30.06.2008 · Nach der Zustimmung des israelischen Kabinetts zum Gefangenenaustausch mit der Hizbullah ist nun die Nasrallah-Organisation am Zug: Der deutscher Vermittler Conrad wartet auf Beweise über den Verbleib des israelischen Piloten Ron Arad.
Von Jörg Bremer, JerusalemIsraels Ministerpräsident Olmert sprach im Kabinett zwar ein Machtwort. Die Kritik an dem geplanten Gefangenenaustausch mit der libanesischen Schiitenmiliz Hizbullah hat in Israel aber nicht nachgelassen. Am Montag sagte der israelische Finanzminister Bar-On, man dürfe nicht „lebendige Mörder gegen tote Soldaten“ eintauschen. Dieses „Geschäft“ werde die Verhandlungen mit der im Gazastreifen regierenden Hamas über eine Überstellung des von ihr entführten Soldaten Schalit erschweren.
Sechs Stunden hatte sich das Kabinett gequält. Der Chef des Geheimdienstes Mossad, Dagan, sprach sich gegen einen Austausch aus, Unterhändler Dekel dafür. Ihre berufliche Rivalität überschattete die Debatte mit ihren politischen und moralischen Argumenten.
Nur drei Minister gegen Gefangenenaustausch
Letztlich folgten 22 Minister dem Entschluss von Ministerpräsident Olmert und stimmten dafür. Nur drei blieben bei ihrer Ablehnung. Vielen Israelis macht nun die anstehende Jubelfeier der Hizbullah zu schaffen. Deren Generalsekretär Nasrallah spricht von einem „wichtigen historischen Sieg“. Noch sei der Austausch nicht vollzogen, lässt er einen der Hizbullah nahestehenden Journalisten in der libanesischen Zeitung „Al Akbar“ drohen. Die Hizbullah werde israelische Soldaten und Zivilisten angreifen, sollte das Land nicht die Landkarten herausrücken, auf denen die Minen verzeichnet sind, die seit dem Krieg 2006 das Leben der Bevölkerung im Süden bedrohen.
Andererseits sind die Wunden des „Zweiten Libanon-Krieges“ nicht verheilt. 700 Zivilisten starben damals mindestens. Der materielle Schaden ist weiterhin sichtbar. Nasrallah zeigte sich seit Herbst 2006 nicht mehr in der Öffentlichkeit. Daraus folgert ein israelischer Kommentator, der den Austausch rechtfertigt: „Es gibt keine einzige Person im Libanon, Nasrallah eingeschlossen, der heute noch denkt, die Entführung sei eine gute Idee gewesen.“
Die Entführung der Soldaten Regev und Goldwasser provozierte im Sommer 2006 Israels umstrittenen Feldzug. Nach heutigen Angaben wurden die beiden bei ihrem Kampf gegen die Entführer schwer verletzt. Sie starben demnach entweder gleich oder vermutlich wenig später. Bis vor kurzem gab es freilich diese Sicherheit nicht. Die Israelis setzten bei ihren Verhandlungen mit der Hizbullah voraus, die beiden lebend zurückerhalten zu können. So war Israel bereit, im Gegenzug den drusischen Terroristen Kuntar anzubieten. Eigentlich sollte dieser für den Navigator der Streitkräfte Ron Arad ausgetauscht werden, der seit 1986 vermisst wird. Jetzt geht es nur noch darum, dass die Hizbullah den Nachweis erbringt, nichts über das Bekannte hinaus über Arads Tod zu wissen.
Amnestie für Kuntar gegen Soldaten
Samir Kuntar war bei der Hizbullah lange vergessen. Im November 2001, als die Schiiten für die Preisgabe des israelischen Rauschgifthändlers Tennenbaum 13 libanesische Gefangene forderten, hatte sich Kuntar bei Nasrallah brieflich beklagt, er sei vergessen worden und wolle auch befreit werden. 1979 hatte Kuntar in Naharija einen Mann und seine vier Jahre alte Tochter getötet; die Ehefrau erlebte das im Versteck mit. Sie hielt ihre zwei Jahre alte zweite Tochter aus Furcht vor ihrem Schreien so eng in den Armen, dass sie erstickte.
Dem Vernehmen nach wird der deutsche Unterhändler Gerhard Conrad im UN-Auftrag die israelische Kabinettszusage zum Austausch nach Beirut tragen, wo die Hizbullah die Vereinbarung auch unterzeichnet. Dann soll die Hizbullah in etwa einer Woche ein Papier übergeben, in dem sie alle Bemühungen darüber darlegt, wie sie das Schicksal Ron Arads zu klären suchte. Im Gegenzug soll Israel dann über das Schicksal von vier iranischen Diplomaten berichten, die entführt und getötet wurden. Bisher hieß es, Israel wisse nichts über das Schicksal der 1982 an einem Kontrollposten der christlichen Falange festgenommenen und mutmaßlich kurz darauf getöteten Diplomaten.
Dann, so sieht es der Plan vor, soll die Hizbullah die beiden Soldaten Regev und Goldwasser, beziehungsweise ihre sterblichen Überreste, am UN-Kontrollpunkt Nakura übergeben. Mediziner werden unverzüglich die Identität der beiden klären. Gleichzeitig wird Präsident Peres Kuntars Amnestie unterzeichnen. Mit dem Terroristen werden vier libanesische Gefangene ausgeliefert sowie die sterblichen Überreste einiger im Krieg 2006 gefallener Kämpfer. Noch umstritten ist, ob Israel auch einige palästinensische Gefangenen in die Freiheit entlassen. Es heißt, der Inlandgeheimdienst Schinbeth werde 50 Gefangene aussuchen. Auch das Kabinett muss über diese Liste entscheiden.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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