13.06.2009 · Der amerikanische Agrokonzern Monsanto beherrscht den Markt für gentechnisch verändertes Saatgut. Doch das Unternehmen aus St. Louis verändert auch das Erbgut der Landwirtschaft. Die Bauern sind Abhängige.
Von Roland LindnerDer Besuch kam ohne Vorwarnung, und die schwarze Visitenkarte hätte David Runyon gleich misstrauisch machen müssen. Es war ein Abend im Juli vor fünf Jahren, als ein dunkler Geländewagen auf dem Grundstück des Bauern in einem entlegenen Fleck des amerikanischen Bundesstaats Indiana auftauchte. Zwei Männer mit Anzug und Krawatte stiegen aus und klopften an die Tür. Junge Typen Anfang bis Mitte dreißig, einer von ihnen ein bulliger 1,90-Meter-Hüne, erinnert sich Runyon.
Dass die Männer Detektive im Auftrag des amerikanischen Agrokonzerns Monsanto waren, sollte ihm erst später klar werden. Der Große der beiden stellte Fragen über die Farm, und Runyon dachte erst, das müssen wohl Marktforscher sein, die eine Umfrage machen. Als der Mann dann aber Belege über Runyons Geschäfte sehen wollte, dämmerte dem Bauern, dass sich da etwas zusammenbraut. Er verweigerte jede Auskunft und schickte die Männer weg. Aber er ahnte schon, dass er fortan keine Ruhe mehr haben würde.
Männer mit Hüten
Die Visitenkarte der Besucher hat Runyon aufgehoben: Darauf sind vor einem tiefschwarzen Hintergrund graue Silhouetten von Männern mit Hüten zu sehen, am unteren Rand steht der Firmenname „McDowell & Associates“ - die Stammdetektei von Monsanto.
An diesem Juli-Abend begann für Bauer Runyon der Kampf mit Monsanto. Der Konzern verdächtigte den Farmer, patentrechtlich geschütztes Saatgut illegal einzusetzen. Der 52 Jahre alte Runyon ist mit seiner Geschichte nicht allein. Immer wieder geraten amerikanische Bauern ins Visier von Monsanto, wenn das Unternehmen Verletzungen seiner Patente vermutet. Manche dieser Geschichten hören sich an wie Krimis, die Detektive von Mc-Dowell und andere Monsanto-Helfer haben in der Branche den Spitznamen „Seed Police“ - „Saatgutpolizei“. Das hat Monsanto ein miserables Image eingetragen: das Bild des hässlichen Großkonzerns, der seinen eigenen Kunden den Krieg erklärt.
Knebelverträge und ruppige Methoden
Monsanto ist Kritik gewöhnt, schon deshalb, weil es den Markt für gentechnisch verändertes Saatgut weltweit dominiert. Debatten über „grüne Gentechnik“ sind deshalb auch Debatten über Monsanto. Als Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner (CSU) im April den Anbau der genmodifizierten Maissorte „Mon 810“ von Monsanto verbot, wurden Marienkäfer und andere Tierchen ins Feld geführt, um das Verbot zu erklären. Das Verbot solle keine Grundsatzentscheidung sein, hieß es. Eine Grundsatzdiskussion gab es trotzdem. Kritiker werfen der Ministerin Innovationsfeindlichkeit vor. Doch es könnte auch sein, dass es gar nicht um Mon 810 ging, sondern um Monsanto.
Monsanto verändert nicht nur die Gene des Saatguts. Es verändert das Erbgut der Landwirtschaft. Die Bauern fühlen sich von Knebelverträgen unterdrückt, mit denen Monsanto die Einhaltung von Patenten auf sein Saatgut sicherstellen will. Sie werfen dem Unternehmen vor, eherne Traditionen auszuhebeln, weil ihnen in den Verträgen verboten wird, geerntetes Saatgut für die nächste Saison aufzubewahren, so wie dies seit Urzeiten in der Landwirtschaft üblich ist. Und sie klagen darüber, dass der Agrokonzern zu ruppigen Methoden greift, um vermeintliche Verletzungen seiner Patentrechte zu verfolgen - wie im Fall von Bauer Runyon.
