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Gefangenenaustausch Freudentränen wohl nur im Libanon

29.01.2004 ·  Die Erzfeinde Israel und die libanesische Hizbullah-Miliz tauschen am Donnerstag auf dem Fliegerhorst der Luftwaffe in Köln-Wahn Gefangene aus. Es ist der größte Austausch seit 20 Jahren.

Von Jörg Bremer, Jerusalem
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An diesem Donnerstag werden auf dem Militärflughafen von Tel Aviv - vielleicht pünktlich zu den Acht-Uhr-Abendnachrichten - drei Särge aus einem israelischen Flugzeug ausgeladen werden, das wenige Stunden zuvor Köln verlassen hat. Sie bergen die sterblichen Überreste der drei Soldaten Avraham, Avitan und Sawayid, die im Oktober 2000 an der libanesischen Grenze von der Hizbullah getötet worden waren.

Auch wird ein Mann aussteigen, den die Kameras eigentlich nicht zeigen sollen. Elhanan Tannenbaum wird wohl noch seine Familie umarmen dürfen und medizinisch versorgt werden. Dann wird sich die Polizei für ihn interessieren. Zwar werden israelische Flagge im nassen Winterwind auf dem Ben-Gurion-Flughafen wehen, aber es werden wohl kaum Freudentränen vergossen werden.

Konkrete Informationen über Arad

Jubel wird dagegen wohl in den Straßen von Beirut ausbrechen, wo zur selben Zeit die Hizbullah den Empfang ihrer Gefangenen aus israelischer Haft feiern wird. Unter den 30 Freigelassenen werden die beiden schiitischen Anführer Scheich Abdel Karim Obeid und Mustafa Dirani sein, die Israel 1989 und 1994 entführte, um für sie den 1986 abgestürzten Luftwaffensoldaten Ron Arad zurückzubekommen. Dessen Schicksal soll sich nun erst in einer zweiten Phase des Austausches klären, wie der deutsche Unterhändler Ernst Uhrlau vereinbart hat. In zwei bis drei Monaten hält er das nach einem Bericht der Wochenzeitung "Die Zeit" für möglich. Die Hizbullah wird den Attentäter Samir Kuntar, der 1979 vier Menschen in Naharija getötet hatte, erst dann freibekommen, wenn sie dafür - zusammen mit den iranischen Revolutionären Garden - konkrete Informationen über das Los Ron Arads macht.

Er war 1986 über Sidon wegen eines Maschinenschadens seines Kampfflugzeugs abgesprungen. Bis 1988 hatte ihn Hizbullah-Führer Dirani dann im Südlibanon festgehalten. In Israel ist er die wichtigste Figur in dem Austausch. Die israelische Führung tat in den Kriegen meist alles dafür, alle Soldaten - tot oder lebendig - zurückzuerhalten. So ließ Israel 1983 im Austausch für nur acht Soldaten 4700 libanesische Kämpfer aus dem Gefängnis im Süden der damaligen "Sicherheitszone" ziehen. Seit einer Panzerschlacht mit syrischen Truppen 1982 in Sultan Yaakub im nordöstlichen Libanon ist zudem das Schicksal der dort vermißten Soldaten Zacharia Baumel, Zvi Feldman and Yehuda Katz Thema in den Schulen.

Mythos für ganz Israel

Doch Ron Arad wurde zum Mythos für ganz Israel. Das Lied "Ich will frei sein wie ein Vogel" wurde für ihn komponiert und ist nun wieder im Rundfunk oft zu hören. Militärpiloten sind für viele Israelis Helden. Arads Ehefrau Tami ließ nie erkennen, daß sie den Kampf um ihren Helden aufgeben wollte. Bei jedem wichtigeren Staatsbesuch erhielt die Familie in der Regel etwa 15 Minuten Zeit, um den bisweilen erstaunten ausländischen Politiker in Israel auf den Vermißten aufmerksam zu machen. Zeitweise war das der israelischen Regierung schon lästig.

Zunächst kehrt aber nur der Geschäftsmann Tannenbaum nach Israel zurück. Er ist ein verdienter Oberst der Reserve, der aber durch dubiose Geschäfte auf sich aufmerksam gemacht hatte. Ein israelisch-arabischer "Geschäftsfreund", der sich mittlerweile nach Beirut absetzte, hatte Tannenbaum zu vermeintlich lukrativen Geschäften an den Golf gelockt. Dort hatte ihn die Hizbullah im November 2000 entführt. Er leidet unter chronischem Asthma. Andere sprachen von einer schweren Diabetes. Bei den Verhören habe man ihm die Zähne ausgeschlagen. Er sei in Einzelhaft isoliert gehalten worden. Als der deutsche Unterhändler Uhrlau Tannenbaum vor etwa einem halben Jahr das erste Mal an einem unbekannten Ort in Libanon besuchen durfte, war er erschrocken gewesen und berichtete über den schlechten Zustand Tannenbaums.

„Was sagt man nach drei Jahren Trennung?"

