11.07.2011 · Wieder jährt sich das Massaker an Bosniens Muslimen – aber dieses Jahr sitzt Haupttäter Ratko Mladic in Haft in Den Haag. Dessen Festnahme Ende Mai hat zu einer spürbaren Entspannung zwischen Serbien und Bosnien-Hercegovina geführt.
Von Michael MartensVor einem Jahr war es ähnlich, und doch war es ganz anders. Als die Überlebenden und Hinterbliebenen des größten Verbrechens der jugoslawischen Zerfallskriege im vergangenen Sommer in Srebrenica zu ihrer jährlichen Gedenkfeier zusammenkamen, verlief alles wie in den Jahren zuvor: Etwa 40.000 Menschen gedachten am 11. Juli 2010 der Ereignisse 15 Jahre zuvor, als nach dem Fall der sogenannten „UN-Schutzzone“ Srebrenica die Truppen der bosnischen Serben unter dem Oberbefehl ihres Generals Ratko Mladic fast 8000 bosnische Männer und Jungen ermordeten, weil sie Muslime waren.
An den Trauerfeiern im vergangenen Jahr nahmen viele ausländische Spitzenpolitiker teil, auch Serbiens Staatspräsident Boris Tadic war gekommen. Er traf sich mit einer bosnischen Muslimin, die 1995 zwei Söhne in Srebrenica verloren hatte. Das war ein Akt von kaum zu unterschätzender politischer Symbolik für den Balkan. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan, der mit seinem Außenminister Ahmet Davutoglu ebenfalls nach Srebrenica gekommen war, zeigte sich beeindruckt von Tadics Gespräch, vor allem aber von dem Verhalten der muslimischen Frau: „In den Augen dieser Mutter war Trauer, aber kein Hass“, sagte Erdogan, der für seinen Auftritt in Srebrenica viel Applaus erhielt. Westlichen Politikern widerfährt das an diesem europäischen Erinnerungsort eines kolossalen Weltversagens in der Regel nicht.
„Dunkler Fleck auf dem Gewissen der Welt“
Auch Barack Obama war in Srebrenica vertreten, wenn auch nur durch eine Botschaft, die während der Zeremonie verlesen wurde. Srebrenica, hieß es darin, sei „ein dunkler Fleck auf dem Gewissen der Welt. Es wurden Menschen umgebracht, die an das Versprechen der internationalen Gemeinschaft glaubten, dass sie geschützt werden“.
Obama, dessen Vorvorgänger Bill Clinton nach seiner Amtszeit auch persönlich zu einer Gedenkfeier in die ostbosnische Kleinstadt gekommen war, forderte am Ende seiner Botschaft dasselbe, was seit Jahren an jedem der tristen Jubiläumstage des Massakers verlangt worden war: Ratko Mladic, der Haupttäter des bosnischen Völkermords, müsse endlich verhaftet und an das UN-Kriegsverbrechertribunal nach Den Haag ausgeliefert werden. Boris Tadic nahm sich diese Mahnung zu Herzen und versprach in Srebrenica öffentlich, dass dieser Tag kommen werde: „Als Präsident Serbiens werde ich die Suche nach den verbliebenen Angeklagten nicht aufgeben – und damit meine ich vor allem die Suche nach Ratko Mladic.“
„Schlechtes Jahr für schlechte Menschen“
Tadic hat sein Versprechen gehalten. Wenn an diesem Montag wieder des Massakers von Srebrenica gedacht wird, geschieht das erstmals mit dem Wissen, dass der Haupttäter von damals kein freier Mann mehr ist. Mladics bisherige Kurzauftritte vor den Haager Richtern deuten zwar nicht darauf hin, dass er in den Jahren seiner Flucht auch nur einen Hauch von Schuldbewusstsein entwickelt hätte. Seine Verhaftung am 26. Mai in einem nordserbischen Dorf im Banat, unweit der Grenze zu Rumänien, war dennoch ein Befreiungsschlag – nicht nur für Serbien, sondern für die gesamte Region. Ein BBC-Reporter sagte unter Hinweis auf die Tötung Usama Bin Ladins wenige Wochen vor Mladics Verhaftung, 2011 sei einfach „ein schlechtes Jahr für schlechte Menschen“. Gelänge es den serbischen Behörden nun noch, auch für Goran Hadžic, dem letzten noch flüchtigen Angeklagten des Haager Tribunals, ein schlechtes Jahr zu bereiten, wäre 2011 wahrlich ein gutes Jahr für den Balkan.
