Es war ein schwarzer Tag für Aslan Abaschidse, als im vergangenen November der damalige georgische Präsident Eduard Schewardnadse nach wochenlangen Straßenprotesten zurücktrat. Mehr als ein Jahrzehnt lang hatte der Diktator von Batumi seinen Gegenspieler Schewardnadse aller Sünden dieser Welt beschuldigt, einschließlich anderthalb Dutzend Mordanschläge auf seine eigene Person.
Doch Schewardnadse hatte den exzentrischen Opernliebhaber gewähren lassen, der die kleine Schwarzmeerprovinz Adscharien wie ein Privatfürstentum regierte. Seit aber die "kranken Leute", wie Abaschidse die Opposition nannte, und deren Führer, der neue Präsident Michail Saakaschwili, das Ruder in Georgien übernommen haben, wollen die schwarzen Tage im Leben des Paschas von Adscharien nicht mehr aufhören.
Drei Jahrhunderte Autonomie
Mit Geschick und Größenwahn hatte "Babu", der Großvater, wie seine Anhänger den 65 Jahre alten Abaschidse nennen, seine Clanherrschaft errichtet. Etwas zu sagen hatten in Adscharien, das knapp 400.000 Einwohner zählt, nur die Familien Abaschidse und Gogitidse, die Familie, aus der die Frau des Herrschers stammt. Oberbürgermeister der Hauptstadt Batumi ist seit drei Jahren Abaschidses 27 Jahre alter Sohn Grigorij. Den ehemaligen Bürgermeister hatte Abaschidse vor mehr als zehn Jahren verhaften lassen. Geheimdienstminister ist Schwager Soso Gogitidse, der Innenminister trägt den gleichen Namen, und so geht es weiter mit den Schwägern, Cousins und deren Freunden.
Daß er über Adscharien herrscht, empfindet Abaschidse, ein Weinliebhaber, der für Gäste gern Spaghetti kocht, nur als recht und billig. Schließlich ist der Begründer eines Kindertheaters Nachfahre der Familie, die seit 1463 unter türkischer und russischer Oberhoheit an der Spitze Adschariens stand. Die Provinz, die weniger als fünf Prozent der Fläche Georgiens ausmacht, besitzt Autonomie, weil sie drei Jahrhunderte unter ottomanischer Herrschaft stand.
Reichtum und Rauschgiftschmuggel
Als Georgien 1918 für drei Jahre unabhängig wurde, war Abaschidses Großvater Parlamentspräsident in Adscharien. Stalin ließ ihn 1937 erschießen. Der Enkel wurde Komsomol-Funktionär, Berufsschulrektor, Minister in Tiflis. Als er im wieder unabhängigen Georgien 1991 Statthalter in Batumi wurde, sah er seine Stunde gekommen. Als das Land im Bürgerkrieg zu versinken drohte, hielt er Adscharien aus dem Konflikt heraus und baute zielstrebig seine Herrschaft aus. Als Georgien zu halbwegs demokratischen Verhältnissen zurückfand, zog Abaschidse die Daumenschrauben weiter an. Wahlen gewann er stets mit 99 Prozent. Wappen, Hymne und Flagge seiner Republik stammen von ihm selbst, ebenso wie das Design seiner Yachten. Auch ein Stern ist nach ihm benannt.
Seinen Reichtum, den er demonstrativ in seinen Villen und Vorzeigeobjekten zur Schau stellt, bezieht Abaschidse vom Zollposten Sarpi an der Grenze zur Türkei; russische Quellen berichten von Waffen- und Rauschgiftschmuggel. Haupteinnahmequelle ist aber der Tiefwasserhafen in Batumi, wo zwölf Millionen Tonnen Erdöl jährlich verschifft werden. Sie kommen auf der Schiene aus Aserbaidschan und Zentralasien. Solange die 3,6 Milliarden Dollar teure Erdöltrasse Baku-Tiflis-Ceyhan noch nicht gebaut ist, hat Abaschidse den Löwenanteil am Öltransit für sich - nur sieben Millionen Tonnen Öl durchqueren den Rest des Landes. Saakaschwili hat keinen Hehl daraus gemacht, daß er diese Einnahmen für den leeren georgischen Staatssäckel wiedergewinnen will.
