Eduard Schewardnadse sieht sich als Opfer einer Verschwörung. Zielgerichtet habe man seinen Sturz geplant, amerikanische Organisationen hätten dabei die entscheidende Rolle gespielt, sagt der ehemalige georgische Präsident, der müde und gekränkt wirkt. „Es wurden alle Voraussetzungen für meinen Rücktritt geschaffen. Denn man wußte, daß ich nicht schießen lassen werde, und das hat man ausgenutzt", so Schewardnadse im Gespräch mit ausländischen Zeitungen, darunter der Frankfurter Allgemeinen, in seiner Villa am Rande von Tiflis.
Monatelang habe man den Umsturz vorbereitet. Eine Organisation, Schewardnadse meint die Stiftung "Open Society" des amerikanischen Milliardärs George Soros, habe Millionen Dollar dafür ausgegeben. "Kmara-3" habe der Plan für seinen Sturz geheißen, benannt nach der georgischen Studentenorganisation Kmara (Genug), die nach dem Vorbild der Belgrader Studenten eine wichtige, aber kaum entscheidende Rolle beim friedlichen Machtwechsel in Georgien spielten. Doch warum er, wenn es denn so gewesen sein sollte, davon nicht wußte oder aber nichts dagegen unternahm, kann Schewardnadse nicht erklären.
„Keine Wahlfälschungen“
Als Staatsmann, der ein großes Blutvergießen verhinderte, will Schewardnadse in die Geschichte eingehen. Und er gibt sich überzeugt, daß er den Lauf der Dinge hätte wenden können, wenn er nur gewollt hätte. „Armee und Polizei hätten jeden Befehl von mir ausgeführt", behauptet er. Doch die Soldaten und Polizisten hatten sich schon vor seinem Rücktritt mit den Demonstranten verbrüdert. Als Demonstranten in das Parlament eindrangen, hielten die bewaffneten Einsatzkräfte, die das Gebäude absperrten, sie nicht auf.
Daß es bei der Parlamentswahl Anfang November grobe Wahlfälschungen gegeben hat, will Schewardnadse nicht wahrhaben. "Es gab keine ernsthaften Verstöße", sagt er. „Wir hätten die Wahl doch ganz einfach fälschen können." Doch seine Partei habe ja nicht einmal die absolute Mehrheit bekommen. Die parallele Auszählung, die von den Amerikanern finanziert worden sei, habe doch annähernd die gleichen Resultate gezeigt wie die offizielle, behauptet er - freilich im Widerspruch zu den tatsächlichen Zahlen, die allein für die "Nationale Bewegung" des Oppositionsführers Micheil Saakaschwili eine Differenz von acht Prozentpunkten zeigen.
„Zeigen Sie mir ein Land, in dem es keine Korruption gibt"
Daß Zehntausende Georgier nicht wählen konnten, weil ihre Namen nicht in den Wählerlisten auftauchten, bestreitet Schewardnadse nicht. „Selbst meine Frau fand sich in der Liste nicht wieder." Schewardnadse beschuldigt die ausländischen Organisationen, die Daten des Innenministeriums gefälscht zu haben, als sie in Computer übertragen worden seien. Dies habe man getan, um die Proteste zu provozieren.
Doch die elektronisch erstellten Wählerlisten wurden für die Wahl gar nicht benutzt. In Wirklichkeit hatte jedoch die amerikanische Organisation ISFED (International Society for Fair Elections and Democracy) die Daten des Innenministeriums in Computer übertragen und über das Internet allgemein einsehbar gemacht. Fehler konnten binnen drei Wochen korrigiert werden. So entstanden nach Meinung der westlichen Botschafter erstmals relativ zuverlässige Wählerlisten. Daß kurz vor der Wahl auf die alten handgeschriebenen Wählerlisten zurückgegriffen wurde, diente nach Ansicht eines westlichen Diplomaten in Tiflis dazu, die Wahl zu fälschen.
Doch Schewardnadse will das nicht sehen. Von einem Niedergang der georgischen Wirtschaft könne keine Rede sein, sagt er, elf Prozent Wachstum habe es in diesem Jahr gegeben. Gegen die endemische Korruption habe er vorgehen wollen, doch sei das schwierig gewesen. „Zeigen Sie mir ein Land, in dem es keine Korruption gibt", sagt er und schließt das Thema schnell ab. Den autoritären Führer der Teilrepublik Adscharien, Aslan Abaschidse, auf den sich Schewardnadse zum Schluß stützte, verteidigt er. "Der ist im Grunde ein mutiger Mann." Als er zu Abaschidse nach Batumi gereist sei, habe jener die ganze Stadt im Stadion versammelt, um für die Einheit Georgiens zu demonstrieren, lobt er den Diktator.
Als Demokrat will er in die Geschichte eingehen
Der ehemalige sowjetische Außenminister sorgt sich um das Bild, das die Welt sich von ihm machen wird. Er erinnert selbst an seine Verdienste bei der Vereinigung Deutschlands, der Befreiung Europas. „Wir haben es damals geschafft, einen Dritten Weltkrieg zu verhindern. War ich daran etwa nicht beteiligt?" Er erwähnt, daß er 1990 vor der Errichtung einer Diktatur in der Sowjetunion gewarnt habe, wie es die Betonkommunisten im August 1991 dann auch versuchten. Auch er habe damals vor dem Weißen Haus in Moskau demonstriert. Als Demokrat will Schewardnadse in die Geschichte eingehen, und er werde "das alles einmal aufschreiben". Ihm habe man vorgeworfen, er lasse in Georgien zuviel Demokratie zu. "Zuviel oder zuwenig Demokratie gibt es aber nicht, es gibt nur Demokratie", sagt Schewardnadse, der in seiner strengbewachten Villa in einem Salon empfängt, dessen Wände Porträts des Hausherrn aus den vergangenen fünfzig Jahren zieren.
Der neuen Führung, Präsidentschaftskandidat Saakaschwili, Interimspräsidentin Burdschanadse und dem designierten Ministerpräsidenten Schwanija wünsche er Erfolg. „Das sind junge, gebildete, talentierte Leute." Ihnen fehle lediglich die Erfahrung in Staatsgeschäften. „Ich bin bereit, ihnen mit meinem Rat zu helfen. Aber ich bin mir nicht sicher, daß dieser Rat immer nötig ist." Wie sich die Dinge in Georgien auch entwickelten - in die Politik werde er nicht zurückkehren. „Das ist mein fester Wille."
Der Bundeskanzler habe ihm angeboten, nach Deutschland zu kommen. „Er sagte, ich könnte dort bis zu meinem Lebensende bleiben und es werde mir an nichts fehlen." Er sei sehr dankbar, aber er habe abgelehnt, weil er in Georgien leben wolle. Dreißig Jahre hat Schewardnadse das Schicksal seines Landes bestimmt, er war einer der Überlebenden aus Sowjetzeit. Mit seinem Rücktritt ist eine Epoche zu Ende gegangen. Ein Hauch von Wehmut liegt in seinem Gesicht, als er die Gäste verabschiedet. Zum vermeintlichen Hauskauf in Deutschland sagt er nichts. Doch in seinem Bücherregal, weiß ein Besucher zu berichten, stehe ein Buch über Baden-Baden.
Markus Wehner Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge