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Geiselnahme in Rußland Chaos, Schüsse, Explosionen

03.09.2004 ·  Die Terroristen schossen aus Granatwerfern, das Militär brachte Panzer in Stellung, Kampfhubschrauber kreisten. Während es knallte, fuhren Rettungswagen heran. Wie es zum Sturm auf die Schule in Beslan kam.

Von Markus Wehner
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Es schien ein weiterer Tag mühsamer Verhandlungen zu werden. Der Einsatzstab in Beslan, wo tschetschenische Terroristen nach den jüngsten Angaben etwa tausend Schüler, Eltern und Lehrer in ihrer Gewalt hielten, hatte mit den Geiselnehmern vereinbart, wenigstens die zwanzig Leichen, die in der Schule und auf dem Schulhof lagen, abholen zu dürfen. Doch nach 13 Uhr (Ortszeit) überschlagen sich die Ereignisse in Beslan. Als die Mitarbeiter des russischen Katastrophenschutzes zur Schule gehen, um die Leichen in Empfang zu nehmen, und ein Auto zum Abtransport der Toten vorfährt, kommt es zu mehreren lauten Explosionen in der Schule, dicke Rauchwolken steigen über dem Schulgelände auf. Die Geiselnehmer wollten, so heißt es später, den Eingang der Schule verminen, doch dabei gehen die Minen in die Luft. Der Ausgang aus der Schule ist frei.

Kurz darauf rennt eine Gruppe Kinder und Frauen aus der Schule, dreißig, vielleicht vierzig. Die Geiselnehmer schießen auf die Fliehenden und auf die Mitarbeiter des Katastrophenschutzes, verletzen oder töten einige. Die Einsatzkräfte rund um die Schule versuchen, ihnen Feuerschutz zu geben, ein Schußwechsel beginnt. Etwa zwanzig Minuten lang sind Schüsse zu hören. Danach führen Uniformierte weitere Kinder und Frauen aus der Schule. Einige Kinder, meist nur mit Unterhosen bekleidet, sind blutverschmiert. Manche werden getragen, andere gestützt. Manche Geiseln rennen in Todesangst davon, Soldaten führen kleine Kinder im Laufschritt an der Hand. Rettungswagen tauchen auf.

Geiseln im Schockzustand

In der Schule kommt es wieder zu Explosionen. Die Geiselnehmer haben Sprengsätze gezündet, das Dach der Turnhalle stürzt teilweise ein, begräbt Geiseln unter sich. Die Terroristen schießen um sich. Dann ist wieder Stille. Niemand weiß, ob die Erstürmung des Gebäudes begonnen hat. Am Himmel tauchen Kampfhubschrauber auf. Gegen halb zwei sind minutenlang Schüsse zu hören. Wieder rennt eine Gruppe von Schülern und Erwachsenen aus der Schule, fast alle sind halbnackt, ein Mädchen trägt eine blutverschmierte Bluse. Soldaten tragen verletzte Kinder zu Tragen, sie werden in überfüllten Krankenwagen und in Personenwagen weggefahren.

Die Soldaten schießen weiter, angeblich wollen die Geiselnehmer fliehen. Noch mehr Geiseln rennen aus der Schule. Dutzende gerettete Kinder stehen neben einem Schützenpanzer, trinken gierig Wasser, ein Junge schüttet einen ganzen Kanister über sich. Ein größeres Mädchen umarmt die gerade gefundene Mutter, beide umklammern sich schluchzend. Ein schwer verletzter Junge schreit laut und herzzerreißend, als ihn mehrere Männer zu einem Auto tragen. Eine Frau wird von Soldaten gestützt, sie kann nicht mehr selbst laufen. Sie hat eine Kopfverletzung. Andere Gerettete fallen völlig erschöpft in Ohnmacht. Viele Kinder haben einen Schock erlitten, können nicht sprechen. Mütter wollen ihre Jungen nicht mehr von der Hand lassen.

Immer wieder Schußwechsel

Wie viele Geiseln noch in der Schule sind, weiß niemand. Die Behörden hatten von 354 Geiseln gesprochen. Doch sie hatten die Unwahrheit gesagt. Nach den Berichten der Mütter, die mit ihren Säuglingen am Vortag die Schule verlassen konnten, sind es mindestens tausend. Um zehn vor zwei Uhr dringen die schwer bewaffneten Spezialeinheiten in die Schule ein. Immer wieder sind Schußwechsel zu hören. Die Geiselnehmer, so heißt es später, hätten aus der Schule entkommen wollen, die Einsatzkräfte ließen dies nicht zu. Noch sind längst nicht alle Geiseln frei. Nach zwei Uhr, kommt die Meldung, die Schule sei unter Kontrolle der Sondereinheiten. Fünf Geiselnehmer seien getötet worden. Doch die Nachricht, die Schule sei schon ganz in der Hand der Befreier, kommt zu früh. Weiter wird im Schulgebäude geschossen, Explosionen sind zu hören.

