11.09.2009 · Der israelische Ministerpräsident Netanjahu soll bei einem Geheimbesuch in Moskau über das iranische Atomprogramm und die womöglich von den Russen inszenierte Entführung der „Arctic Sea“ gesprochen haben. Denn das Frachtschiff war angeblich mit für Iran bestimmte Luftabwehrraketen geladen.
Von Hans-Christian Rößler und Reinhard VeserSchon die wenigen Einzelheiten, die bisher bekannt wurden, böten genug Stoff für einen Politthriller. Im Privatflugzeug eines Geschäftsmanns soll der israelische Ministerpräsident Netanjahu am Montag heimlich nach Moskau geflogen sein. Die Reise, auf der es angeblich um das iranische Atomprogramm ging, war offenbar so geheim, dass selbst ein großer Teil seiner engsten Vertrauten nicht darüber informiert war.
Zusammenhängen soll sie mit einem anderen realen Krimi, in dem es bisher wenige gesicherte Informationen, aber dafür umso wildere Spekulationen gibt: der angeblichen Entführung des Frachtschiffs „Arctic Sea“ vor der schwedischen Ostseeinsel Gotland am 24. Juli. Schon bald nach dem rätselhaften Verschwinden des Schiffes, das einer in Finnland registrierten russischen Firma gehört und unter maltesischer Flagge fuhr, war gemutmaßt worden, es könne etwas anderes geladen haben als das für Algerien bestimmte finnische Holz, das es offiziell an Bord hatte.
Die Spekulationen konzentrierten sich bald auf die Vermutung, die „Arctic Sea“ könne Waffen geladen haben, wobei die Anhaltspunkte, die dafür genannt wurden, mitunter recht dürftig waren. So hieß es, das Schiff liege für eine Holzladung zu tief im Wasser; vor allem aber könne es einfach nicht nur um Holz gehen, wenn jemand in der sonst friedlichen und gut überwachten Ostsee einen Frachter entführe und dieser von der russischen Marine trotz Hilfe der Nato erst Wochen später im Atlantik gestellt werden könne.
Informiert vom Geheimdienst Mossad?
Die mutmaßlichen Piraten, angeblich Russen aus Estland, die in ihrem Heimatort als Kleinkriminelle bekannt sein sollen, befinden sich in einem Gefängnis in Moskau und warten auf einen Prozess wegen Piraterie. In israelischen Medienberichten freilich heißt es, russische Sicherheitskräfte hätten die Entführung inszeniert, nachdem sie von einem Geheimdienst, vermutlich dem Mossad, informiert worden seien, dass die „Arctic Sea“ S-300-Luftabwehrraketen geladen habe, die für Iran bestimmt seien. Diese israelischen Berichte waren auf gewisse Weise die Antwort auf Berichte europäischer Medien, der Mossad habe das Schiff entführt. Der Grund wäre indes derselbe gewesen: russische Raketen für Iran.
Die mögliche Lieferung dieser Luftabwehrraketen beunruhigt Israel stark. „Es reichte aus, eine kleinere Anzahl von S-300-Batterien aufzustellen, um eine undurchdringliche Wand für Flugzeuge zu errichten, die nicht mit Tarnkappentechnik ausgerüstet sind“, vermutet Guy Bechor von der israelischen Privatuniversität IDC in Herzliya. Der Einschätzung, wonach die russischen Luftabwehrraketen einen möglichen israelischen Luftangriff auf iranische Atomanlagen erschweren könnten, stimmen viele israelische Fachleute zu. Unmöglich würde ein Luftschlag aber nach Ansicht vom Yiftah Shapir dadurch nicht werden - nur deutlich komplizierter und kostspieliger. Denn das russische Luftabwehrsystem sei im Westen gut bekannt; das Nato-Mitglied Griechenland verfügt sogar über eine ältere Version davon.
„Israel gibt militärische Option nicht auf“
Für wichtiger hält der Rüstungsfachmann vom Tel Aviver Institut für Nationale Sicherheitsstudien, dass der Verkauf von russischen S-300-Raketen an Iran, der dem Vernehmen nach schon 2006 abgeschlossen, aber später von Russland gestoppt wurde, zu einer Art politischen Waffe geworden ist: „Israel zeigt mit seinem Widerstand dagegen, dass es die militärische Option nicht aufgibt. Das wiederum macht die Iraner nervös, die die Waffen um jeden Preis haben wollen.“ Das könnte eine Erklärung dafür sein, weshalb Iran offenbar auf allen Wegen versucht, an die Raketen zu kommen. Es gibt Berichte, nach denen Teheran schon Weißrussland ältere S-300-Raketen abkaufen wollte.
