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Gefangenenaustausch „Es kommen Tage des Sieges“

16.07.2008 ·  Volksfeststimmung im Libanon: Die aus israelischer Haft entlassenen Hizbullah-Kämpfer und Samir Kuntar werden wie Helden empfangen. Dass Mörder im Mittelpunkt der Feierlichkeiten stehen, wirft ein fahles Licht auf die Freude im Libanon.

Von Markus Bickel, Beirut
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Hoch zu Ross passieren die Hizbullah-Männer schon am frühen Morgen den Armee-Kontrollpunkt bei Mansouri. Ihre Pferde in gelbes Tuch gehüllt, reiten die uniformierten Kämpfer direkt auf die israelische Grenze zu; zehn Kilometer die Mittelmeerküste entlang sind es von hier bis zum libanesischen Grenzort Naqura.

Um die Reiter herum fahren freudig hupende Jugendliche auf Mofas und Motorrädern. Zwei haben sich auf eine Suzuki gezwängt, der hintere im Trikot Michael Ballacks mit der „13“, der am Lenker trägt ein T-Shirt mit dem grünen Emblem der schiitischen Amal-Bewegung - seit dem Krieg gegen Israel im Sommer 2006 der engste Verbündete des Hizbullah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah.

Zwei Mörder, verehrt von den Massen

Im Südlibanon herrscht Volksfeststimmung. „Der Libanon vergießt Tränen der Freude, Israel vergießt Tränen der Trauer“, heißt es auf Transparenten. Aus Autofenstern heraus wehen die Fahnen von Hizbullah und Amal, und überall sieht man Plakate mit dem Gesicht jenes Mannes, nach dem die „Operation Gefangenenaustausch“ benannt ist: Scheich Raduan, oder, im Klarnamen, Imad Mugniyeh, Mitgründer und langjähriger Sicherheitschef der Parteimiliz, der im Februar dieses Jahres in Damaskus bei einem Anschlag ermordet wurde.

Noch im Januar hatte Mugniyeh Nasrallah während der Feier des schiitischen Aschura-Festes im Süden Beiruts kurzerhand wieder aus der Menge geholt, nachdem sich der Hizbullah-Generalsekretär zum ersten Mal seit einem Auftritt kurz nach Ende des Libanon-Krieges im August 2006 in der Öffentlichkeit gezeigt hatte.

Das Risiko erschien dem Mann zu groß, der wegen zwei Anschlägen auf die amerikanische Botschaft in Beirut 1983 sowie auf israelische und jüdische Einrichtungen in Lateinamerika in den neunziger Jahren auf der ganzen Welt gesucht worden war. Wenige Wochen später war Mugniyeh dann selbst tot. Zusammen mit ihm wurde am Mittwoch auch Samir Kuntar gefeiert. Er wurde nach fast dreißig Jahren aus der israelischer Haft entlassen, die der wegen der Ermordung dreier Israelis 1979 vebüßte. Dass diese beiden Männer im Mittelpunkt der Feierlichkeiten stehen, wirft ein fahles Licht auf den Heldenkult im Libanon - zwei Mörder, verehrt von den Massen.

Soldaten eindeutig identifiziert

Am Mittwoch aber mussten sich die Libanesen vor allem im Warten üben. Denn noch am frühen Abend war unklar, ob der dritte große Held des Tages - Nasrallah selbst - in Beiruts südlicher Vorstadt Dahyeh tatsächlich vor Hunderttausenden Anhängern sprechen würde. Am Beiruter Flughafen, wo zunächst schon am Nachmittag mit einem Staatsempfang für Kuntar und vier während des Krieges gegen Israel im Sommer 2006 gefangene Hizbullah-Kämpfer gerechnet wurde, standen sich Familienangehörige der Freigelassen und Journalisten bis zum Abend die Beine in den Bauch - von Präsident Michel Suleiman, Ministerpräsident Fuad Siniora und Parlamentspräsident Nabih Berri bis dahin keine Spur.

