An diesem Dienstag jährt sich das Geiseldrama im Moskauer Musicaltheater „An der Dubrowka“ zum zehnten Mal. In dem Theater im Zentrum der russischen Hauptstadt folgten 912 Zuschauer einer Vorstellung des Musicals „Nord-Ost“, bis etwa 40 tschetschenischen Terroristen schwer bewaffnet den Saal stürmten. 58 Stunden später, im Morgengrauen des 26. Oktobers 2002, leiteten Spezialkräfte bei einer Befreiungsaktion ein Nervengas in den Raum, das die Terroristen kampfunfähig machen sollte.
Infolgedessen kamen 130 Geiseln ums Leben, 67 noch während der Erstürmung des Theaters, bei der die Terroristen erschossen wurden. Weitere 58 Geiseln starben in Krankenwagen und Autobussen auf dem Weg in Krankenhäuser oder in Moskauer Kliniken. Der Opferverband der Geschädigten ist der Auffassung, dass diese Menschen umkamen, weil die Zusammensetzung des Gases als Staatsgeheimnis betrachtet wurde und den Ärzten daher kein Gegenmittel gegen dessen tödliche Wirkung zur Verfügung gestellt worden sei.
Gericht: Gas führte zum Tod von Geiseln
Der Hergang der Ereignisse und die mögliche Mitverantwortung von Politikern oder Kommandeuren der Sicherheitskräfte für den Tod der Geiseln ist von russischen Gerichten bis heute nicht aufgeklärt worden. Ein Ermittlungsverfahren war vor fünf Jahren eingestellt worden. Nach einer Klage vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof wurde der russische Staat im Dezember vergangenen Jahres jedoch dazu verurteilt, 64 Geschädigten zwischen 9000 und 66.000 Euro Entschädigung zu zahlen. Die Richter warfen der russischen Führung zugleich vor, dass die Aktion zur Befreiung der Geiseln schlecht geplant und durchgeführt worden sei. Das Straßburger Gericht war zudem der Meinung, dass das Gas und die unzureichenden Rettungsbemühungen zum Tod von Geiseln geführt hätten. Die Richter verlangten eine gründliche Untersuchung in Russland. Das russische Ermittlungskomitee hat die Einleitung eines Strafverfahrens gegen Staatsbeamte, die für die Befreiungsaktion verantwortlich waren, dieser Tage indes abgelehnt.
Die Terroristen – darunter „schwarze Witwen“ mit Sprengstoffgürteln – hatten am Abend des 23. Oktobers 2002 unter Führung des Tschetschenen Mowsad Mursajew das Moskauer Theater gestürmt und die Zuschauer – Männer, Frauen und Kinder – als Geiseln genommen.
Ziel der Aktion war es, die russische Führung um Wladimir Putin, der zwei Jahre zuvor zum russischen Präsidenten gewählt worden war, zum Abzug der Bundestruppen aus Tschetschenien zu zwingen. Der tschetschenische Terroristenführer Schamil Bassajew bekannte sich später dazu, die Geiselnahme organisiert zu haben, um den Krieg – den zweiten Tschetschenienkrieg, der offiziell längst als beendet dargestellt wurde – ins Herz Russlands zu tragen. Bassajew wurde 2006 vom russischen Geheimdienst getötet.
Nach offizieller Lesart galt die Befreiungsaktion als glänzender Erfolg der Sicherheitskräfte. Am Abend des 26. Oktobers vor einem Jahrzehnt sagte Putin im Fernsehen, dass das beinah Unmögliche gelungen sei. Hunderte von Geiseln seien gerettet worden. Darüber hinaus sei bewiesen, dass sich Russland nicht in die Knie zwingen lasse. Die Geiseln hatten den Präsidenten in einer Botschaft gebeten, eine vernünftige Entscheidung zu treffen, den Krieg in Tschetschenien zu beenden und die Geiselnahme nicht mit Gewalt zu lösen. Zwei Jahre später starben bei einer weiteren stümperhaften Befreiungsaktion der Sicherheitskräfte von Geiseln in der Schule von Beslan mehr als 300 Menschen, darunter 186 Kinder.
