20.02.2005 · Der amerikanische Präsident Bush ist am Sonntag zu seiner „Gemeinsam-sind-wir-stark-Tour 2005“ aufgebrochen. Vor dem Europa-Besuch präsentiert er sich als Herold transatlantischer Werte.
Von Klaus-Dieter Frankenberger, WashingtonDraußen auf der Pennsylvania Avenue stehen noch zwei, drei ungetüme Stahlträger; sie waren Teil der Tribünen für die Parade aus Anlaß der Amtseinführung. Das ist jetzt gut vier Wochen her. Der Kran für den Abtransport ist schon aufgefahren. Der Präsident hat seine zweite Amtszeit begonnen, die ersten kontroversen Reden gehalten und schon reichlich Stoff für das beliebte Ratespiel geliefert, ob er sich in Sprache, Stil und Zielen Mäßigung auferlege oder ob er mit seiner transformierenden Wirbelwindpräsidentschaft weitermache.
Daß er an diesem Freitag morgen solch schwermütigen Gedanken anhängt, ist indessen reichlich unwahrscheinlich. Eher denkt George W. Bush an seine bevorstehende Europa-Reise, die ihn nach Brüssel, Mainz und Preßburg führen wird. Würde man ihr ein Motto geben, wie bei den Tourneen der großen Rockgruppen üblich, dann hieße es wohl „Die Gemeinsam-sind-wir-stark-Tour 2005“.
„Hören Sie zu: Wir wollen gute Beziehungen“
Nach der von den meisten Europäern bedauerten Wiederwahl treibt es den Präsidenten als erstes zu den alten Verbündeten und Freunden, und zwar nicht als Spalter oder imperialen Anweiser, sondern als wiedergeborenen Propheten der atlantischen Zusammenarbeit. Nach eigenem Bekunden freut er sich darauf; richtig aufgeregt sei er, verrät er europäischen Journalisten, die er im „Roosevelt Room“ des Weißen Hauses mit knappem, festem Handschlag begrüßt. „Haben Sie jetzt Ihre Nervosität abgelegt?“ fragt er den russischen Reporter. Gequältes Lächeln ist die Antwort.
Bush gibt sich jovial, aufgeräumt, so daß man ihm seine Vorfreude gerne abnimmt. Geradezu hymnisch wird er, wenn er die Chancen der Zusammenarbeit durchnimmt - und zwar mit keinen anderen als mit den Kriegsgegnern und Achsenschmieden Chirac und Schröder. „Was uns verbindet, ist viel mehr als das, was uns trennt“, gibt er sich weise. „Hören Sie zu: Wir wollen gute Beziehungen“ - mit Deutschland, mit Frankreich, mit Europa. Allerdings einem Europa, das sich nicht mit dem Versuch der Gegenmachtbildung überhebt, sondern einem starken Europa, das auf der Grundlage gemeinsamer Werte gemeinsame Ziele verfolgt.
Lob über den grünen Klee
Die Anstrengungen der drei europäischen Regierungen in Berlin, London und Paris etwa, den Machthabern in Teheran die Versuchung des Atoms auszutreiben, lobt er über den grünen Klee. Man liege auf derselben Linie, behauptet Bush, der wohl weiß, daß „Gerhard“ die militärische Option, die der amerikanische Präsident für den Fall der Fälle nicht einfach aus der Hand geben will, für deplaziert hält. Bush sagt, vielleicht sei auch das eine Lehre aus den irakischen Kalamitäten, daß Amerika, Europa und Rußland, das Geld mit dem Bau von Nuklearanlagen in Iran verdient, sich nicht von den „Ajatollahs“ in Teheran auseinanderdividieren lassen dürften.
Apropos Lehren. Sie deuten sich in Nuancen an - die wiederum verraten, wie durchchoreographiert seine Reise geworden ist. Nach dem 11.September, so Bush, habe man aneinander vorbeigeredet, nicht zuletzt, weil er, der Präsident, damals den Fokus so sehr auf die Sicherheit Amerikas gerichtet habe. Was danach kam, sei eine Geschichte verpaßter Gelegenheiten gewesen. Selbstkritisch auch eine Mahnung für die nächsten vier Jahre: „Ich muß es besser schaffen, die gemeinsamen Werte zu erklären und die Tatsache, daß wir mehr erreichen können, auch für unsere Sicherheit, wenn wir gemeinsam handeln.“ Gemeinsam handeln - das ist das neue Mantra. „Ich verstehe vollkommen“, sagt Bush, „daß die harte Arbeit der vergangenen vier Jahre es uns jetzt eher möglich macht, die Freiheit auf friedlichem Wege voranzubringen. Das ist das, was wir alle wollen. Aber das können wir nicht alleine.“ Das sei die Botschaft aus Europa, und er, der Unilateralist, erkenne das an.
Es soll künftig ausgewogener zugehen
Ein neuer Bush? Gemach, gemach. Dieser George W. Bush ist nach wie vor, und vielleicht nach den Wahlen in Afghanistan, Palästina und im Irak mehr denn je, von der Macht der Freiheit und dem Leitbild der Demokratie überzeugt: „Ich habe dem amerikanischen Volk gesagt, daß ich in meiner zweiten Amtszeit mit Freunden und Verbündeten zusammenarbeiten werde, um die Freiheit und den Frieden zu verbreiten. Ich glaube das. Ich glaube, daß jede Seele frei sein will.“ So, wie es seine Art ist, wird Bush seine europäischen Freunde von der realpolitisch-postmodernen Schule also daran erinnern, daß es „unsere Pflicht ist, zusammenzuarbeiten, damit die Leute frei sein können“. Wo? Im Mittleren Osten zum Beispiel, in Syrien oder in Iran.
Aber es soll künftig schon ausgewogener zugehen. Er will mit den Europäern gerne über deren Anliegen reden, über Armut, Krankheit, die Umwelt, über den Nahost-Konflikt, wenn sie nur auch über seine Sorgen mit sich reden ließen, den Terrorismus und seinen Freiheitsimpuls. Das wäre die neue Agenda, in der jeder etwas Passendes finden und tun kann.
Bush springt auf. „Okay, Leute, danke. Auf Wiedersehen.“ In Mainz stellen sich nicht wenige die Frage, ob sie ihn am Mittwoch denn reinlassen sollten. Das werden sie schon, und der Bundeskanzler wird ihn vielleicht sogar umarmen. Bitterkeit empfinde er jedenfalls nicht, hat Bush, der es geradeheraus liebt, gesagt.
Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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