11.11.2009 · Nie war ein Bundeskanzler bereit zu tun, was Angela Merkel heute macht: am Pariser Triumphbogen das Ende des Ersten Weltkriegs zu feiern. Sie erfüllt einen Wunsch von Nicolas Sarkozy.
Von Michaela Wiegel, ParisAuf Wunsch des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy hat Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Mittwoch als erster deutscher Regierungschef an den Feierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkriegs in Paris teilgenommen. Beide Politiker legten gemeinsam einen Kranz am Grabmal des unbekannten Soldaten am Triumphbogen nieder.
Frankreich hat nie aufgehört, die Unterzeichnung der Waffenstillstandsvereinbarung vom 11. November 1918 als sinnstiftendes Ereignis für die Nation zu interpretieren. Seit 1922 ist der 11. November ein staatlicher Feiertag. Noch heute ist er der höchste patriotische Feiertag, der ohne Feuerwerk und Sommernachtsbälle wie am 14. Juli auskommt. Den Tag „als Fest des Friedens neu zu beleben“ fordern in einem gemeinsamen Brief der parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung Christian Schmidt und der Staatssekretär für Verteidigung und Kriegsveteranen beim französischen Verteidigungsminister, Hubert Falco.
„Große Geste“ Merkels
Den Besuch der Bundeskanzlerin als „große Geste“ für die deutsch-französische Aussöhnung beschreiben die Staatssekretäre als „Rückbesinnung auf die eigentliche Bedeutung dieses Feiertags“. Da es auf beiden Seiten des Rheins keine Veteranen des Ersten Weltkrieges mehr gebe, obliege es den heutigen Generationen, ihr Andenken zu pflegen, ihr Opfer zu würdigen und dem Gedenken an diesen Konflikt seine ursprüngliche Bedeutung wiederzugeben, heißt es in dem gemeinsamen Schreiben. Das scheint ganz dem französischen Wunsch zu entsprechen, dem Gedenktag nach dem Ableben des letzten französischen Kriegsveteranen, Lazare Ponticelli, am 12. Februar 2008, einen Sinn zu geben.
Nie war ein Bundeskanzler bereit zu tun, was Angela Merkel heute macht: am Pariser Triumphbogen das Ende des Ersten Weltkriegs zu feiern. Sie erfüllt einen Wunsch von Nicolas Sarkozy.
Immer wieder hat der 11. November neue Bedeutungen im kollektiven Gedächtnis erhalten. Zu Beginn stand die Freude über die Wiedergewinnung der 1870/71 verlorenen Provinzen Elsass und Lothringen ebenso wie die erfolgreiche „Revanche“ im Vordergrund, welche das Opfer der Gefallenen (1,4 Millionen französische Soldaten) als sinnvoll erscheinen ließ. Mit Pomp wurde der Tag zum ersten Mal 1920 unter dem Triumphbogen zelebriert. Kriegsminister André Maginot weihte damals das Grabmal des unbekannten Soldaten ein, mit dem alle für das französische Vaterland gefallenen Soldaten geehrt werden. Das Parlament stimmte am 24. Oktober 1922 einem Gesetzentwurf zu, mit dem der 11. November zum staatlichen Feiertag erhoben und der Bau von Kriegerdenkmälern in allen Kommunen Frankreichs gefördert wurde.
Mehr als 35.000 Denkmäler für die Helden des „Großen Krieges“ („La Grande Guerre“) sollten auf diese Weise entstehen. Noch heute versammeln sich Bürgermeister mit Standarte, die örtlichen Notablen und Schaulustige in fast allen Kommunen am 11. November am Kriegerdenkmal. Reden werden gehalten, der verstorbenen Veteranen wird gedacht. Im Vergleich dazu spielt das Ende des Zweiten Weltkriegs im nationalen Bewusstsein eine geringe Rolle. Anders als in Deutschland gibt es in Frankreich auch keinen zwingenden Grund, die Erinnerung an den Zweiten vor die Erinnerung an den Ersten, den „Großen Krieg“, zu schieben. So konnte Präsident Valéry Giscard d'Estaing den 8. Mai als Feiertag abschaffen (erst sein sozialistischer Nachfolger Mitterrand ließ den Gedenktag wieder einführen) und das Ende des Zweiten Weltkrieges am 11. November mitfeiern.
Symbol der „résistance“
Das liegt vielleicht auch daran, dass der 11. November im Zweiten Weltkrieg zum Symbol der „résistance“ gegen die Nazi-Besatzer geworden war. Im Salonwagen von Marschall Foch, in dem am 11. November im Wald von Compiègne bei Rethondes die deutschen Abgesandten den Waffenstillstand unterzeichneten, hatte Hitler am 22. Juni 1940 die französischen Unterhändler unter umgekehrten Vorzeichen den Waffenstillstand signieren lassen. Obwohl es verboten worden war, versammelten sich am 11. November 1940 Oberschüler und Studenten nahe des Arc de Triomphe, ihre Demonstration wurde mit Gewalt niedergeschlagen. Am ersten 11. November nach Ende des Zweiten Weltkrieges ließ General de Gaulle die Särge von 15 Widerstandskämpfern feierlich vom Arc de Triomphe zum Mont Valérien tragen, als letzte Ehrerweisung für die „résistants“.
Schon kurz nach der Befreiung der französischen Hauptstadt hatte General de Gaulle den britischen Premierminister Winston Churchill zum 11. November 1944 nach Paris eingeladen, die militärischen Erfolge zu zelebrieren. Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes, am 11. November 1998, feierte Präsident Chirac die französisch-britische Waffenbrüderschaft in Anwesenheit von Königin Elisabeth II. „Dieses Europa, dass wir verteidigt und befreit haben, es liegt jetzt an uns, seine Stabilität zu verstärken... vor allem, indem wir eine europäische Verteidigung schaffen“, sagte Chirac damals. Er weihte eine Winston Churchill gewidmete Statue auf den Champs-Elysées ein, die der Statue des französischen Regierungschefs Georges Clemenceau gegenübersteht. Zur Statue Clemenceaus pilgert an diesem Mittwoch auch Präsident Sarkozy, um den „Tiger“ genannten Kriegshelden zu ehren, bevor er mit der Bundeskanzlerin zusammentrifft.
1998 hatte sich Bundeskanzler Schröder der Teilnahme an den Feierlichkeiten mit Verweis auf Terminschwierigkeiten entzogen. Obwohl Präsident Chirac die Absage aus Berlin damals nicht kommentierte, belastete sie das deutsch-französische Verhältnis. Unter dem Eindruck des Irak-Krieges ließ Schröder sich dann in die alliierten Feierlichkeiten zum „D-Day“ am 6. Juni 2004 einbinden. Als Antrieb für den europäischen Einigungsprozess hatten schon Staatspräsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl die Begegnung über den Gräbern des Ersten Weltkrieges gesucht. Ihr Händedruck vor dem Beinhaus von Douaumont 1984 ist schon Geschichte.