Klage von Monsanto
Troy Roush war einer der ersten Bauern, der Monsantos Jagd auf Patentsünder zu spüren bekam. Der 41 Jahre alte Roush passt perfekt in das Bild des Riesenfarmers im ländlichen amerikanischen Nirgendwo: Seine Farm in der Gemeinde Van Buren in Indiana hat eine Fläche von 2200 Hektar. „Ich könnte Sie an einem Tag gar nicht abfahren.“ Roush baut vor allem Mais und Soja an. Seine Farm, die er zusammen mit seinem Bruder und seinem Vater bewirtschaftet, bringt einen Jahresumsatz von 3,5 Millionen Dollar ein, auch für amerikanische Verhältnisse ein stattlicher Betrag. Im Schnitt bleiben der Familie 10 Prozent vom Umsatz als Nettogewinn, also 350.000 Dollar.
Besuch von Monsanto bekam er an einem Tag im September 1999. Auch bei Roush standen zwei Männer vor der Tür. „Die haben mir Dienstmarken vor die Nase gehalten, als seien sie Polizisten“, erzählt er. Die Männer hätten ihn gefragt, ob er Saatgut aufbewahre, also gegen seinen Vertrag mit Monsanto verstößt. Er verneinte, und die Männer gingen wieder, aber der Bauer sollte bald merken, dass es damit nicht getan war. Einige Monate später kam ihm zu Ohren, dass ein Monsanto-Vertriebsmann in der Gemeinde erzählte, die Roush-Familie werde bald ihre Farm verlieren. Und im Frühjahr 2000 flatterte Roush eine Klage von Monsanto ins Haus. Der Konzern warf Roush Vertragsbruch vor, weil er unerlaubt Saatgut aufbewahre. Roush weist die Anschuldigungen bis heute zurück.
Zermürbender Rechtsstreit
Mit der Klage begann eine zwei Jahre währende juristische Auseinandersetzung, die Roush mehr als 400.000 Dollar an Anwaltshonoraren kostete. „Das ist genau deren Strategie. Die wollen dich in Anwaltsgebühren begraben, bis Du aufgibst.“ Roush war lange entschlossen, den Rechtsstreit auszufechten. Irgendwann reichte er sogar selbst eine Klage gegen Monsanto wegen Verleumdung ein, aber im Jahr 2002 streckte er die Waffen und schloss einen Vergleich.
Über die finanziellen Konditionen des Vergleichs haben beide Seiten damals Vertraulichkeit vereinbart, und Roush gibt auch heute keine Details preis. Seiner Wut über Monsanto lässt er aber freien Lauf: „Monsanto schuldet mir eine öffentliche Entschuldigung. Wir haben nichts Falsches getan, und die konnten uns nie etwas beweisen.“ Er sagt, der Konflikt mit Monsanto habe ihn schwer mitgenommen: „Ich habe in der Zeit Medikamente gegen Angstzustände geschluckt.“
Spuren von Genpflanzen
Auch bei David Runyon hat der Streit mit Monsanto einen Tribut gefordert, wie seine Frau Dawn erzählt. „Er hatte keinen Appetit mehr und hat zwanzig Pfund verloren. Er war so fahrig, dass ich Angst hatte, ihm passiert ein Unfall mit irgendeiner Maschine auf dem Hof.“ Dabei ging die Auseinandersetzung bei Runyon um einiges glimpflicher ab als bei Roush. Im Gegensatz zu Roush war Runyon gar kein Monsanto-Kunde und hat entsprechend keinen Vertrag unterschrieben, er baut auf seiner 400 Hektar großen Farm fast nur konventionelle Pflanzen ohne Gentechnik an. Trotzdem verdächtigte ihn Monsanto, unerlaubt Gensaatgut zu verwenden. Tatsächlich sollten sich auf seinen Feldern Spuren von Genpflanzen finden, die er sich aber nach eigener Aussage von Nachbaräckern hereingeholt hat.
