten hatte. In beiden Provinzen sieht man sich nach der Anerkennung durch Russland als eigenständige Staaten fast am Ziel der nationalen Selbstverwirklichung. In Moskau gilt ohnedies eine andere Auslegung der Geschichte.
Aus Moskauer Sicht eine humanitäre Intervention
Putin, der frühere KGB-Mann, hat den nach Freiheit und Demokratie strebenden und auf Moskau schimpfenden georgischen Politikern der „amerikanisierten Generation“ immer wieder mit großem Vergnügen und Sarkasmus vorgehalten, dass Stalin und dessen Geheimdienstchef Berija schließlich Georgier und keine Russen gewesen seien. Immerhin sind auf dem Lehrpfad auch Erschießungsbefehle Berijas in Kopie zu besichtigen.
Selbstredend unterscheidet sich zwischen Tiflis und Moskau auch die Sicht auf den Krieg vor einem Jahr. Präsident Medwedjew nutzte die Gelegenheit, sich dabei von Putin, seinem Mentor und gegenwärtig Ministerpräsident, ein wenig zu emanzipieren. In Moskau sagte Medewedjew am Freitag, er persönlich habe den Befehl zum Einmarsch der 58. Armee in Südossetien erteilt - aus Moskauer Sicht eine humanitäre Intervention zur Erzwingung von Frieden und der Verhinderung eines Völkermords an den Südosseten durch die georgischen Streitkräfte und zum Schutz russischer Staatsbürger.
Der Begriff „verteidigen“ ist Auslegungssache
Die politischen Parteien hieben in die gleiche Kerbe wie Medwedjew - die Kommunisten, die beiden besonders kremltreuen Parteien Einiges Russland und Gerechtes Russland sowie die Nationaldemokratische Partei. Ähnlich wollen es die kommunistischen Demonstranten vor der amerikanischen Botschaft in Moskau halten oder die Kremljugend „Naschi“ (“Die Unsrigen“) oder die „Junge Garde“ von Einiges Russland, die vor der Erlöserkathedrale in Moskau am Abend eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Krieges planten.
Die Führungspolitiker der russischen Parteien hoben in ihrer Botschaft zum Jahrestag des Kriegsausbruchs einen Aspekt besonders hervor: Russische Landsleute, in welchem Lande auch immer sie leben, dürften sich sicher sein, dass Russland sie verteidigen werde, hieß es darin. Der Begriff „verteidigen“ ist Auslegungssache. Die Mehrheit der Südosseten und Abchasen hatten in den Jahren vor dem Augustkrieg aus Moskau russische Pässe erhalten, womit die Möglichkeit zur „Verteidigung der neuen Landsleute und Staatsbürger gegen Tiflis“ vorbereitet wurde, die ebenfalls zur Legitimierung des russischen Einmarsches in Südossetien oder der Verstärkung russischer Truppen in Abchasien herangezogen wurde.
„Zum Schutz vor georgischem Revanchismus“
In der Ukraine siedeln Russen kompakt im Osten und auf der Krim, ebenso im Norden Kasachstans. Überall dort wird man die Botschaft der Kremlparteipolitiker zu verstehen wissen. Starke russische Minderheiten leben aber auch im Baltikum. Dort freilich haben EU und Nato feste Streben eingezogen, so dass die Politiker an der Ostsee eher ruhig schlafen dürfen. Russland hält sich nicht an die Abmachungen des im August 2008 vereinbarten und im September ergänzten Waffenstillstandsabkommens.
Es hat seine Truppen nicht auf die Positionen vor dem Krieg zurückgezogen. Als Instrument zur Aushebelung des Abkommens diente Russland dabei die einseitige Anerkennung Abchasiens und Südossetiens als eigenständige Staaten - „zum Schutz vor georgischem Revanchismus“. Nun sei alles anders, die Truppenpräsenz vertraglich mit den neuen Staaten geregelt, frühere Vereinbarungen mithin obsolet. Das ist die russische Sichtweise der Lage, während Georgiens Staatspräsident Saakaschwili, den Putin „an den Eiern aufgehängt“ sehen wollte, in Gori, das im Krieg unter russische Bomben geriet, die Toten in einer neuen Gedenkstätte ehrte und in einem Fernsehinterview mit dem Sender „Imedi“ seine Sicht auf den Augustkrieg - es sei ein Verteidigungskrieg gegen Russland gewesen - wiederholte.
In der Pose des innenpolitischen Siegers
Diese Version ist allerdings auch in Georgien nicht unumstritten. Zumindest Teile der Opposition verschweigen zwar nicht die russischen Pressionen und Sanktionen gegen Georgien in den vergangenen Jahren, die eindeutig das Ziel hatten, die Anbindung Georgiens an den Westen zu verhindern, wobei Moskau das abchasische und südossetische Streben nach Selbstbestimmung geschickt genutzt habe. Sie sehen Saakaschwili dennoch als staatsmännischen Versager, der sich durch russische Provokationen in einen Krieg - gegen oder um Südossetien - habe hineinziehen lassen und damit die Aussicht auf Reintegration von Abchasien und Südossetien endgültig zunichte gemacht. Er sei verantwortlich dafür, dass die Integration Georgiens in die Nato vorläufig nicht mehr realistisch erscheine.
Dennoch nahm einer der lautesten Kritiker Saakaschwilis, der frühere UN-Botschafter Georgiens Irakli Alasania, jetzt an einem Treffen mit dem Präsidenten teil und debattierte über Reformvorhaben, an deren Verwirklichung andere Oppositionspolitiker nicht mehr glauben, solange Saakaschwili am Ruder ist. Der gab sich in dem Interview mit „Imedi“ in der Pose des innenpolitischen Siegers. Die Protestdemonstrationen der vergangenen Monate - sie waren vor einer Woche zu Ende gegangen - hätten jedem in Georgien vor Augen geführt, dass es unmöglich sei, durch die Hintertür an die Macht zu kommen. Saakaschwili fühlte sich am Tag der georgischen Trauer über Tote und verlorene Territorien offensichtlich wieder obenauf.
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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