06.09.2004 · Russische Reaktionen nach dem blutigen Ende der Geiselnahme in Beslan. Vermehrte Kritik am Kreml und an den Einsatzkräften der Geheimdienste.
Von Markus Wehner, MoskauWenn Hunderte, ja tausend russische Elitepolizisten stundenlang nicht mit dreißig Terroristen fertig werden, dann sehe es schlecht aus für Rußland, sagt der russische Publizist Leonid Radsichowskij. Mehr als zehn Stunden hätten die hochgelobten Kämpfer der Elitetruppen während der Geiselnahme in Beslan gebraucht, um den Widerstand der Geiselnehmer zu brechen.
"Hätte man einfache ossetische Polizisten losgeschickt, wäre das Ergebnis wohl das gleiche gewesen", kritisiert er im Rundfunksender "Echo Moskwy" den chaotischen Einsatz von "Alfa", "Wimpel" und anderen Spezialkräften. Das zeige, daß der Staat am Ende sei.
Eliteeinheiten kommen zu spät
Die großen staatlichen Fernsehsender enthalten sich jeder Kritik am Einsatz der Geheimdienste in Beslan. Doch die unabhängige Moskauer Presse wirft ihnen angesichts von mehr als vierhundert Toten Versagen vor. Die Eliteeinheiten "Alfa" und "Wimpel" hätten nicht einmal ihre Einsatzzonen bei der Einnahme der Schule abgesprochen, die ohnehin dreißig Minuten zu spät gekommen sei, schreibt die Zeitung "Wremja nowostjej". Nicht die Spezialeinsatzkräfte hätten den Angriff auf die Schule begonnen, sondern die ossetischen "Freiwilligen", bewaffnete Bewohner der Stadt, hätten als erste geschossen, schreibt die Zeitung unter Berufung auf einen Mitarbeiter des Katastrophenschutzes, der im Kugelhagel verletzt wurde.
Das bestätigt auch Ruslan Auschew, der ehemalige inguschische Präsident, der Geiseln herausholen konnte und im Einsatzstab mitarbeitete. Als der Schußwechsel begann, sei den Einsatzkräften der Befehl gegeben worden, das Feuer einzustellen. Den Terroristen sei mitgeteilt worden, daß nicht geschossen werde. Doch die hätten es nicht geglaubt, weil der "Volkssturm" mit Maschinengewehren auf die Schule geschossen habe, sagt Auschew der "Nowaja Gaseta".
Terroristen wollten reden
Wie kam es dazu, fragen russische Zeitungen, daß die Schule nicht abgesperrt wurde, daß die bewaffneten Bewohner, unter ihnen viele Väter und Männer der gefangenen Kinder und Frauen, sich dort versammeln und in Stellung gehen konnten? Auch die Behauptung, die Geiselnehmer seien nicht zu Verhandlungen bereit gewesen, wird angezweifelt. Warum die Präsidenten Inguschetiens und Nordossetiens, Murat Sjasikow und Alexander Dsasochow, die von den Geiselnehmern als Verhandlungspartner genannt worden waren, nicht kamen, müsse man sie selbst fragen, sagt Auschew.
"Das einzige, was ich weiß, ist, daß wir etwa anderthalb Tage damit verloren haben, bis wir entschieden hatten, wer hingeht." Die Terroristen aber hätten sich selbst nur drei Tage Zeit gegeben, um die Geiselnahme zu beenden - mit diesem oder jenem Ausgang, sagt Auschew. Die Terroristen hätten ihm ihre Telefonnummer in der Schule gegeben, "damit wenigstens irgendein Minister" der Moskauer Regierung anrufe und mit ihnen verhandele. Auschew erhielt auch einen Brief mit Forderungen der Geiselnehmer, den er dem nordossetischen Präsidenten Dsasochow übergab. Doch dieser Brief sei, so berichten Zeitungen, sofort für geheim erklärt worden.
Geiselzahlen absichtlich reduziert
Wer die Operation in Beslan leitete, sei völlig unklar geblieben, schreibt der Politologe Andrej Rjabow in der Zeitung "Gaseta". Verteidigungsminister Sergej Iwanow habe zunächst im Fernsehen davor gewarnt, daß es weitere Terrorakte geben werde, und sei dann öffentlich nicht mehr in Erscheinung getreten. Der Innenminister und der Geheimdienstchef seien nicht mehr aufgetaucht, nachdem Präsident Putin sie nach Beslan entsandt hatte. So müsse, folgert Rjabow, auch niemand persönlich Verantwortung tragen für das, was geschehen sei.
