02.09.2009 · Am 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Deutschlands Schuld bekannt: „Ich gedenke der 60 Millionen Menschen, die durch diesen von Deutschland entfesselten Krieg ihr Leben verloren haben“, sagte sie bei der Gedenkfeier auf der Westerplatte bei Danzig.
Von Konrad Schuller, DanzigSiebzig Jahre nach den Schüssen des deutschen Kriegsschiffes „Schleswig-Holstein“ auf die polnische Festung Westerplatte haben Staatsgäste aus aller Welt am Dienstag in der Hafenstadt Danzig (Gdansk) an den Beginn des Zweiten Weltkrieges erinnert. Zu den Gästen der polnischen Regierung gehörten neben der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin insgesamt zwanzig Regierungschefs.
Bundeskanzlerin Merkel erinnerte bei den Feierlichkeiten an die insgesamt 60 Millionen Kriegsopfer, darunter die sechs Millionen Juden, die durch den Holocaust (größtenteils in Vernichtungslagern, die von den Deutschen auf polnischen Boden errichtet worden waren) ihr Leben verloren. Sie erinnerte an das Leid der Polen im Zweiten Weltkrieg, die am längsten unter deutscher Besatzung gelitten hätten. „Hier auf der Westerplatte gedenke ich als deutsche Bundeskanzlerin aller Polen, denen unter den Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht unsägliches Leid zugefügt wurde.“
Sie versicherte, dass Deutschland nichts an seiner „immerwährenden geschichtlichen Verantwortung“ „umschreiben“ werde. „Das wird niemals geschehen“. Nur in diesem Sinne, „in dem Bewusstsein der Verantwortung Deutschlands, die am Anfang von allem stand“, denke man heute in Deutschland an diejenigen Deutschen, die „in der Folge des Krieges ihre Heimat verloren haben“.
Zugleich würdigte sie die Rolle Polens beim Zusammenwachsen Europas vor zwei Jahrzehnten: „In der Tradition der Solidarnosc in Polen haben die Menschen damals überall das Tor zur Freiheit mutig aufgestoßen. Wir Deutschen werden das nie vergessen.“ Es sei der Auftrag der Deutschen, „die Zukunft im Bewusstsein unserer immerwährenden Verantwortung zu gestalten“. In diesem Geiste habe sich Europa „aus einem Kontinent des Schreckens und der Gewalt in einen Kontinent der Freiheit und des Friedens verwandelt: „Dass das möglich geworden ist, das ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wunder.“
„Stellen uns unserer Geschichte“
Kaum etwas könne den Unterschied zu 1939 besser versinnbildlichen als die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen und die vielfältigen freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern. „Die Einigung Europas und die Freundschaft Deutschlands mit seinen Nachbarn finden ihre Stärke darin, dass wir uns unserer Geschichte stellen“, sagte Frau Merkel.
Die Schüsse auf die Westerplatte im Morgengrauen des 1. September 1939 gelten in der öffentlichen Wahrnehmung als der Anfang des deutschen Überfalls auf Polen, obwohl Historiker heute wissen, dass der Angriff deutscher Stuka-Bomber auf das Städchen Wielun, bei dem 1200 Zivilpersonen getötet wurden, schon einige Minuten früher begonnen hatte.
Schon vor dem Jahrestag waren die geplanten Feierlichkeiten als Gradmesser für den Stand der Beziehungen Polens zu seinen früheren Kriegsgegnern und Verbündeten verstanden worden. Dabei fiel auf, dass die deutsch-polnischen Zwistigkeiten der vergangenen Jahre zuletzt weder in der Politik noch in der öffentlichen Debatte noch eine große Rolle spielten.
Bundeskanzlerin Merkel hatte ihr Kommen früh zugesagt und so dazu beigetragen, dass andere wichtige Gäste sich anmeldeten, unter ihnen die Ministerpräsidenten Frankreichs, Italiens und der Ukraine. Großbritannien ließ sich durch Außenminister Miliband vertreten, der die Enttäuschung über das Fernbleiben Premierminister Browns dadurch milderte, dass er sein Bedauern darüber zum Ausdruck brachte, dass Großbritannien das verbündete Polen 1939 nicht militärisch verteidigt hat.
Unterschiedliche Interpretationen in Moskau und Warschau
Die heftige polnische Verstimmung wegen des befürchteten Ausbleibens wichtiger amerikanischer Vertreter wurde zuletzt dadurch gedämpft, dass in letzter Minute der Sicherheitsberater Präsident Obamas, James Jones, sein Kommen zusagte.
Die größte Aufmerksamkeit richtete sich allerdings am Dienstag auf den russischen Ministerpräsidenten Putin. Die polnische und die russische Öffentlichkeit interpretieren den Zweiten Weltkrieg gegensätzlich, und in den vergangenen Tagen hatten Umfragen gezeigt, wie tief die Unterschiede bis heute sind. In Polen ist eine große Mehrheit davon überzeugt, dass die Sowjetunion durch den Hitler-Stalin-Pakt und das damit verbundene Geheimprotokoll zur Teilung Polens zu den Aggressoren des Krieges gehört.
Erinnerung an Katyn ist wach
Die Erinnerung an den russischen Einmarsch in Ostpolen 17 Tage nach der deutschen Invasion im Westen sowie an die 20 000 polnischen Offiziere und Intellektuellen, die im Frühjahr 1940 in Katyn und anderswo von sowjetischen Schergen ermordet wurden, ist wach. In Russland allerdings wird der Hitler-Stalin-Pakt damit gerechtfertigt, dass alle anderen Mächte Europas einschließlich Polens sich damals mit Nazi-Deutschland arrangiert hätten und Russland einer bevorstehenden Aggression angeblich nicht anders zuvorkommen konnte.
