Home
http://www.faz.net/-gq5-6xb1m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gentrifizierung Dunkle Fenster in Jerusalem

31.01.2012 ·  Reiche Ausländer kaufen Luxuswohnungen in Jerusalem, bewohnen sie aber oft nur für wenige Wochen im Jahr. Familien und Studenten werden verdrängt. Zurück bleibt eine Geisterstadt.

Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)
© Eitan Simanor Geschlossene Fensterläden und kaum ein Mensch auf der Straße. Jerusalem scheint verlassen

Als vor zwei Jahren die dritte Tochter zur Welt kam, hatten Ronia und Raviv keine andere Wahl mehr. "Wir mussten an den Stadtrand ziehen. Die neue Wohnung ist genauso teuer, aber doppelt so groß", sagt die Musiklehrerin. Der Preis war trotzdem hoch: In ihrem alten Viertel in der Stadtmitte lagen Schule, Kindergarten und Wochenmarkt um die Ecke. Doch Wohnungen im Zentrum von Jerusalem können sich viele Israelis nicht mehr leisten. "Wir würden am liebsten wieder zurück, aber für Leute wie uns ist dort kein Platz mehr", bedauert Ronia.

In beliebten Jerusalemer Wohnvierteln wie Rehavia, Talbieh und der German Colony sind immer seltener fröhliche Kinderstimmen zu hören. Selbst wenn beide Eltern arbeiten wie Ronia und Raviv, reicht das Gehalt vieler Israelis kaum noch für die Mieten, die seit Jahren steigen.

Jerusalems Zentrum als Geisterstadt

Ein Abendspaziergang genügt, um die Folgen zu sehen. Viele Fenster in den gefragten Wohnstraßen der besseren Viertel bleiben dunkel. Das Zentrum Jerusalems verwandelt sich in eine Geisterstadt. Der größte Teil der neuen Bewohner, die die sanierten Wohnungen oder neuen Luxusapartments übernommen haben, lebt im Ausland. Sie können es sich leisten, die Wohnungen nur für ein paar Wochen während der jüdischen Feiertage im Frühjahr oder im Herbst zu nutzen. Man schätzt, dass mittlerweile zwischen 9.000 und 11.000 solcher "Geisterwohnungen" in der Mitte Jerusalems mit ihren etwa 7.800.00 Einwohnern zu finden sind.

Sozialen Wohnungsbau wie in Deutschland gibt es in der Heiligen Stadt, die zu den ärmsten Städten in ganz Israel zählt, praktisch nicht. In der Innenstadt haben die Bauarbeiter trotzdem seit Jahren alle Hände voll zu tun. Die mit Stein verkleideten Luxuswohnblocks mit Altstadtblick und eigenem Fitnessclub haben Namen wie "Goldenes Jerusalem" und "König Davids Krone". Die neue Residenz des Waldorf-Astoria bietet hinter der alten Hotel-Fassade Wohnungen mit einem Service, wie er in einem Fünfsternehotel üblich ist. Das hat seinen Preis.

Kaufpreise von bis zu 15.000 Dollar pro Quadratmeter

Schräg gegenüber in der aufwendig wieder aufgebauten Mamilla-Straße verlangt ein Bauherr für ein neues Penthouse mit 250 Quadratmetern Wohnfläche, Dachterrasse und eigenem Aufzug elf Millionen Dollar. Kaufpreise von bis zu 15.000 Dollar für den Quadratmeter sind in diesen Gegenden nicht ungewöhnlich - auch die Mieten fallen entsprechend hoch aus. In den Neubauten fehlt es an nichts, nur draußen vor der Tür tut sich kaum etwas. In den Januarwochen ziehen im "Dorf Davids" gegenüber der Stadtmauer nur fröstelnde Wachmänner ihre Runden unter den geschlossenen Jalousien und Fensterläden. Weder einen Tante-Emma-Laden noch einen Supermarkt gibt es in der Wohnanlage.

Die ungenutzten Apartments bereiten dem Jerusalemer Bürgermeister Nir Barakat große Sorgen: "Sie bedeuten weniger Kunden in den Kiosken und Cafés, weniger Kinder in den Schulen und vor allem weniger junge Familien, die in der Stadt leben." Dieser Leerstand schade Wirtschaft und Wohnungsmarkt.

  1/2  
© Eitan Simanor Das beleuchtete Haus sticht neben dem verlassenen Wohnblock in Jerusalem heraus

Auch in Jerusalem hatten sich im vergangenen Sommer Zehntausende den Protestdemonstrationen für mehr soziale Gerechtigkeit angeschlossen. Eine der Hauptforderungen war damals bezahlbarer Wohnraum für junge Paare und Studenten. Hilflos hatte der Bürgermeister schon vor einiger Zeit an die reichen Eigentümer appelliert, ihre Wohnungen wenigstens zeitweise Israelis zu überlassen, die sie dringender brauchen. Doch seine Kampagne "Alle Lichter an in Jerusalem" brachte ebenso wenig Entspannung auf dem Wohnungsmarkt, wie das Angebot, dass sich Makler um die Zwischenvermietung kümmern können.

