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Geiseldrama von In Amenas : Algerien schließt höhere Opferzahlen nicht aus

  • Aktualisiert am

Mitten in der Wüste: Ein Straßenschild kündet 20 Kilometer von dem algerischen Ort, der in den vergangenen Tagen traurige Berühmtheit erlangt hat Bild: dpa

Einen Tag nach dem blutigen Ende der Geiselnahme bei In Amenas hat die algerische Regierung am Sonntag mitteilen lassen, dass weitere Menschen bei der Geiselnahme ums Leben gekommen sein könnten.

          Algerien hat sein umstrittenes Vorgehen im Geiseldrama in der Wüste verteidigt. „Der Einsatz ist die Antwort auf eine Entscheidung der Terroristen gewesen, alle Geiseln zu töten und ein wahres Massaker anzurichten“, zitierte die Tageszeitung „Al Khabar“ einen Armeesprecher.

          Bei der Militäraktion gegen die Geiselnehmer in der algerischen Wüste sind laut algerischen Angaben insgesamt 53 Menschen getötet worden: 21 Geiseln sowie 32 Angreifer. Der algerische Informationsminister Mohamed Said teilte am Sonntag im Radio mit, die Zahl müsse möglicherweise noch nach oben korrigiert werden. Mehrere Länder hatten gemeldet, dass sie noch Staatsbürger vermissen. Unklar ist unter anderem der Verbleib von zehn Japanern und fünf Norwegern.

          Der algerische Energieminister besuchte am Freitag  befreite Geiseln in einem Krankenhaus in Algier Bilderstrecke
          Der algerische Energieminister besuchte am Freitag befreite Geiseln in einem Krankenhaus in Algier :

          Der britische Premier Cameron teilte unterdessen am Sonntag in einer Fernsehansprache mit, dass offenbar mehr seiner Landsleute bei der Geiselnahme getötet worden seien, als bislang angenommen. Drei weitere Briten seien wahrscheinlich ebenfalls tot. Zuvor hatte Cameron mit seinem algerischen Amtskollegen Abdelmalek Sellal telefoniert.

          Frankreichs Präsident François Hollande hatte zuvor erkennen lassen, dass er sich durch das blutige Geiseldrama im Kampf gegen den Terrorismus bestärkt sehe. Er hatte am Samstag den Tod der Geiseln als feigen Mord bezeichnet.

          Auch der amerikanische Präsident Barack Obama machte die islamistischen Geiselnehmer für das Blutvergießen verantwortlich. „Die Schuld an dieser Tragödie liegt bei den Terroristen, die sie verursacht haben“, hieß es in einer schriftlichen Erklärung in Washington. Die Vereinigten Staaten verurteilten die Aktionen der Angreifer in der schärfsten Form.

          Obama bot den algerischen Stellen jede Unterstützung an. Die Vereinigten Staaten würden weiter mit ihren Partnern eng zusammenarbeiten, um die „Geißel des Terrorismus“ in der Region zu bekämpfen. Der Angriff auf das Gasfeld führe abermals die Bedrohung durch Al Qaida und andere gewalttätige Extremisten vor Augen.

          Erstürmung am Samstag

          Am Samstagmorgen hatte die Armee die Gasanlage bei In Amenas im Osten des Landes gestürmt. Dabei starben elf Terroristen. Zuvor sollen die Islamisten sieben Geiseln getötet haben. Die Anlage war am Mittwoch besetzt worden. Am Donnerstag griff das Militär erstmals an. Dabei waren zwölf Geiseln ums Leben gekommen. Insgesamt sind laut Angaben des algerischen Innenministeriums 685 algerische Arbeiter und 107 Ausländer befreit worden.

          Die schwer bewaffneten Angreifer hatten die Anlage am Mittwoch besetzt und Geiseln genommen. Die Geiselnehmer hatten unter anderem ein Ende des von Frankreich angeführten internationalen Militäreinsatzes in Mali gefordert.

          Nach Informationen von „Al Watan“ sollen die Entführer am Samstagmorgen begonnen haben, ihre Geiseln zu töten. Die Armee habe dann die Anlage gestürmt. Für die sieben Ausländer - drei Belgier, zwei Amerikaner, ein Brite und ein Japaner - war es jedoch zu spät.

          Zwei Deutsche in der Nähe

          Laut Radiosender Chaine 3 hatten die Entführer am Freitagabend versucht, einen Teil der Anlage in Brand zu setzen. Dies sei von Armee und Mitarbeitern der Anlage verhindert worden.

          Während des Geiseldramas haben sich zwei Deutsche ganz in der Nähe aufgehalten. Wie das Auswärtige Amt mitteilte, befanden sich die beiden Mitarbeiter einer Bohrfirma nicht unter den Geiseln, sondern mehrere Kilometer entfernt an ihrem Einsatzort, als die Islamisten das Gasfeld überfielen. Die Deutschen hätten die letzten Tage an einem sicheren Ort in der Obhut algerischer Sicherheitskräfte verbracht und seien zurzeit am Flughafen von In Amenas.

          Am Samstagabend konnten sie den Wüstenort nach Angaben des Auswärtiges Amtes an Bord eines von der britischen Regierung gecharterten Zivilflugzeugs in Richtung Großbritannien verlassen. Ihnen gehe es den Umständen entsprechend gut, hieß es. Die Männer sollten im Laufe des Abends auf dem Flughafen London-Gatwick
          eintreffen und dort von Mitarbeitern der deutschen Botschaft in Empfang genommen werden.

          Firmen überprüfen Sicherheitsvorkehrungen

          Bereits beim ersten Angriff auf die in der Anlage verschanzten Entführer wurden nach Regierungsangaben zwölf algerische und ausländische Geiseln getötet. Zugleich waren bei der Aktion 650 Geiseln befreit worden. Von den zunächst auf 32 bezifferten Geiselnehmern wurden dabei 18 nach algerischen Angaben „außer Gefecht gesetzt“. Die Terroristen verfügten nach Informationen der algerischen Agentur APS über Raketenwerfer und Maschinengewehre.

          Internationale Öl- und Gasfirmen in Algerien reagieren nach Darstellung der Deutsch-Algerischen Industrie- und Handelskammer besonnen auf die Geiselnahme. Außer bei BP habe er nirgendwo davon gehört, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter abzögen, sagte der Geschäftsführer der Organisation in Algier, Christoph Partsch, im Deutschlandradio Kultur. Die Öl- und Gasfirmen überprüften lediglich ihre Sicherheitsvorkehrungen. „Zu mehr besteht meiner Meinung nach auch kein Anlass.“

          Quelle: AFP, dpa/FAZ.net

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