Dabei hatten Hizbullah-Sicherheitskräfte schon um kurz vor zehn Uhr morgens die Särge mit den Überresten der am 12. Juli verschleppten israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev an das Internationale Komitee von Roten Kreuz übergeben. Die erste Phase des Ende Juni zwischen dem israelischen Unterhändler Ofer Dekel und dem Hizbullah-Vertreter Wafiq Safa ausgehandelten Abkommens war damit eingeleitet - auch wenn es bis zum Mittag dauern sollte, ehe das israelische Militär mitteilte, dass die beiden Soldaten eindeutig identifiziert seien.

Feierlicher Empfang

Stündlich rechnete man auf libanesischer Seite danach mit dem Beginn dem Teil des Gefangenenaustausches, den die meisten am stärksten erwarteten: dem feierlichen Empfang Kuntars und der vier Hizbullah-Kämpfer auf der Ehrentribüne von Naqura. Khaled Zidan, Maher Kurani, Mohammed Srour und Hussein Suleiman lauten ihre Namen, immer wieder liest man sie auf Plakaten mit ihren Gesichtern, die von Naqura bis in die über hundert Kilometer entfernte Hauptstadt an Straßen und Kreuzungen angebracht sind.

Hoch oben an den Autobahnlaternen flattern zudem die Farben der libanesischen Opposition: das Grün der von Parlamentspräsident Berri geführten Amal, das Gelb der Hizbullah und das Orange der Freien Patriotischen Bewegung des christlichen Verbündeten der beiden Schiitenparteien, Michel Aouns.

Der rote Teppich bleibt bis zum Abend leer

Auch an der Ehrentribüne von Naqura sieht man die Bilder der im Libanon als Helden gefeierten Männer, die am Mittag gemeinsam vom israelischen Armeestützpunkt Liman in Richtung Nordgrenze transportiert werden. „Freiheit gewährt durch Nasrallah, Demütigung garantiert durch Olmert“, steht auf einem Transparent neben dem Bild Olmerts und einer Friedenstaube. Doch auch acht Stunden nach der Übergabe der sterblichen Überreste Goldwassers und Regevs müssen sich die Mitglieder der längst im Grenzort Naqura eingetroffenen Hizbullah-Reiter noch gedulden. Der mehrere Meter lange rote Teppich bleibt bis zum Abend leer.

Zwar übergaben die Israelis am Mittag zwölf Särge mit den Leichen von Kämpfern, die während des Krieges 2006 getötet worden waren - das gehörte zur zweiten Phase des vereinbarten Austausches. Auch die Überreste der Fatah-Kämpferin Dalal Mughrabi sind darunter und die dreier weiterer Palästinenser, die 1978 bei einem Angriff auf einen israelischen Bus ums Leben kamen; mehr als dreißig Menschen kamen damals bei dem Angriff um. In einem dritten Schritt schließlich beginnt die Hizbullah am Spätnachmittag mit der Übergabe der sterblichen Überreste israelischer Soldaten, die während des 34 Tage dauernden Krieges, der mit der Entführung Goldwassers und Regevs begann, getötet wurden.

Ankunft verschoben

Auf den von Nasrallah als „Gefangenenältesten“ gehuldigten Kuntar, der seit der Ermordung dreier Israelis 1979 in Naharija inhaftiert ist und die Hizbullah-Kämpfer aber warten Hunderte den ganzen Tag. Mehrfach verkündet die Flughafenleitung die Verschiebung des Staatsempfangs auf den Abend, die zunächst geplante Ankunft von 190 seit dem israelischen Einmarsch im Libanon 1978 umgekommener Libanesen und Palästinenser in Sidon wird auf Donnerstag verschoben.

Um kurz nach fünf Uhr melden Fernsehsender endlich die Ankunft der Gefangenen auf der libanesischen Seite der Grenze. Bis zur Ankunft am Beiruter Flughafen dauert es dann noch. Und dass, obwohl zwei Armeehubschrauber und einer des libanesischen Präsidenten schon um kurz nach zehn in Naqura gelandet waren.

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