Doch auch jetzt ist es das schon. Zuvor hatte der zumindest in den ersten Jahren nach dem Sturz des Belgrader Gewaltherrschers Slobodan Miloševic wohl zutreffende Verdacht, den serbischen Behörden sei Mladics Aufenthaltsort durchaus bekannt, die Beziehungen zwischen Serbien und Bosnien vergiftet. Den Belgrader Beteuerungen, Mladic sei untergetaucht, mochte in Sarajevo fast niemand Glauben schenken. Als Boris Tadic am Mittag des 26. Mai in Belgrad die Verhaftung des meistgesuchten Mannes Europas verkündete, war dagegen sofort klar, dass damit auch die Tür zu einem regionalen Neuanfang weit aufgestoßen war.
Zukunftsträchtige Entwicklungen
Es dauerte nicht lange, bis in Sarajevo der bosnische Präsident Bakir Izetbegovic an die Öffentlichkeit trat, um den Serben die Hand auszustrecken. Der Sohn Alija Izetbegovics, des bosnischen Präsidenten der Kriegsjahre, bezeichnete Mladic als Feigling, der zwar den „Mut“ gehabt habe, die Hinrichtung Tausender zu befehlen, aber nicht die Courage, sich der Anklage zu stellen – und lobte die heutige Belgrader Politik in einer Weise, wie das aus Sarajevo sonst nie zu hören ist: „Es ist ein wichtiger Tag für die Zukunft von Bosnien-Hercegovina, Serbien und die ganze Region. Die Entschlossenheit, die Serbien in diesem Fall gezeigt hat, gibt uns Anlass zu glauben, dass wir ein neues Kapitel in unseren Beziehungen beginnen.“
Dieses Kapitel ist nun tatsächlich aufgeschlagen. Dass nach dem bereits im Juli 2008 in Belgrad verhafteten ehemaligen bosnischen Serbenpräsidenten Radovan Karadžic nun auch dessen General endlich vor Gericht steht, entkrampft den unumgänglichen Dialog zwischen Belgrad und Sarajevo. Auf einmal werden Dinge möglich, die noch vor kurzem kaum denkbar schienen. So kam Tadic in der vergangenen Woche zu seinem ersten offiziellen Staatsbesuch nach Bosnien, und wiederum war es Izetbegovic, der ihm rhetorisch den roten Teppich ausrollte: „In Bosnien leben mehr als eine Million Serben, in Serbien mehr als 300.000 Bosniaken. Wir haben guten Grund, die Beziehungen zu verbessern.“
Stumpfe Waffen
Guten Grund gäbe es allerdings auch dafür, die Debatte über die internationale Mitschuld an der Katastrophe von Srebrenica fortzusetzen und sie nicht wie bisher auf die unrühmliche Rolle des in Srebrenica eingesetzten niederländischen Bauhelmbataillons zu beschränken. Die eingeschlossenen Muslime hatten sich nach dem Fall ihrer Enklave in höchster Not auf das Gelände des niederländischen UN-Bataillons in Potoaric außerhalb der Stadt zu flüchten versucht. Die den Serben militärisch unterlegenen Niederländer unter Befehl von Oberst Karremans verweigerten ihnen jedoch den Schutz.