Vier Monate nach dem Besuch der Detektive wurde Runyon noch einmal aufgefordert, Belege von seinem Hof herauszugeben, diesmal in einem Schreiben von Anwälten des Konzerns. Runyon weigerte sich wieder. Im Februar 2005 verlangten die Anwälte Zutritt zu den Feldern von Runyon, um Proben entnehmen zu können. Dabei beriefen sie sich auf eine Vereinbarung zwischen Monsanto und dem Landwirtschaftsministerium von Indiana.
Patentverletzungen verfolgen
Ein solches Ministerium gab es zu diesem Zeitpunkt gar nicht. „Das haben die völlig aus der Luft gegriffen“, empört sich Runyon. Über seinen Anwalt ließ er Monsanto ausrichten, er wolle diese Vereinbarung gerne sehen. Damit war der Spuk vorbei: „Die sind einfach verschwunden. Keine Entschuldigung, kein gar nichts.“ Lange noch lebte er in der Ungewissheit, der Konzern könnte wiederkommen. Ein Monsanto-Sprecher nennt den Hinweis auf das Ministerium heute „ein schlichtes und bedauerliches Versehen der Kanzlei, die Monsanto mit dem Vorgang beauftragt hatte“.
Warum hat Bauer Runyon Monsanto nicht verklagt? „Mein Anwalt hat gesagt, das ist hinausgeworfenes Geld. Es würde zu teuer werden, gegen die Maschinerie von Monsanto anzukämpfen.“ Trotzdem ist er auf Rache aus. Runyon ist zu einem der Wortführer des Widerstands gegen Monsanto in Amerika geworden. „Sie glauben ja nicht, wie viele Bauern in Panik bei mir anrufen.“
Der Konzern bestreitet gar nicht, Bauern mit juristischen Mitteln zu verfolgen. „Monsanto verklagt Bauern nicht gerne. Aber wir meinen, wir müssen dies tun, um das Interesse unserer Kunden und unserer Aktionäre zu wahren“, verteidigt sich das Unternehmen auf seiner Internetseite. Dort wird auch darauf hingewiesen, dass Monsanto 2,6 Millionen Dollar am Tag investiert, um mit dem Einsatz von Gentechnik neue Produkte zu entwickeln, die einen Nutzen für Landwirte stiften, also zum Beispiel Saatgut, das resistent ist gegen Insektenbefall oder gegen Unkrautvernichtungsmittel. Patente seien der Lohn für diese Arbeit, und es sei notwendig, Patentverletzungen zu verfolgen.
Angst um die Existenz
Monsanto gibt auch zu, Detektive anzuheuern und Videokameras einzusetzen, um Felder von Landwirten zu überwachen und unerlaubten Einsatz von Saatgut zu dokumentieren. Aber gleichzeitig beteuert Monsanto auch, dass die Detektive kein Grundstück unbefugt betreten und ihrer Arbeit mit Höflichkeit nachgehen. Ein Sprecher sagt außerdem, es werde „maßlos überschätzt“, in welchem Umfang Monsanto Patentrechtsverletzungen ahnde. Seit der Einführung gentechnisch veränderter Pflanzen vor zwölf Jahren habe Monsanto 129 Klagen gegen Landwirte angestrengt. Nur in neun dieser Fälle sei es zu Gerichtsprozessen gekommen, und Monsanto habe sie alle gewonnen. Ansonsten würden die meisten Fälle vermuteter Verstöße direkt mit einem Vergleich beigelegt, ohne dass es zu einer Klage kommt.
