http://www.faz.net/-gpf-7vlvz

Generalleutnant Jacobson : „Afghanistan bleibt ein Land im Krieg“

  • Aktualisiert am

Der stellvertretende Isaf-Kommandeur, Generalleutnant Carsten Jacobson (Archivbild von 2011) Bild: Picture-Alliance

Im Dezember endet in Afghanistan der längste Kampfeinsatz in der Geschichte der Nato. An der Nachfolgemission „Resolute Support“ beteiligen sich auch 800 deutsche Soldaten, die die afghanische Armee weiter beraten sollen. Der stellvertretende Isaf-Kommandeur Carsten Jacobson zieht im Interview Bilanz.

          Herr Jacobson, am 31. Dezember endet nach 13 Jahren der längste Kampfeinsatz in der Geschichte der Nato. In welchem  Zustand befindet sich Afghanistan?

          Im diesem Jahr waren die afghanischen Sicherheitskräfte erstmals vollständig für die Sicherheit in ihrem Land verantwortlich. Mehr als 90 Prozent aller konventionellen Einsätze am Boden sowie der Spezialkräfteeinsätze wurden von ihnen durchgeführt. Sie haben das gut gemacht und verhindert, dass die Aufständischen ihre zu Jahresbeginn großspurig angekündigten Ziele erreichen konnten. Es ist den Aufständischen nicht gelungen, Provinzen zu übernehmen, die Präsidentenwahl entscheidend zu stören, geschweige denn zu verhindern. Alle großen Veranstaltungen in diesem Jahr konnten ohne große Zwischenfälle stattfinden. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind in der Lage, die Aufständischen zu bekämpfen. Wir können uns daher nun voll auf die Nachfolgemission „Resolute Support“ konzentrieren.

          Die afghanischen Sicherheitskräfte haben in diesem Jahr mit mehr als 2000 Gefallenen einen hohen Blutzoll gezahlt, um die Aufständischen in Schach zu halten. Wie lange können die so hohe Verluste kompensieren?

          Afghanistan ist und bleibt ein Land im Krieg. Die Aufständischen konzentrieren sich seit einigen Jahren auf spektakuläre, öffentlichkeitswirksame Angriffe vor allem in Kabul, die ihnen auch in diesem Jahr mehrfach gelungen sind. Außerhalb der Hauptstadt haben sie es vor allem auf kleine Gruppen afghanischer Sicherheitskräfte abgesehen, die isoliert eingesetzt waren, beispielsweise entlegene Polizeiposten. Die Masse der Kampfhandlungen fand in diesem Jahr in den Gebieten statt, in denen es sie auch gegeben hat, als unsere Kampftruppen noch dort waren. Entscheidende Gebietsgewinne konnten die Aufständischen dabei allerdings nicht erzielen. Mit unserer Nachfolgemission „Resolute Support“ wollen wir den Sicherheitskräften helfen, dass dies so bleibt.

          In Kundus, dem ehemaligen deutschen Einsatzgebiet, in dem die Bundeswehr drei Dutzend Soldaten verloren hat, haben die Aufständischen zeitweise vier von sieben Distrikten besetzen können. Wie konnte das passieren?

          Das Gebiet, von dem Sie sprechen, ist ein traditionelles Kampfgebiet, in dem die Aufständischen in der paschtunischen Bevölkerung teilweise auf Unterstützung stoßen. Die Bundeswehr hat das bitter erfahren müssen. Nun müssen sich die afghanischen Sicherheitskräfte der Angriffe erwehren. Sie hatten dabei teils intensive Gefechte zu führen, konnten die Gebiete aber wieder zurückerobern. Vergleichbare Entwicklungen gab es auch in südlichen und östlichen Gebieten des Landes, diese nadelstichartigen Angriffe der Aufständischen sind nichts Neues. Dennoch ist es ihnen nicht gelungen, langfristig Regionen oder Provinzen zu übernehmen und zu dominieren. Die Sicherheitskräfte haben sich überall durchgesetzt.

          Der stellvertretender Isaf-Kommandeur, Generalleutnant Carsten Jacobson (li.) nach der Unterzeichnung der Sicherheitsabkommen mit dem afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani (r.) am 30. September: „Nun ist es an den Afghanen, ihr Land weiter zu entwickeln.“

          Im Januar beginnt die Nachfolgemission „Resolute Support“. Welchen Umfang wird sie haben?

          Wir planen mit 12.500 Soldaten, unter ihnen 6500 Amerikaner und 500 Deutsche. Darüber hinaus haben die Nationen auch nationale Anteile zur Sicherstellung des Auftrages im Einsatz, so dass wir für die Bundeswehr von insgesamt rund 800 Soldaten ausgehen können. Die Truppen werden überwiegend in Kabul, darüber hinaus zunächst auch in Mazar-i-Sharif, Herat, Kandahar und Bagram stationiert sein. 2016 konzentrieren wir unsere Kräfte dann vollständig auf die Hauptstadt. In zwei Jahren soll auch „Resolute Support“ enden.

          Weitere Themen

          „Er kommt und geht“ Video-Seite öffnen

          Trump zum Klimawandel : „Er kommt und geht“

          Knapp eine Woche nach dem Durchzug von Hurrikan „Michael“ hat Präsident Donald Trump mit seiner Frau Melania die betroffenen Gebiete im Südosten Amerikas besucht. Dabei bezweifelte er abermals den menschengemachten Klimawandel, gab aber zu: „Da ist etwas“.

          Topmeldungen

          Eine Verlängerung der Übergangsperiode würde beiden Seiten auch mehr Zeit verschaffen, eine Lösung für das Irland-Problem zu finden - unser Bild zeigt die Grenze zwischen Irland und Nordirland.

          F.A.Z. exklusiv : EU bietet Briten längere Übergangsphase an

          Angesichts der schwierigen Brexit-Verhandlungen hat die EU-Kommission ihre harte Position geändert und eine Verlängerung der Übergangsperiode ins Spiel gebracht. Damit könnte Großbritannien länger als bisher vorgesehen in Binnenmarkt und Zollunion der EU bleiben.
          Von Salvini angegriffen: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

          Grenzkonflikt : Gendarmerie setzt Migranten in italienischem Wald ab

          Während Salvini von einem „beispiellosen Affront“ spricht, nennt man den Vorfall aus Paris ein Versehen: Französische Beamte bringen Flüchtlinge über die Grenze nach Italien. In Rom vermutet man ein System.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.