Die russische Presse, unter anderem das staatliche Fernsehen, hatte in den vergangenen Tagen diese These wiederholt und dabei suggeriert, Polen habe sich mit Deutschland zu einem Angriff auf die Sowjetunion verabredet.
Am Dienstag signalisierten beide Seiten nun einerseits, dass bestimmte Deutungsunterschiede zwar weiter bestehen. Putin und der polnische Ministerpräsident Tusk versicherten aber auf einer gemeinsamen Pressekonferenz nach einem Gespräch unter vier Augen, dass man nach Wegen suchen wolle, die Differenzen „Schritt für Schritt“ zu beseitigen. Putin sagte, man sei übereingekommen, die verbliebenen Probleme „gemeinsam zu analysieren“ und versprach, dass die russische Seite zu diesem Zweck „nach dem Grundsatz der Gegenseitigkeit“ ihre Archive öffnen werde.
Das hatten polnische und russische Historiker seit längerem gefordert, unter anderem um die Morde von Katyn bessser untersuchen zu können. Tusk fügte hinzu, man sei übereingekommen, zu diesem Zweck gemeinsame Forschungsinstitute in Polen und in Russland zu schaffen. „Es kann nicht sein, dass in historischen Fragen die polnisch-russischen Beziehungen schlechter sind, als die polnisch-deutschen oder die russisch-deuschen“, sagte er. „Das ist absurd“.
Putin mit Brief an die PolenPutin hatte schon am Montag die Befürchtung, bei den Feierlichkeiten in Danzig könnten die unterschiedlichen Auffassungen in einem Eklat aufeinanderprallen, durch einen „Brief an die Polen“ aus dem Weg geräumt, der in der Zeitung „Gazeta Wyborcza“ veröffentlicht wurde. Darin hatte er unter anderem den Hitler-Stalin-Pakt verurteilt und Bedauern über die Tragödie von Katyn geäußert.
Dennoch zeigte sich am Dienstag auch, wie schwer die polnisch-russischen Differenzen immer noch wiegen. Der polnische Präsident Kaczynski, dessen nationalkonservative Partei „Recht und Gerechtigkeit“ Russland gegenüber viel kritischer ist, als Tusks liberalkonservative Bürgerplattform verglich noch vor Ankunft der internationalen Gäste bei einer Feierstunde am Westerplatten-Mahnmal im Morgengrauen, den Mord von Katyn mit dem Holocaust. Das „Ausmaß“ der beiden Verbrechen sei zwar unterschiedlich gewesen, aber ihre Begründung habe sich geähnelt: „Die Juden starben, weil sie Juden waren, die polnischen Offiziere, weil sie Polen waren“, sagte Kaczysnki.
Auch Putin sparte bei allen freundlichen Worten nicht an Kritik. Er warf Polen vor, schon 1934 einen Nichtangriffspakt mit dem Dritten Reich geschlossen zu haben, und später zusammen mit Deutschland in der Tschechoslowakei eingefallen zu sein. „Alle“ hätten Fehler begangen, aber es gehe nicht an, dass jemand versuche, aus diesem „verschimmelten Brötchen“ die „Rosinen“ herauszupicken und einem anderen die ganze Schuld zuzuschieben. Trotz dieser Differenzen signalisierten beide Seiten den Willen zur Zusammenarbeit. Tusk und Putin unterzeichneten mehrere bilaterale Abkommen, unter anderem eines über den Gashandel, sowie eines, dass die Öffnung des Frischen Haffs zur Ostsee bei bei Pillau (Baltijsk) in der russischen Exklave Kaliningrad für polnische Schiffe öffnen soll. Wegen des Fehlens eines Abkommens dazu war der Zugang aus der Ostsee zum polnischen Hafen Elbing (Elblag) im Frischen Haff lange Zeit gesperrt.
Die Haltung der vorsichtigen Annäherung bei fortbestehenden Differenzen prägte auch die Reden Kaczynskis, Putins und Tusks bei der offiziellen Feier auf der Westerplatte. Tusk verzichtete dabei weitgehend auf Kritik an Russland und erinnerte vor allem an die Opfer des Krieges, unter anderem auch ausdrücklich an die auf polnischem Boden gefallenen Sowjetsoldaten und die Opfer der Bombardierung Dresdens. Präsident Kaczynski kam allerdings auf den Hitler-Stalin-Pakt zurück und sagte, dieser sei eben nicht nur ein Nichtangriffspakt gewesen, sondern auch ein Bündnis zur Aufteilung Europas. Polens Nichtangriffspakt mit Deutschland aus dem Jahr 1934 sei damit nicht vergleichbar, da Warschau das deutsche Angebot, gemeinsam gegen Russland zu ziehen, ausdrücklich abgelehnt habe.
Putin erinnerte daran, dass allein auf polnischem Boden 600 000 Sowjetsoldaten im Kampf gegen Nazi-Deutschland gefallen seien. Er wiederholte seine Kritik am Hitler-Stalin-Pakt, forderte aber abermals, auch andere müssten sich zu ihren Fehlern bekennen. Putin endete seine kurze Ansprache mit der Forderung, die Beziehungen zwischen Polen und Russen müssten eines Tages so gut werden, wie die zwischen Russen und Deutschen.
Natürlich hatten meine VORFAHREN schuld.
Roland Schop (rolop)
- 01.09.2009, 12:54 Uhr
An der Schuld ist nichts zu relativieren
Sönke Peters (soenkepeters)
- 01.09.2009, 13:15 Uhr
Danzig
Torsten Schmidt (driemolen)
- 01.09.2009, 17:03 Uhr
wie auch immer...
Uwe Wagner (view)
- 01.09.2009, 17:06 Uhr
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
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