Viele Kritiker des Beslan-Einsatzes sind davon überzeugt, daß die offiziell verkündete Zahl von 354 Geiseln absichtlich um mehr als das Dreifache zu niedrig angegeben wurde. Die Zahlen seien "in einer politischen Situation doch immer manipuliert", sagt Auschew. Schon als klar wurde, daß es um Hunderte Tote ging, meldete man offiziell lediglich, wie viele Leichen aus der Schule geborgen oder wie viele identifiziert seien, kritisiert die Zeitung "Moskowskij Kosmsomolez" die offizielle Politik, mit Täuschungen und Halbwahrheiten die Öffentlichkeit zu "schonen".
Doch wie kommt es, daß drei Tage nach dem Ende des Geiseldramas immer noch fast 200 Menschen als vermißt gelten? Die Zeitung "Iswestija" fragt, ob wirklich alle toten Geiseln gefunden worden seien. Vierzig Meter neben der Schule liege ein im Kampf zerstörtes Haus, in dem Terroristen am Freitag bis 23 Uhr Widerstand leisteten. Dort könnten weitere Geiseln unter den Trümmern liegen, vermutet die Zeitung. Mittlerweile seien die Schule und die angrenzenden Gebäude weiträumig abgesperrt, während der Geiselnahme sei das nicht der Fall gewesen.
Lügen der Geheimdienste
Die Behauptung, ein Afrikaner sei unter den Geiselnehmern gewesen, weist "Iswestija" unter Berufung auf seine Korrespondenten in Beslan als Lüge des Geheimdienstes FSB zurück. Man habe die schon vom Feuer geschwärzte Leiche eines getöteten Terroristen als "Neger" ausgegeben. Die Behauptung, die Terroristen hätten ihre Bomben schon zuvor in der Schule deponiert, bezweifelt die Zeitung. Sie hätten wie die Waffen auf dem Armeelastwagen, mit dem die Terroristen zur Schule fuhren, gut Platz gefunden.
Die kritische Berichterstattung der "Iswestija" hatte am Montag schon ihre Folgen - ihr Chefredakteur Raf Schakirow, einer der angesehensten Zeitungsjournalisten in Moskau, wurde entlassen. In einem Interview mit "Radio Liberty" sagte Schakirow, daß der Herausgeber mit der Berichterstattung aus Beslan nicht einverstanden gewesen sei.
Regierung hilflos
Mit Präsident Putins Einschätzung, daß der Terrorakt von Beslan eine von langer Hand geplante Aktion war, mit der die Islamisten Rußland den Krieg erklären wollten, stimmen die meisten russischen Kommentatoren überein. Daß der Staat sich im Kampf gegen den Terrorismus nicht erpressen lassen dürfe, wird ebenfalls akzeptiert. Kritisiert wird die Unfähigkeit des russischen Staates, diesen Kampf zu führen.
Den Oligarchen Chodorkowskij in einer "glänzenden Aktion" zu verhaften, dazu seien die Elitetrupps des Staates in der Lage, ebenso, maskiert in eine Bank einzudringen und die Sekretärin zu überwältigen, konstatiert Radsichowskij mit bitterer Ironie. Doch wenn es darauf ankomme, sei der Staat schwach. "Es gibt keine Politik mehr, keine Politiker, nur noch eine gehorsame Masse von Abgeordneten, die wie Automaten abstimmen, und Bürokraten, die an ihre Schmiergelder denken."
Der Kreml habe Yukos und die demokratische Opposition zerschlagen, die Kritiker zum Schweigen gebracht, doch gegen einen Gegner, den im Unterschied zu Rußland eine Idee eint, erweise man sich hilflos, resümiert Radsichowskij. Anders als Israel besitze Rußland keine nationale Idee; von Konsolidierung der Gesellschaft könne keine Rede sein. Der starke Staat, den Putin seit fünf Jahren verspreche, sei Fiktion. Man könne vielleicht bereit sein, einen "undemokratischen, auch autoritären Staat" zu ertragen, wenn er wenigstens stark sei, folgert Radsichowskij. Doch er kommt zu dem vernichtenden Schluß: "Wir haben keinen Staat."
Markus Wehner Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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