Die Verbraucherschutzorganisation „Center for Food Safety“ in Washington, die sich für Lebensmittelsicherheit einsetzt, hält das für Augenwischerei. Bill Freese, einer ihrer Referenten, sagt, dass viele unschuldige Bauern sich auf einen Vergleich mit Monsanto einlassen, weil sie fürchten, sie können einen Rechtsstreit gegen den Großkonzern weder bezahlen noch gewinnen. Freese meint außerdem, das von Monsanto verbreitete Bild der höflichen Ermittler sei eine Erfindung. „Die Bauern werden regelrecht eingeschüchtert und haben Angst um ihre Existenz.“
Das Geschäft umstellen
Runyon und Roush werfen Monsanto vor, mit seinen Methoden das Verhältnis der Bauern untereinander zu vergiften. Monsanto ermutigt Bauern, Patentverstöße anderer Bauern zu melden. Dazu hat das Unternehmen eine kostenlose und anonyme Telefon-Hotline eingerichtet. Monsanto sagt, damit solle Bauern eine Anlaufstelle gegeben werden, die es als ungerecht empfinden, wenn Wettbewerber sich nicht an die Spielregeln halten. Nach Meinung von Runyon und Roush führt es aber vor allem dazu, dass kein Bauer dem anderen über den Weg traut.
Runyon sagt: „Ich weiß ganz genau, welcher Nachbar mich angeschwärzt hat. Mittlerweile habe ich mir angewöhnt, mit meinen Nachbarn nicht mehr allzu viel zu sprechen. Ich will am liebsten gar nichts über die Betriebe der anderen Bauern hier wissen.“ Freilich tut sich ein Unruhestifter auf dem Land auch leicht, wie Roush zugibt: „Für Bauern ist der größte Wettbewerber schon immer der Nachbar gewesen. Wenn der eine Bauer untergeht, ist das für den anderen vielleicht die Chance zu expandieren.“
Trotz aller Klagen über die Geschäftsmethoden kaufen amerikanische Bauern weiter in großer Zahl freiwillig das Gensaatgut des Konzerns. Roush erklärt sich das so: „Viele Bauern sind bequem. Und es ist eben eine wahnsinnig arbeitssparende Lösung, Pflanzen anzubauen, die gegen Unkrautvernichtungsmittel resistent sind.“ Gerade die Großfarmer mit ihren riesigen Mais- und Sojafeldern sehen keine andere Möglichkeit, als die praktischen Genpflanzen anzubauen. Das gilt auch für Roush, auch wenn er es bedauert: „Mir wäre es am liebsten, meine Farm wäre nie so groß geworden, wie sie heute ist.“ Er versucht aber, sein Geschäft umzustellen. In diesem Jahr verwendet er für zwei Drittel seiner Sojaernte konventionelles Saatgut. Für einen Bauern mit seiner Anbaufläche ist das gar nicht so einfach, denn die amerikanische Landwirtschaft ist so stark auf Genpflanzen ausgerichtet, dass andere Ware schwer zu finden ist: „Ich habe wirklich das gesamte verfügbare konventionelle Soja hier in der Gegend aufgekauft.“
„Lasst Monsanto am besten gar nicht erst nach Deutschland!“
David Runyon hat die Kontroverse über den Monsanto-Genmais in Deutschland von Indiana aus mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. „Lasst Monsanto am besten gar nicht erst nach Deutschland! Man kann bei uns sehen, dass die nur Schwierigkeiten machen.“ Nach seiner Meinung sollten die Deutschen nicht nur wegen der Geschäftspraktiken von Monsanto misstrauisch sein, sondern sich fragen, ob sie überhaupt Gentechnik wollen: „Wo ist die Notwendigkeit, an eurer Landwirtschaft etwas zu ändern?“
Runyon will mit Monsanto nie wieder etwas zu tun haben - und offenbar ist es umgekehrt genauso. Er steht nämlich auf einer „Blacklist“ von Bauern aus ganz Amerika, die Monsanto vom Kauf seiner Produkte ausgeschlossen hat - „als ob ich ihre Saat überhaupt wollte“, sagt er bissig. Die sechsseitige Liste zeigt Runyon gerne her, „da ist er sogar ziemlich stolz drauf“, sagt seine Frau Dawn. Für etwaige künftige Besuche von Detektiven hat er sich eine Abschreckungsstrategie ausgedacht. Am Eingang seines Grundstücks hat er zwei Schilder befestigt, die alles andere als einladend sind. „Unbefugter Zutritt verboten“ steht auf dem einen, „Zutritt nur nach Anmeldung“ auf dem anderen.