Zwei Geiselnehmerinnen, teilen die Behörden mit, sollen in Kitteln von Krankenschwestern aus der Schule geflohen sein. Andere Terroristen hätten sich unter die befreiten Geiseln gemischt. Einige Geiselnehmer sind noch in der Schule, liefern sich dort weiter Gefechte mit den Männern der Spezialeinheiten. Eine Gruppe hat sich den Weg freigeschossen, ist auf der Flucht zwischen den Wohnhäusern, die Einsatzkräfte verfolgen sie, es kommt zu Schußwechseln um die Schule herum. Die Gruppe verschanzt sich in einem Haus nahe der Schule, die Spezialeinheiten umstellen es. Die Terroristen schießen aus Granatwerfern, die Einsatzkräfte bringen einen Panzer in Stellung, der nun die Terroristen beschießt. Kampfhubschrauber kreisen über dem Haus. Während es weiter knallt, fahren weitere Rettungswagen durch das Kampfgetümmel heran. Insgesamt, so heißt es, seien 13 Terroristen aus der Schule geflüchtet, sie hätten Erwachsene als Geiseln mitgenommen.

Feldlazarette des Katastrophenschutzes

Eine Explosion ist, so heißt es, von den Minenräumern absichtlich ausgeführt worden. Die Schule wird entmint. Mittlerweile ist klar, daß alle Geiseln aus der Turnhalle, wo sie seit dem Mittwoch morgen gefangen gehalten wurden, befreit sind. Ein Beamter des Innenministeriums versichert, ein Sturm sei nicht geplant gewesen. Der Katastrophenschutz hat Feldlazarette eingerichtet. Ein elfjähriger Junge mit Schußverletzungen wird behandelt. Gegen drei Uhr teilen die Behörden mit, es seien mehr als zweihundert Verletzte in die Krankenhäuser gebracht worden. Zehn Geiseln seien tot. Doch es ist klar, daß dies nicht endgültige Angaben sind. Später wird von mehr als vierhundert Verletzten, vor allem Kindern berichtet. Im Krankenhaus im nahen Wladikawkas hat man mehr als tausend Betten bereitgestellt, dahin werden die Verletzten gebracht werden. Viele sind durch die Explosionen schwer verletzt.

Mehr als fünfzig Stunden haben die Geiseln in der Turnhalle ausgehalten. Die Terroristen hatten das Gebäude vermint. Zwei große Sprengsätze brachten sie in den Basketballkörben an, kleine verteilten sie im ganzen Saal. Männer, ältere Kinder und Frauen mit Babys wurden in drei getrennten Gruppen gehalten. Wenn die Kinder weinten, schossen die Geiselnehmer nach Berichten der befreiten Geiseln in die Luft. Ihre Masken legten sie nie ab. Es sind Tschetschenen und Inguschen. Sie sagten den Geiseln, daß ihre Kinder von den Russen getötet worden sein. Damals habe man sie auch nicht gefragt, ob so etwas mit Kindern geschehen dürfe.

Keine offizielle Todeszahlen

Da die Turnhalle völlig überfüllt war, befahlen sie den Männern, die Fensterscheiben zu zerschlagen. Dennoch war die Hitze in der Halle so groß, daß sich die Kinder auszogen, um sie ertragen zu können. Die Terroristen gaben den Geiseln Wasser zu trinken und erlaubten ihnen, die Toiletten zu benutzen. Wem es ganz schlecht ging, wurde in die Umkleideräume gebracht. Den Müttern mit Säuglingen gaben sie eine aus Trockenmilch hergestellte Flüssigkeit. Die Säuglinge schrien immerzu. Die Geiselnehmer brachten sie deshalb am Donnerstag deshalb in einen gesonderten Raum, ließen sie später mit ihren Müttern frei. Essen und Medikamente für die Geiseln entgegenzunehmen, hatten sie bis zuletzt abgelehnt.

Wieder ist eine Geiselnahme in Rußland blutig zu Ende gegangen. Offizielle Zahlen über die Toten gibt es auch Stunden nach der Befreiung der Geiseln nicht. "Mindestens 150 Tote", sagt ein Mann aus den Sicherheitskräfte, der nicht genannt werden will, einer Agentur. Russische Reporter haben Dutzende Tote in der Schule gesehen. Gegen vier Uhr gehen die Kämpfe zu Ende. Vereinzelt sind noch Schüsse zu hören. Immer noch kommen Rettungswagen mit Blaulicht zur Schule Nummer eins in Beslan. Auf dem Grünstreifen am Straßenrand liegen mit Decken verhüllte Leichen. Es sind Kinder.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2004, Nr. 206
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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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