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Georgien und Russland : Geteiltes Gedenken

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Obenauf am Tag der Trauer: Saakaschwili am Freitag auf einem Militärfriedhof in Tiflis Bild: dpa

In Tiflis und Moskau wurde an diesem Freitag an den Krieg zwischen Georgien und Russland vor einem Jahr erinnert. Einig sind sich die beiden Länder nur in einem Punkt: Schuld war der jeweils andere. Michael Ludwig hat den Tag in Tiflis begleitet.

          Zwei Schützenpanzer blockieren das georgische Parlament. Einige Soldaten, in Stahlhelmen, mit Pionierspaten am Koppel, halten Wache. Der Ort, an dem sie stehen - Tiflis, Rustaweli-Boulevard - ist ein Originalschauplatz, die Rosen, die auf der Treppe zum Parlament ausgestreut sind, sind frisch. Auch die Stahlhelme mit dem Sowjetstern, Uniformen, Koppel, Stiefel sind echt - doch sie werden von Schaufensterpuppen getragen. Die Szene ist einem blutigen Ereignis in Tiflis vor zwanzig Jahren nachgestellt. Sowjetsoldaten erhielten damals im April von General Igor Rodijonow den Befehl, eine Massendemonstration in Tiflis aufzulösen, auf der Georgiens Austritt aus der Sowjetunion gefordert wurde. Die Sowjetsoldaten töteten zwanzig Menschen aus der in panischer Angst fliehenden Menge mit Pionierspaten.

          Für das Gedenken an diese Opfer sind die Rosen hingelegt worden. Der damalige Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Michail Gorbatschow wollte später nichts gewusst haben. Rodijonow war sogar eine Zeitlang russischer Verteidigungsminister unter Präsident Jelzin. Die georgische Zeitungsverkäuferin vor dem Parlament flucht auf Russisch, Rodijonow hätte den Tod verdient gehabt, meint sie dann, und Gorbatschow auch. Die Sowjetflaggen an den sowjetischen Schützenpanzern sind verkehrt herum aufgehängt. Die Botschaft ist eindeutig: Nieder mit der imperialen Politik, die die Sowjetunion verfolgte und die in Russland fortgeführt wird!

          Eine andere Auslegung der Geschichte

          Die nachgestellte Szene vor dem Parlament ist Teil, vielleicht aber sogar das eigentliche Herzstück, eines historischen Lehrpfades über drei Jahrhunderte Geschichte aus georgischer Sicht vom 18. Jahrhundert bis zum Krieg zwischen Georgien und Russland, der am 7. August vor einem Jahr ausbrach. Der Lehrpfad mit Fotos und Leinwänden, auf denen Videofilme aus dem Krieg gezeigt werden, und eben mit der Szene mit den Schützenpanzern soll, ohne Frage, den Weg der Emanzipation von Moskau aufzeigen, den auch der August-Krieg, bei dem es sich nach offizieller georgischer Darstellung um einen Abwehrkrieg gegen die russische Aggression handelte, nicht hat unterbrechen können. Die „Kriegsberichterstattung“ über diesen Waffengang ist am Kopfende des Boulevards konzentriert, am Freiheitsplatz mit der Statue des Nationalheiligen, des Heiligen Georgs mit der Lanze.

          An anderen Orten in Transkaukasien werden manche Manches anders sehen als auf dem Tifliser Rustaweli-Boulevard dargestellt, so sicherlich in Südossetien oder in Abchasien, den abtrünnigen Provinzen, deren Bevölkerung den Georgiern seit langem Chauvinismus vorgehalten hatte. In beiden Provinzen sieht man sich nach der Anerkennung durch Russland als eigenständige Staaten fast am Ziel der nationalen Selbstverwirklichung. In Moskau gilt ohnedies eine andere Auslegung der Geschichte.

          Aus Moskauer Sicht eine humanitäre Intervention

          Putin, der frühere KGB-Mann, hat den nach Freiheit und Demokratie strebenden und auf Moskau schimpfenden georgischen Politikern der „amerikanisierten Generation“ immer wieder mit großem Vergnügen und Sarkasmus vorgehalten, dass Stalin und dessen Geheimdienstchef Berija schließlich Georgier und keine Russen gewesen seien. Immerhin sind auf dem Lehrpfad auch Erschießungsbefehle Berijas in Kopie zu besichtigen.

          Selbstredend unterscheidet sich zwischen Tiflis und Moskau auch die Sicht auf den Krieg vor einem Jahr. Präsident Medwedjew nutzte die Gelegenheit, sich dabei von Putin, seinem Mentor und gegenwärtig Ministerpräsident, ein wenig zu emanzipieren. In Moskau sagte Medewedjew am Freitag, er persönlich habe den Befehl zum Einmarsch der 58. Armee in Südossetien erteilt - aus Moskauer Sicht eine humanitäre Intervention zur Erzwingung von Frieden und der Verhinderung eines Völkermords an den Südosseten durch die georgischen Streitkräfte und zum Schutz russischer Staatsbürger.

          Der Begriff „verteidigen“ ist Auslegungssache

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