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Geiseldrama in Rußland Das Wirken des grausamen Feldkommandeurs

02.09.2004 ·  Mit einem Einlenken der Geiselnehmer in Südrußland war nicht zu rechnen. Als Drahtzieher wird der tschetschenische Terrorist Bassajew vermutet. Er hat zahlreiche Geiselnahmen angeführt und sich der meisten großen Anschläge bezichtigt.

Von Markus Wehner
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Mehr als dreihundert Geiseln sind weiter in der Schule Nummer eins im nordossetischen Beslan in der Hand der Geiselnehmer. Die Verhandlungen erweisen sich auch am zweiten Tag der Geiselnahme als schwierig. Daß die Terroristen 28 Frauen und Kinder freiließen, war dem ehemaligen Präsidenten Inguschiens, Ruslan Auschew, zu verdanken. Mit einer Schaukelpolitik zwischen Moskau und den Rebellen hatte der ehemalige Armeegeneral die Sicherheit in seiner Republik garantiert.

Das gefiel dem Kreml nicht - man ersetzte ihn durch einen Geheimdienstmann und beraubte sich eines Stücks Stabilität im instabilen Nordkaukasus. Auschew konnte mit Landsleuten verhandeln. Denn bei den Geiselnehmern soll es sich nicht nur um Tschetschenen, sondern auch um Inguschen handeln, daneben angeblich auch um Osseten und Russen. Weitere Erkenntnisse über die Terroristen in der Schule geben die Behörden verständlicherweise nicht preis. Doch gibt es Hinweise auf den Anführer der vermutlich 17 Terroristen, unter ihnen angeblich zwei Frauen, und auf den mutmaßlichen Drahtzieher der Terroraktion.

„Möglichst viele erschießen"

So wird die Gruppe nach Angaben der Zeitung "Iswestija" von Doku Umarow geführt, einem als besonders rücksichtslos und willensstark bekannten Feldkommandeur der tschetschenischen Separatisten. Der 40 Jahre alte Mann sei von einem Jungen aus einer der älteren Klassen, der aus der Schule flüchten konnte, erkannt worden, als ihm der Korrespondent ein Foto Umarows zeigte. Er soll als einziger der Geiselnehmer keine Maske getragen haben und selbst auf die fliehenden Kinder geschossen haben, wodurch ein Mädchen verletzt worden sei, berichtete der Junge.

Umarow hat nach Angaben russischer Geheimdienste den Überfall auf die Nachbarregion Inguschien Ende Juni organisiert. Damals hatten etwa 200 Terroristen die Stadt Nasran und zwei weitere Orte eine Nacht lang in ihre Gewalt gebracht. Die russischen Armee- und Polizeikräfte griffen erst nach Stunden ein, die Angreifer konnten sich gegen Morgen unbehelligt zurückziehen. Sie motivierten ihre Tat damit, daß unter der Herrschaft des Nachfolgers Auschews, des inguschischen Präsidenten Murat Sjasikow, Dutzende Personen durch den Geheimdienst ermordet worden seien.

Umarow gilt auch als der Kopf des Überfalls einer Gruppe von 120 bis 200 tschetschenischen Kämpfern auf zwei Stadtteile in der tschetschenischen Hauptstadt Grosnyj am 22. August. Die Angreifer gingen ähnlich vor wie in Inguschetien, griffen russische Soldaten an und ermordeten jene, die sie als Kollaborateure Moskaus ausmachten, bevor sie sich nach drei Stunden zurückzogen. "Doku hat uns gesagt, wir sollen möglichst viele erschießen", wurde ein Angreifer im Bericht eines Augenzeugen zitiert. Nach offiziellen Angaben wurden 46 Menschen getötet, nach Angaben von "Iswestija" kamen mehr als 120 Menschen ums Leben.

"Tschetschenische Märtyrer"

Umarow hatte nach dem ersten Tschetschenien-Krieg den Rang eines Brigadegenerals der Separatistenarmee erhalten; in der Regierung Maschadow während der faktischen Unabhängigkeit Tschetscheniens 1997 bis 1999 leitete er dessen Sicherheitsrat. Die russischen Geheimdienste verdächtigen ihn, zahlreiche Entführungen organisiert zu haben, um Lösegeld zu erpressen. Ein anderer "Feldkommandeur", der mit der Geiselnahme in Verbindung gebracht wird, ist Magomed Jewlojew, der den Kriegsnamen "Magas" benutzt und ebenfalls als einer der Anführer des Überfalls auf Inguschien gilt.

Sowohl Umarow als auch Jewlojew sind Gefolgsleute von Schamil Bassajew. Er ist in Rußland als der grausamste tschetschenische Terrorist bekannt, hat zahlreiche Geiselnahmen angeführt und sich der meisten großen Anschläge bezichtigt. Auch die Geiselnehmer von Beslan stehen nach eigenen Angaben unter Befehl von Bassajew, zumindest wenn ein Anruf in der Redaktion der "New York Times" am Mittwoch echt war.

Ein Mann, der mit kaukasischem Akzent gesprochen haben soll, habe die Geiselnahme als Aktion der Gruppe "Rijadus Salichin" bezeichnet. Sie wird von Bassajew geführt und gilt als eine Art Selbstmordkommando "tschetschenischer Märtyrer". Das amerikanische Außenministerium führt sie auf der Liste internationaler Terrororganisationen; Bassajew wird von den Vereinten Nationen als Terrorist geführt, der mit Al Qaida in Verbindung steht.