Nun könnte das Mullah-Regime versucht haben, die Raketen von früheren russischen Militärs mit Verbindungen in die Unterwelt zu bekommen, wie es etwa die britische Zeitung „Sunday Times“ berichtet hatte: Unter einer Ladung Holz sollen sie auf der „Arctic Sea“ versteckt gewesen sein. Dreh- und Angelpunkt dieser Spekulationen ist ein Reparaturaufenthalt der „Arctic Sea“ im russischen Ostseehafen Kaliningrad, bevor sie in Finnland mit Holz beladen wurde - dort sollen die Raketen an Bord gebracht worden sein.
Dementis aus Russland - um das Gesicht zu wahren?
Sollten die - nicht prüfbaren - Spekulationen zutreffen, dass die Waffen ohne Wissen der russischen Führung außer Landes geschmuggelt werden und erst durch einen Hinweis von außen gestoppt werden konnten, wäre das für Moskau kaum weniger unangenehm, als wenn ausländische Dienste einen geheimen Waffentransport für Iran aufgedeckt hätten. Die Geschichte mit der Entführung - ganz gleich durch wen - und anschließenden Befreiung der „Arctic Sea“ durch die russische Marine wäre demnach ein gesichtswahrender Weg gewesen den Transport aufzuhalten - schließlich ist die „Arctic Sea“ nun in Händen des russischen Staates.
Russland hat in den vergangenen Wochen immer wieder dementiert, dass S-300 Raketen an Bord der „Arctic Sea“ sein könnten; zuletzt hatte Außenminister Lawrow derartige Spekulationen Anfang der Woche als haltlos zurückgewiesen. Am Dienstag hatten die Ermittler der russischen Staatsanwaltschaft mitgeteilt, sie hätten das gesamte Schiff untersucht und keine Spuren von Waffen gefunden. Allerdings hieß es am Donnerstag, sie benötigten noch einige Tage, bis die Untersuchungen auf dem Schiff abgeschlossen seien.
Am 18. August, dem Tag nach der angeblichen Befreiung der „Arctic Sea“ aus den Händen der Piraten, war der israelische Präsident Peres in Sotschi bei Präsident Medwedjew zu Gast. Er appellierte, auf den Verkauf der S-300-Raketen an Iran zu verzichten, worauf Medwedjew wohlwollend reagierte. Zuvor hatte im Juni der israelische Außenminister Lieberman in Moskau versucht, Russland von der Raketenlieferung abzuhalten. Zumindest offiziell hat die russische Regierung das Raketengeschäft zuletzt nicht weiterverfolgt. Wann immer es - wie zuletzt zum Jahreswechsel - Meldungen gab, Teile des Systems seien in Iran eingetroffen und iranische Techniker seien in Russland geschult worden, dementierte Moskau.
Nach Ansicht von Zvi Magen, der sich am Tel Aviver Institut für Nationale Sicherheitsstudien mit Russland beschäftigt, nutzt Moskau das Rüstungsgeschäft, um die eigene Position im Nahen Osten zu stärken. Die russische Führung wisse sehr wohl, welche Auswirkungen die Raketen auf die Stabilität der Region hätten, wenn sie in iranische Hände gelangen würden. „Man kann sicher annehmen, dass für jedes russische Zugeständnis die andere Seite einen politischen Preis zahlen muss“, sagt Magen und weist dabei auf Israel sowie die amerikanischen Pläne für ein eigenes Raketenabwehrsystem in Europa hin.
Endgültige Klarheit darüber, ob Netanjahu wirklich in Moskau war, gab es am Donnerstag in Russland noch nicht. Die russische Zeitung „Kommersant“ zitierte zumindest eine „hochgestellte Quelle“ im Kreml, die das bestätigte. Mit wem sich Netanjahu in der russischen Hauptstadt getroffen haben soll, lässt das Blatt aber offen. In Israel wurde dagegen schon nicht mehr spekuliert, ob es die geheime Reise gab; die Medien beschäftigte viel stärker die chaotische Informationspolitik des Büros des Regierungschefs. Fast einhellig herrschte dort aber die Meinung, dass mögliche Raketenlieferungen an Iran eines der wichtigsten Themen während eines Moskau-Besuchs gewesen sein dürfte.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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