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Balkan und WM : Geht vom kroatischen Fußball politische Unruhe aus?

Kroatische Fans bejubeln in Zagreb frenetisch den Einzug ihrer Mannschaft ins Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. Bild: dpa

Kroatische Fans feiern frenetisch den Einzug ihres Teams ins WM-Finale. Auch Wien ist eine Hochburg, die von den ausgelassenen Brauchtumskrawallen der Kroaten betroffen ist. Dabei kochen in der ausgelassenen Stimmung auch alte Konflikte hoch.

          Nichts gegen Zagreb, Split oder Dubrovnik, aber die schönste Stadt Kroatiens ist immer noch Wien. Dort, insbesondere in der Ottakringer Straße im 16. Bezirk, wurde Kroatiens Einzug in das Finale der Fußball-WM besonders ausgelassen gewürdigt, obschon der Stadtteil keineswegs ausschließlich kroatisch bewohnt ist. Auch viele Bulgaren, Rumänen, Serben, Bosnier und Türken leben dort sowie vereinzelt einige Österreicher ohne Migrationshintergrund, die jedoch, man kann es leider nicht anders sagen, fast durchweg als schlecht integriert bezeichnet werden müssen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          In der Ottakringer Straße finden, wenn eine Fußballmannschaft der genannten Völkerscharen ein Spiel gewonnen oder verloren hat (gelegentlich aber auch bei unentschiedenem Spielausgang), die traditionellen Ausschreitungen statt, die sich an solche Ereignisse anschließen.

          Da Türken sowie die meisten anderen üblichen Verdächtigen sich nicht für Russland qualifiziert hatten und Serbien bereits ausgeschieden war, lastet die Verantwortung für die Abhaltung der Brauchtumskrawalle heuer ganz auf den Schultern der Kroaten. Sie sind ihr, das lässt sich schon vor dem Finale sagen, nur phasenweise gerecht geworden.

          Verkehrsstillstand und verletzte Polizisten

          Während des kroatischen Viertelfinalspiels gegen Russland kam es in der Ottakringer Straße zu „einzelnen Übertretungen nach dem Pyrotechnikgesetz“, wie es auf Behördenösterreichisch heißt. Nach dem Abpfiff intensivierten sich die Bemühungen einiger Intensivkroaten um die zeitweilige Neugestaltung des öffentlichen Raums dann merklich: Hunderte liefen auf die Ottakringer Straße und brachten den Verkehr zum Stillstand.

          Mehrere Polizisten wurden verletzt. Drei Teilnehmer an den mit balkanischer Robustheit ausgetragenen Feierlichkeiten, ausnahmslos österreichische Staatsbürger übrigens, wurden wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Körperverletzung festgenommen.

          In der Nacht zum Donnerstag war der übliche Festakt in der Ulica Ottakring, möglicherweise angeregt durch ein starkes Polizeiaufgebot, jedoch von nachgerade provokanter Friedfertigkeit. Gewaltunwillige Fans schwenkten arglos die Fahne mit der Šahovnica, wie das Schachbrettmuster des kroatischen Wappens in der Landessprache heißt. Sie gaben sich sicher, am Sonntag auch die Franzosen besiegen zu können. Allez les Schachbrettmuster!

          Doch nicht nur in Wien, auch in anderen Teilen Kroatiens wurde gefeiert. Wer das mitunter zweifelhafte, aber nie langweilige Vergnügen eines weitläufigen balkanischen Bekanntenkreises hat, konnte schon im Laufe des Abends ahnen, welche Mischung aus Triumph und Entsetzen sich da zusammenbraute. Spätestens nach dem Ausgleichstreffer für Kroatien schwirrten in der serbokroatischen Unterabteilung des Internets Kurznachrichten, Lobpreisungen und Schmähungen von hüben nach drüben, die ein Ausscheiden respektive einen Sieg des Außenseiters herbeiwünschten.

          Antikroatische Allianz

          Schnell wurde deutlich: Kroatien ist zwar ein kleines Land, aber es gibt eben doch mehr Kroaten, als man denkt. (Und vor allem, wie nicht nur die Bewohner Offenbachs oder einiger mittelprächtig beleumundeter Gegenden Münchens nun bestätigen können: Mehr, als man üblicherweise hört.)

          Den Kroaten und ihren Sympathisanten stand, im Netz ebenso wie in der Wirklichkeit, eine antikroatische Allianz gegenüber, die nach nichtrepräsentativen, aber dennoch als seriös einzustufenden Erhebungen aus der Spielnacht durch einen hohen Serbenanteil gekennzeichnet war.

          Da wäre zum Beispiel Herr M. aus K. Herr M. war einst General der Jugoslawischen Volksarmee, bevor er sich, nachdem erst sein Staat und dann er selbst in Rente gegangen war, in der serbischen Provinzstadt K. zur Ruhe setzte. Herr M. bewohnt dort ein Landhaus mit einem wunderschönen Garten voller Aprikosenbäume, deren Früchte er nicht zur Herstellung von Marmelade oder ähnlichen Kindereien missbraucht, sondern so einsetzt, wie es am vernünftigsten ist: Er brennt einen hervorragenden Schnaps daraus.

          Wenn nicht alles täuscht, hatte er diesem etwas nachhaltiger als gewöhnlich zugesprochen, als wir ihn unmittelbar nach Spielende zu Recherchezwecken anriefen und um seine Einschätzung baten: Ist Kroatiens Finalteilnahme nicht auch so etwas wie ein verspäteter Triumph Jugoslawiens? „Jugoslawien? Pah!“, schallte es aus dem Hörer. „Ich bin das erste Mal in meinem Leben für England gewesen. Aber es hat nichts geholfen.“

          Doch die Antikroaten, von denen einige auch in Deutschland leben, mussten einsehen: Kroatien war in dieser denkwürdigen Nacht „too small to fail“ – zu klein zum Scheitern. Geht es nach dem Geist der Ottakringer Straße, wird das auch am Sonntag so sein. Dann sollen die Franzosen in Moskau ihre größte Schmach seit 1812 erleiden, und das im Sommer.

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