Militärisch gemeinsame Sache

Obwohl Bassajew seit Mitte der neunziger Jahre von den russischen Geheimdiensten gesucht wird, ist es ihnen bisher nicht gelungen, ihn festzunehmen oder zu töten. Der Mann mit dem großen dunklen Bart soll sich angeblich in verschiedenen Teilen des Nordkaukasus aufhalten, unter anderen immer wieder in seiner Heimat Wedeno, etwa fünfzig Kilometer südlich von Grosnyj.

Der heute 39 Jahre alte Bassajew nahm schon Ende 1991 an der Entführung eines russischen Passagierflugzeuges in die Türkei teil, womit die Entführer gegen die Verhängung des Kriegsrechts in Tschetschenien protestieren wollten. Bassajew kämpfte dann an der Seite der christlichen Armenier gegen Aserbaidschan um die Enklave Nagornyj-Karabach, wenig später mit den Separatisten in der georgischen Region Abchasien gegen die Truppen aus Tiflis.

Nach dem ersten Tschetschenien-Krieg versuchte der damalige Präsident und heutige Rebellenführer Aslan Maschadow, Bassajew einzubinden, indem er ihn zum Regierungschef oder stellvertretenden Verteidigungsminister ernannte. Bassajew trat jedoch stets nach kurzer Zeit wieder zurück - im Machtkampf konnte oder wollte sich Maschadow nie wirklich durchsetzen. Mit dem zweiten Tschetschenien-Krieg machten Maschadow und Bassajew dann wieder militärisch gemeinsame Sache.

Fehlschlag Budjonnowsk

Seinen Ruf als grausamer Feldkommandeur begründete Bassajew, dessen Vorname an den legendären Tschetschenen-Führer Schamil aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erinnert, mit einer Geiselnahme in einem Krankenhaus in Budjonnowsk im Juni 1995. Damals brachte das Kommando Bassajews 1200 Mann in seine Gewalt. Die russischen Truppen erstürmten nach drei Tagen das Gebäude, wurden aber durch Befehl des damaligen Ministerpräsidenten gestoppt, als sie nur die erste Etage eingenommen hatten. Bassajew konnte nach Verhandlungen mit seinen Kämpfern und Geiseln abziehen. Zurück blieben in Budjonnowsk 130 tote Zivilisten und mehr als 36 tote Soldaten und Polizisten.

Budjonnowsk galt als Fehlschlag; in den Augen vieler Tschetschenen als Verzweiflungstat angesichts eines grausamen Krieges gegen ihr Volk. Nur ein halbes Jahr später, im Januar 1996, erlebte Rußland die nächste Massengeiselnahme. Ein Kommando unter Befehl von Salman Radujew besetzte zunächst ein Krankenhaus in Kisljar in Dagestan, zweitausend Menschen befanden sich in Geiselhaft. Radujew verließ das Krankenhaus mit sechzig Geiseln, um nach Tschetschenien zu entkommen, wurde aber frühzeitig aus der Luft beschossen und verbarrikadierte sich in dem Dorf Perwomajskoje.

Nach vier Tagen Sturmangriff konnte der Ort eingenommen werden. Doch starben bei der Geiselnahme und den Kämpfen mehr als zweihundert Zivilisten und dreißig russische Soldaten. Radujew konnte entkommen, wurde im März 2000 gefaßt und starb im Dezember 2002 im Gefängnis.

Spiel auf Zeit

Die dritte große Geiselnahme fand in Moskau statt. Am 23. Oktober 2002 stürmte ein Kommando von 40 Geiselnehmern, unter ihnen 19 Frauen, das Musical-Theater Nord-Ost, brachte mehr als 900 Zuschauer, Musiker und Schauspieler in seine Gewalt. Damals sagten die Geiselnehmer, sie stünden unter dem Befehl Bassajews. Dieser bezichtigte sich später selbst des Anschlags. Bei der Erstürmung durch russische Sonderpolizeieinheiten kamen mehr als 120 Geiseln nach dem Einsatz eines Kampfgases ums Leben. Anders als bei den vorigen Geiselnahmen galt der Einsatz der Sondereinheiten "Alfa" und "Wimpel" als gut - doch an die Folgen des Gaseinsatzes hatte man nicht gedacht.

Rußland hat in den vergangenen Jahren traurig reiche Erfahrung mit Geiselnahmen gemacht - nicht aber damit, wie sie unblutig zu Ende geführt werden können. Daß die Geiselnehmer Kinder in ihre Gewalt gebracht haben, erhöht den Druck auf Präsident Putin. Auf die politischen Forderungen der Terroristen - Abzug der Truppen aus Tschetschenien oder Freilassung verhafteter Islamisten - wird er nicht eingehen können. Er sei bereit, mit jedem in Tschetschenien zu verhandeln, hat Putin kürzlich gesagt - "außer mit Terroristen und Separatisten".

Mit einem Einlenken der Geiselnehmer ist nicht zu rechnen. Am wahrscheinlichsten ist, daß man mit ihnen weiter verhandeln wird, um möglichst viele Geiseln frei zu bekommen und zugleich Zeit zu gewinnen, um den Einsatz der Spezialeinheiten für einen Sturm so gut wie möglich vorzubereiten. Das Leben der Geiseln habe Vorrang vor allem anderen, hat Präsident Putin am Donnerstag gesagt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2004, Nr. 205
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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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