Seine Familie hat deshalb auch etwas Furcht vor der Rückkehr: "Wir wollen ihn so gerne wiedersehen", sagt sein Sohn Uri im Fernsehen. "Aber wir wissen gar nicht, was für eine Person da wiederkommt. Was sagt man nach drei Jahren Trennung?" Polizei und Geheimdienste haben weniger Skrupel. Die Öffentlichkeit weiß es nicht; aber sie vermutet, daß die israelischen Behörden in Tannenbaum einen Waffenschmuggler sehen, der sich mit Tricks bereichert und gegen die israelischen Gesetze auch in Staaten an den Golf gereist ist, in denen Israel keine Chance hat, dem Mann diplomatischen Schutz zu bieten. Als das israelische Kabinett im November über den Preis der Freilassung Tannenbaums beriet, wollte die Mehrheit nur wenig unternehmen. Es soll Ministerpräsident Scharon gewesen sein, der an den Oberst der Reserve Tannenbaum erinnerte und darauf hinwies, daß Israelis zusammenhalten müßten. Gleichwohl, bricht kein Jubel über Tannenbaums Heimkehr aus.

Dagegen werden wohl die libanesischen Gefangenen und die Häftlinge anderer arabischer Nationen, die an diesem Donnerstag durch die Straßen von Beirut ziehen, mit Jubel empfangen. Es ist schon sonderbar, daß der Schiitenführer Mustafa Dirani erst viele Jahre nach seiner Entführung die vermeintlichen Schreckensgeschichten von Folter und Vergewaltigung ausbreitete. Er habe Angst vor seiner Folterern gehabt, sagte er zwei Tage vor der Heimfahrt am Dienstag vor einem Gericht in Tel Aviv. Die Ärzte aber wollen nie etwas davon entdeckt haben. Ihm sei kein Knüppel in den Darm geschoben worden, sagte er. Er habe stets an Hämorrhoiden gelitten, heißt es dagegen in Papieren die bei seiner Entführung mitgenommen worden waren. Im übrigen habe Dirani in den ersten Tagen nach der Entführung bereitwillig Auskunft gegeben. Die Staatsanwaltschaft wies jetzt Diranis Vorwürfe zurück und stellte fest, Dirani wolle offenbar auf den Straßen Beiruts als Held und nicht als Informant der Israelis gefeiert werden. Er habe wohl Angst vor neuen Verhören in der Heimat.

Smyrek will nach Beirut

Zwei marokkanische Gefangene wollten nicht in den Hizbullah-Austausch miteinbezogen werden. Sie können nun in Israel bleiben. Aber der Deutsche Steven Smyrek will nach Beirut. Er stammt aus einer geschiedenenen Ehe, wurde von seinem Stiefvater verprügelt. In Herford lernt er eine türkische Familie kennen, deren heile Welt ihn faszinierte. Der Kleinkriminelle fand im Islam Halt. In der Moschee lernte er die Hizbullah kennen. Er kam aber auch in das Blickfeld der Fahnder. Eine muslimische Ägypterin durfte Smyrek wegen des zürnenden Schwiegervaters nicht heiraten. Wie sollte er seine muslimische Überzeugung beweisen? Im Libanon wurde der junge Mann zum Attentäter ausgebildet. Mit 22 Jahren wollte sich Smyrek in Israel in die Luft sprengen. Blond und mit deutschem Paß schien er unauffällig zu sein. Doch schon am Flughafen wurde er verhaftet. Zehn Jahre später kommt er nun frei.

Wird Generalsekretär Nasrallah mit ihm und den anderen Männern aus dem Libanon und weiteren arabischen Ländern seinen letzten Triumph feiern? So sieht es jedenfalls die israelische Presse. Die Zeitung "Yediot Ahronot" beschreibt ihn als einen schwer kranken Mann, der vorerst sein Ziel nicht erreicht hat. Er wollte vor allem "seinen Arad", den vierfachen Attentäter Samir Kuntar, freibekommen. Nun muß er dafür Nachrichten preisgeben, die seine Bekundungen zu Arad in den vergangenen Jahren als Lüge erscheinen lassen. Arad sei weiter im Libanon, gab er bei seinem Pressetreffen am Wochenende preis. Hatte er nicht immer von Iran gesprochen bisher?

Zugleich muß Nasrallah politische Rückschläge hinnehmen. Beirut gerät immer stärker unter internationalen Druck: Entweder die libanesische Armee besetzt "Hizbullah-Land" im Süden, oder der gesamte Libanon könnte zum Beispiel von Washington auf die Liste der Terror-Staaten gesetzt werden. Denn die Regierung in Beirut empfindet die bewaffnete Präsenz der Hizbullah allmählich als Last. Auch die Palästinenser könnten ihre Begeisterung für die Hizbullah verlieren. Denn Nasrallah, schreibt zum Beispiel "Maariv", brachte keinen der wirklich wichtigen Palästinenser aus israelischer Haft heraus. Schließlich schickt sich Syrien an, mit Israel einen Frieden auszuhandeln, und Iran will selbst das Arad-Schicksal aufklären und diese Last loswerden. Das seien keine guten Nachrichten für Nasrallah an der Spitze des Triumphzuges am Donnerstag.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Januar 2004
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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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