Luxuswohnungen auf Zeit für Studenten

"Es war schwer zu glauben, dass sie ihre teuer ausgestatteten Wohnungen Studenten, Soldaten oder kinderreichen Familien anvertrauen. Für private Bauunternehmer war es bisher einfach lukrativer, in der Innenstadt Luxusapartments zu bauen, als Wohnungen für Familien mit Kindern", beobachtet Israel Kimhe vom "Jerusalem Institute for Israel Studies". Er war früher selbst Stadtplaner im Rathaus und ist weniger pessimistisch als andere Fachleute. Kimhe macht Mut, dass einige der reichen Neubürger aus dem Ausland immer länger bleiben und sie sich - oder ihre Kinder - dort ganz niederlassen. "So etwas braucht Zeit", gibt er zu.

Gleichzeitig werden die Politiker aktiv. Wer mehr als eine Wohnung besitzt, kann sie in diesem Jahr steuerfrei verkaufen. Die städtischen Behörden wollen künftig nur noch Neubauten genehmigen, wenn wenigstens 20 Prozent des Wohnraums auch für Normalverdiener bezahlbar sind. Zudem erwägt man im Rathaus, die Grundsteuer für Eigentümer und Mieter zu verdoppeln, die ihren Lebensmittelpunkt nicht in Jerusalem haben. Doch das werden die wohlhabenden Ausländer verschmerzen können, mit denen es sich die Stadtverwaltung nicht verderben darf. Von ihnen stammt ein Großteil der lokalen Steuereinnahmen. Die Mehrheit der Bürger verdient so wenig, dass sie nur einen ermäßigten Satz zahlt oder gar nichts.

Eine Entwicklung lässt sich jedoch schon nicht mehr rückgängig machen. "Die Franzosen, Briten und Amerikaner, die hier kaufen, sind meist religiös. Gleichzeitig verlassen junge Leute in Scharen die Stadt, wenn sie die Universität abgeschlossen haben", beobachtet die Maklerin Eva Aviad. Dafür muss man nur die Verkaufsannoncen lesen. Fast alle werben mit einer "Sukka-Terrasse". Gemeint ist damit, dass dort genug Platz ist, um während des jüdischen Fests im Herbst eine Laubhütte aufzubauen. Manchmal ist auch noch ein Schabbat-Aufzug dabei, der am jüdischen Ruhetag an jedem Stockwerk hält, ohne dass gläubige Juden dafür einen Knopf drücken müssen; die Benutzung elektrischer Geräte ist ihnen an diesem Tag untersagt. Zugleich suchen viele dieser Ausländer in Jerusalem ein Stück Sicherheit für den Fall, dass in Europa oder Amerika der Antisemitismus zunimmt.

Der Anteil der religiösen Einwohner wächst aber auch, weil viele national-religiöse Juden aus anderen Teilen Israels in die "ewige Hauptstadt" umziehen. Jüngere säkulare Israelis mit guter Ausbildung verlassen dagegen Jerusalem: Sie finden keine passende Arbeit oder Wohnung mehr und fühlen sich in der Stadt fremd, in der streng orthodoxe Juden keine Frauen auf Werbeplakaten sehen wollen und sie auf die hinteren Sitze der Busse verbannen möchten. Auch ihre Zahl wächst. Im jüdischen Bevölkerungsteil stellen die Ultraorthodoxen schon die größte Gruppe. Zusammen mit den Arabern in Ostjerusalem sind sie die Mehrheit in der Stadt. Viele der frommen Juden studieren die Tora statt zu arbeiten und Steuern zu zahlen. Für die nicht weniger kinderreiche arabische Bevölkerung in Ostjerusalem fehlen Arbeitsplätze. Vierzig Prozent aller Jerusalemer leben unterhalb der Armutsgrenze.

Räumungsklage gegen zeltende Demonstranten

Manche Jerusalemer sind so arm, dass sie gar keine Wohnung haben. Am Rande des Sacherparks rüttelt der Winterwind an den Zeltplanen. Gut ein Dutzend Familien trotzt dort Regen und Kälte. Im Sommer hatte die Protestbewegung in dem Park unterhalb des Parlaments und des Obersten Gerichts eines ihrer Lager aufgeschlagen. Die meisten Demonstranten gingen im Herbst nach Hause, die Obdachlosen blieben - und wollen vorerst auch nicht weg. Ein Gericht hat gerade eine Räumungsklage abgewiesen. Sie hätten ein Recht, gegen den dramatischen Wohnungsmangel in Israel zu protestieren, entschied der Richter.

Zuvor versuchte die Stadtverwaltung, sie mit einer befristeten Mietbeihilfe zum Gehen zu bewegen. Doch Vaknin Keren und ihr Nachbar wollen endlich eine richtige Bleibe und kein weiteres Provisorium. "Der Jerusalemer Bürgermeister will uns hier nur raus haben, damit der Anblick der Zelte beim Stadtmarathon im März keinen schlechten Eindruck unter den ausländischen Teilnehmern hinterlässt", schimpft die alleinerziehende Mutter und legt die Kissen, die der letzte Wolkenbruch durchnässt hat, in die Sonne. Der Marathon, mit dem der Bürgermeister besonders im Ausland zeigen will, dass Jerusalem es sportlich mit New York und Berlin aufnehmen kann, beginnt und endet im Sacherpark.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 1