Als Mladic dann persönlich in Srebrenica Einzug hielt, bat Karremans um Verschonung für sich und seine Einheit, die ihm auch gewährt wurde – während die Serben die muslimischen Männer im kampffähigen Alter von den Frauen und Kindern trennten und später töteten. Karremans‘ Verhalten gegenüber Mladic ist alles andere als ein Lehrbeispiel soldatischer Tugend, doch die Todesangst der den Serben numerisch und waffentechnisch unterlegenen, im Stich gelassenen Niederländer ist verständlich. Dem Mladic jener Tage wäre zuzutrauen gewesen, auch die Niederländer ermorden zu lassen, hätten sie sich ihm in den Weg gestellt.
Die Wurzel des Übels lag nicht in dem Verhalten der Niederländer, die nicht in einem Krieg sterben wollten, mit dem sie nichts zu tun hatten. Die schwarze Stunde von Srebrenica hat eher mit der mangelnden Rückendeckung der Niederländer durch höhere Stellen zu tun – und mit dem völlig unzureichenden Mandat der Bauhelmtruppen in Bosnien sowie der skandalösen Verantwortungsscheu der Vereinten Nationen. Ohne geeignete Bewaffnung und ausreichendes Mandat konnte „Dutchbat“ nichts ausrichten. Die UN-Truppen waren eine stumpfe Waffe.
Verharmlosungen seltener
Auch in Serbien ist die Debatte darüber, was in Srebrenica geschehen ist, noch lange nicht abgeschlossen. Zwar ist die Leugnung des Massakers heutzutage selten geworden – zu überwältigend, zu eindeutig sind die Beweise für den tausendfachen Massenmord unweit der Drina. Häufiger ist der Versuch, das Geschehene zu verharmlosen, indem man es gegen die ebenfalls in der Region begangenen Morde an serbischen Zivilisten aufzurechnen versucht. Der Hinweis auf serbische Opfer ist berechtigt, wird aber meistens von Kräften vorgebracht, die den Völkermord in Bosnien als Nullsummenspiel betrachten und denen es nicht um die Wahrheit, sondern um deren Verdrehung geht. Auch dieser Relativismus wird aber seltener in Serbien.
Dazu hat unter anderem der verdienstvolle Belgrader Enthüllungsjournalist Dejan Anastasijevic beigetragen, der als einer der wenigen serbischen Journalisten während der jugoslawischen Kriege auch von der anderen Seite der Front berichtete und seinen Lesern ein ungeschminktes Bild des Krieges vermittelte. Anastasijevic hat vor einigen Jahren unter dem Titel „Srebrenica für Anfänger“ die unbestreitbaren Tatsachen zum Verlauf des Massakers zusammengefasst und mit seinem Text eine ungeahnte, bis heute andauernde Wirkung erzielt. Die Behauptung, Mladic habe in Srebrenica einfach nur „das Serbentum verteidigt“ ist heutzutage jedenfalls nur noch selten zu hören.
Die „Jugosphäre“ lebt
Das mag auch daran liegen, dass im ehemaligen Jugoslawien eine erste Nachkriegsgeneration heranwächst, die neben den lange überbetonten Unterschieden auch wieder Gemeinsamkeiten entdeckt. Jugoslawien ist untergegangen, die „Jugosphäre“ aber, also der bei allen Unterschieden eben doch gemeinsame Raum von verwandten Sprachen, Erinnerungen und kulturellen Traditionen, hat überlebt und wächst sogar wieder enger zusammen.
Junge Serben fahren nach Dalmatien in den Sommerurlaub, viel tausend Slowenen und Kroaten verbringen die Silvesternacht in Serbiens Hauptstadt, auch zwischen Sarajevo und Belgrad gewinnt der kulturelle Austausch an Intensität. Die „Jugosphäre“ lebt. Die einst serbokroatisch genannte Sprache hat heute wieder viele verschiedene Namen, doch ihre Sprecher – Kroaten, Serben, Bosnier, Montenegriner – können sich ohne Schwierigkeiten verständigen. Manche Themen bleiben natürlich heikel – aber man muss ja nicht immer über Politik sprechen.
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Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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