24.06.2010 · Die Generäle Petraeus und McChrystal sind durch die gemeinsame Strategie zur Bekämpfung von Aufständischen miteinander verbunden. In der Sache wird der neue Kommandeur in Afghanistan deshalb dieselbe Haltung haben wie sein Vorgänger.
Von Matthias Rüb, WashingtonVerteidigungsminister Robert Gates hätte es gerne vermieden. Aber Präsident Barack Obama und seine Leute im Weißen Haus bestanden darauf: General Stanley McChrystal, Kommandeur der internationalen Truppen in Afghanistan, musste gehen. Die despektierlichen Äußerungen des Generals und seiner engsten Berater, die ein freier Mitarbeiter der Zeitschrift „Rolling Stone“ in einem ausführlichen Artikel ausgeplaudert hatte, waren zu viel. Hinzu kam, dass sich McChrystal nicht zum ersten Mal kritisch wegen der von ihm als Entscheidungsschwäche betrachteten Zögerlichkeit des Präsidenten selbst und seines Stabs im Weißen Haus geäußert hatte.
Einen nachrichtlichen Neuigkeitswert hatte der Artikel von Michael Hastings im „Rolling Stone“ nicht. In Washington und Kabul ist es ein offenes Geheimnis, dass der amerikanische Botschafter in Afghanistan, Karl Eikenberry, und der Sonderbeauftragte für den Hindukusch, Richard Holbrooke, unter den amerikanischen Militärs im Kriegsgebiet und auch im Pentagon kein gutes Ansehen genießen. Auch von Vizepräsident Joseph Biden und von Obamas Nationalem Sicherheitsberater James Jones haben die meisten Offiziere keine gute Meinung, weil sie als weltfremd und mit einem geschichtlich überholten Blick auf die Wirklichkeit ausgestattet gelten. Dafür ist der Respekt der maßgeblichen Offiziere, die für die Kriege im Irak und Afghanistan verantwortlich sind, für ihren zivilen Dienstherrn im Pentagon Robert Gates sowie auch für Außenministerin Hillary Clinton umso größer.
Gute Aussichten für Allen und Mattis
Dass sich McChrystal mehrfach nicht an die politischen Gepflogenheiten hielt und zuletzt wohl auch die Grenze zur offenen Insubordination überschritt, ist Konsens in Washington. Ebenso einmütig wird es als Risiko gesehen, in einem kritischen Augenblick im Krieg in Afghanistan dort die militärische Führung auszutauschen. Dass McChrystal als Kommandeur im Kriegsgebiet ausgerechnet durch seinen Vorgesetzten General David Petraeus, seit Oktober 2008 Chef des Zentralkommandos der amerikanischen Streitkräfte, ersetzt wird, dürfte ein beispielloser Fall sein.
Denn technisch kommt es einer Degradierung gleich, dass Petraeus, der von Januar 2007 bis September 2008 Befehlshaber der Koalitionstruppen im Irak war und dort die Wende zugunsten der Amerikaner erreichte, vom wichtigsten strategischen Posten zum wichtigsten aktiven Kampfeinsatz zurückkehrt. Wer Petraeus als Chef des für den Nahen und Mittleren Osten zuständigen Zentralkommandos der Streitkräfte mit Sitz in Tampa (Florida) nachfolgen soll, ist noch unklar. Gute Aussichten sollen der gegenwärtige Stellvertreter von Petraeus in Tampa, Marineinfanterie-Generalleutnant John Allen, sowie ein weiterer General der „Marines“, James Mattis, haben.
Aus dem Verteidigungsausschuss des Senats heißt es, Petraeus soll noch vor dem Nationalfeiertag am 4. Juli und vor allem vor der Sommerpause des Kongresses bestätigt werden. In den Anhörungen werden maßgebliche republikanische Mitglieder des Ausschusses wie der ehemalige Präsidentschaftskandidat John McCain von Petraeus wissen wollen, was der von Präsident Obama anvisierte Termin für einen Beginn des amerikanischen Truppenabzugs schon im Juli 2011 nach seiner Ansicht zu bedeuten habe: Ist der Termin „in Stein gemeißelt“ oder kann er je nach Maßgabe der Lage am Hindukusch verschoben werden.
Bis zur Bestätigung übernimmt Nick Parker
Petraeus wird seine ganze diplomatische Kunst einsetzen müssen, um den Dissens zwischen ihm und Präsident Obama zu verschleiern: Petraeus will so wenig wie McChrystal und die anderen maßgeblichen Offiziere einen festen Abzugstermin, während Obama unter Druck von Vizepräsident Biden und dem linken Flügel der Demokratischen Partei wie versprochen Mitte kommenden Jahres die ersten Soldaten nach Hause holen will.
Bis zur Bestätigung der Nominierung von Petraeus übernimmt McChrystals gegenwärtiger Stellvertreter, der britische General Nick Parker das Kommando über die internationalen Truppen in Afghanistan. Parker, der seit September vergangenen Jahres McChrystals Stellvertreter war, versicherte nach einer Mitteilung des Weißen Hauses, dass die Mission in Afghanistan ohne Verzug und in unveränderter Stoßrichtung fortgesetzt werde. Präsident Obama hatte kurz nach dem Rücktritt McChrystals mit dem britischen Premierminister David Cameron über die vorübergehende Kommandoübergabe an General Parker telefoniert.
Mit Bush verband den General ein enges Verhältnis
Da McChrystal ein Zögling von Petraeus ist, der als Vordenker für die neue amerikanische Strategie im Kampf gegen Aufständische gilt, wird sich im Afghanistan-Einsatz der amerikanischen und internationalen Truppen kaum etwas ändern. McChrystal war 2007 und 2008 als Kommandeur der amerikanischen Spezialeinheiten im Irak der wichtigste Mitstreiter von Petraeus bei der Erprobung der neuen „Counterinsurgency Strategy“ an der Wirklichkeit im Zweistromland.
In zahlreichen Reden hat Petraeus zwar immer wieder auf die wichtigen Unterschiede zwischen dem Irak und Afghanistan hingewiesen, die Gültigkeit der Grundsätze der neuen Strategie für beide Kriegsschauplätze aber bekräftigt: Man kann einen Krieg gegen Aufständische nicht gewinnen, indem man möglichst viele der Terroristen und Aufständische tötet, sondern nur, indem man die Zivilbevölkerung schützt, erträgliche Lebensbedingungen für sie schafft und sie so auf die Seite der von den internationalen Truppen unterstützten einheimischen Sicherheitskräfte zieht.
Dies ist naturgemäß ein langwieriger Prozess, der Kampfeinsätze ebenso umfasst wie „nation building“, das Gewinnen von bewaffneten Verbündeten unter der Bevölkerung oder die Verbesserung der Infrastruktur und Wirtschaftshilfe. Ob dies zu erreichen ist, während die Uhr für den Abzug der ausländischen Truppen tickt, ist fraglich. In Washington wird aber nicht bezweifelt, dass kein General so gut qualifiziert ist wie Petraeus, um diese Herausforderung zu meistern. Mit dem früheren Präsidenten George W. Bush, für den Petraeus wesentlich die Wende im Irak herbeiführte, verband den General ein enges, von gegenseitigem Vertrauen und Respekt geprägtes Verhältnis. Bush nahm sich stets Zeit, um persönlich mit Petraeus über die Lage im Irak zu sprechen. Das dürfte er auch von Obama erwarten, der seinerzeit Bushs Truppenverstärkung im Irak vehement abgelehnt hatte.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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