Unterstützung aus Moskau
Abaschidse stützte sich beim Aufbau seines Privatreiches auf seine Beziehungen zu ausländischen Geschäftsleuten und Politikern. Zu ihnen gehört der Däne Jan Bonde Nielsen, der 1999 mehr als 80 Prozent an Naftatrans erwarb, der Gesellschaft, die den Ölhafen betreibt. Seitdem hat der Unternehmer, der auch das Wembley-Stadion in London kaufte, 62 Millionen Dollar in den Hafen investiert. Die Fertigstellung eines Kraftwerks, das Nielsen in der adscharischen Stadt Kabuleti bauen läßt, würde die Region auch bei der Stromversorgung autark machen. Als der Konflikt mit Saakaschwili sich zuspitzte, schickte Abaschidse Nielsen nach Tiflis, doch der georgische Präsident ließ den Unternehmer abblitzen. Auch eine amerikanische Firma, die in Regierungsbesitz ist, hält elf Prozent an Naftatrans, wie die Zeitung "Moscow Times" unlängst berichtete.
Politische Unterstützung erfährt Abaschidse indes aus Rußland. Der Moskauer Oberbürgermeister Jurij Luschkow pflegt enge Freundschaft mit dem Adscharenfürsten. Luschkow, auch mit dem weißrussischen Diktator Lukaschenka verbandelt, ist kürzlich seinem Bruder Aslan zur Hilfe geeilt und hat, so sagt er selbst, großes Blutvergießen verhindert. Zu seiner Reisegruppe gehörte der Moskauer Geschäftsmann Grigorij Lutschanskij, den Abaschidse einmal als ökonomischen Berater bezeichnet hat. Lutschanskij, über den Gerüchte wegen Geldwäsche kursieren, baut angeblich in Moskau zusammen mit Abaschidses Sohn ein großes Geschäftszentrum.
Adscharien einfacher als Abchasien
Rußland, das in Batumi einen von zwei Militärstützpunkten in Georgien unterhält, hat die Verbindungen zu Abaschidse genutzt, um Druck auf das ungeliebte Regime Schewardnadse auszuüben. Mit dem Antrittsbesuch von Saakaschwili, der voll des Lobes über Präsident Putin und die Entwicklung Rußlands war, hat die antigeorgische Stimmung im Kreml nachgelassen. Man will es sich mit den Amerikanern, der Schutzmacht der georgischen Regierung, nicht verscherzen, und bezeichnet Saakaschwili nun als den Partner für einen Neuanfang. Zwar warnt Moskau weiter vor einer blutigen Eskalation in Adscharien, aber als Schutzherr des Herrschers von Batumi mag man sich nicht länger aufspielen.
Saakaschwili aber braucht einen vorzeigbaren Erfolg. Zwar hat er zahlreiche korrupte Beamte und Minister der Schewardnadse-Zeit verhaften lassen, fliegt selbst zweiter Klasse mit dem Flugzeug nach Moskau, benutzt in Tiflis schon mal die U-Bahn und hat die französische Diplomatin Salome Surabischwili, die aus Georgien stammt, zur Außenministerin gemacht. Gemessen wird er jedoch an seinen Versprechen, das Land wirtschaftlich voranzubringen und seine Einheit wiederherzustellen.
In dem festgefahrenen Konflikt in der Region Abchasien, aus der nach einem blutigen Bürgerkrieg vor einem Jahrzehnt 250.000 Menschen geflohen sind, wird er kaum weiterkommen. Die Region hat sich, wie auch Südossetien, mit russischer Unterstützung von Tiflis losgesagt. Adscharien ist da der einfachere Fall, zumal ein großer Teil der Bevölkerung das Polizeiregime ihres Paschas leid ist. Der Stern von Batumi leuchtet nicht mehr.
