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Proteste in Gaza : Ins Feuer gelaufen

Brennende Reifen gegen Israel: Ein palästinensischer Protestler an der Grenze zu Israel Bild: Reuters

Mindestens 17 Palästinenser wurden bei Protesten erschossen – viele von israelischen Scharfschützen. Nun steht das Militär in der Kritik. Und die Hamas instrumentalisiert die Toten.

          Die Mitarbeiter der Hamas-Öffentlichkeitsabteilung hatten ein langes Wochenende. Über der Tür des bröckelnden Betonrohbaus im Norden von Gazastadt hängt ein Plastikplakat, darauf das blasse Bild eines Jungen und der übliche Schriftzug der „Islamischen Widerstandsbewegung“. Hier in der Gegend wohnte Badr Sabag, und jetzt haben sich die Verwandten im Elternhaus versammelt, um ihnen und den Geschwistern des Erschossenen zu kondolieren: die Männer in der speckigen Sofaecke, die Frauen und Kinder in der Küche. Muhammad war dabei, als sein zwanzig Jahre alter Bruder erschossen wurde. Er zeigt Fotos voller Blut und rotgetränkter Verbände aus dem Krankenwagen und ein Handyvideo aus dem Leichenschauhaus, auf dem es dann nicht mehr aus Badrs Kopf blutet. Zu sehen ist ein kleines Einschussloch am unteren Hinterkopf und ein Krater auf Badrs Stirn, das Austrittsloch.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          „Ich bin gegen 11 Uhr vormittags am Freitag mit ein paar Freunden an die Grenze gegangen“, sagt der 28 Jahre alte Muhammad, „Badr kam gegen 15 Uhr nach mit ein paar Freunden, wir waren ungefähr vierhundert Meter weg von dem Zaun.“ Badr habe ihm noch erzählt, dass einem Cousin gerade ins Bein geschossen worden sei. Dann habe Badr ihn um eine Zigarette gebeten. „Mir ist langweilig“, habe er gesagt. Andere Augenzeugen berichten, dass Palästinenser ungefähr zu dieser Zeit mit Steinen in Richtung des Zaunes geworfen hätten. Dahinter hatte Israel einen Erdwall aufgeschüttet, auf dem entlang der Grenze mehr als einhundert Scharfschützen lagen.

          Muhammad sagt, um sie herum hätten viele andere Demonstranten gestanden, sie seien nicht die einzigen an dieser Stelle gewesen. Hatte der Scharfschütze vermutet, die Zigarettenschachtel hätte ein Molotow-Cocktail sein können? Und wenn ja, rechtfertigt das einen Kopfschuss? „Wir wissen exakt, wo jeder unserer Schüsse gelandet ist“, teilte die Sprechereinheit der israelischen Streitkräfte später auf Twitter mit, bis sie die Mitteilung wieder löschte. Verteidigungsminister Avigdor Lieberman sagte: „Alle unsere Truppen verdienen eine Medaille.“

          Badr habe einen Job in einer Metallwerkstatt gehabt. Sein Bruder sagt: „Wenn wir gewusst hätten, dass so viel geschossen wird, dann wären wir nicht hingegangen.“ Weder er noch Badr noch jemand anders aus der Familie sei Mitglied irgendeiner Partei. „Zwei Leute der Hamas kamen vorbei, haben dieses Plakat aufgehängt, kondoliert und sind wieder gegangen“, sagt ein Familienmitglied, das auf dem Sofa sitzt. „Sie haben bisher nichts für uns getan, und jetzt haben sie auch nichts für uns getan.“ Muhammad sagt, er sei stolz auf seinen Bruder.

          Badr ist einer von mindestens 17 Palästinensern, die am Freitag an verschiedenen Orten entlang der Grenze im Gazastreifen erschossen wurden. Er und drei weitere Tote sollen aus Gazastadt stammen. Bei den drei anderen Getöteten handelt es sich nach Angaben der israelischen Armee um Mitglieder bewaffneter Organisationen. Die Hamas sagt, fünf der 17 Toten gehörten zu ihr. Sie und dreißigtausend weitere Menschen hatten an einer Veranstaltung teilgenommen, die palästinensische Organisationen einen friedlichen „Marsch der Rückkehr“ nannten. Zu einem wirklichen Marsch kam es nicht. Einige Palästinenser gingen und liefen auf den Grenzzaun zu, warfen Steine und zündeten Reifen an. Es endete in einem Blutbad, das es in Gaza seit dem letzten Krieg 2014 nicht mehr gegeben hat: Am frühen Freitagmorgen war ein Bauer von einer Panzergranate auf seinem Feld getötet worden. Im Laufe des Tages wurden vierzehn Demonstranten erschossen. Und abseits der Demonstrationen griffen am Freitagabend zwei Bewaffnete mit Sturmgewehren eine Grenzanlage an und wurden ebenfalls getötet, ihre Leichen nach Israel verbracht. Insgesamt achthundert Menschen wurden von scharfer Munition getroffen, siebenhundert weitere durch Tränengas und Gummigeschosse verletzt.

          Nun ist der Gazastreifen nach langer Zeit wieder in den Nachrichten, und die Hamas kriegt sich kaum ein vor Freude. Am Wochenende pries Politbürochef Ismail Hanija die Kinder, die an der Demonstration teilgenommen hatten. Einem neun Jahre alten Jungen verlieh der Hamas-Anführer eine Auszeichnung. Er war dabei fotografiert worden, wie er sich eine Zwiebel in seinen Mundschutz steckte gegen das israelische Tränengas.

          Hamas-Sprecher Hazem Qasem ist guter Laune und ausgeschlafen. Auf die Frage, ob seine Organisation Kinder als Teil der Bewegung sieht, antwortet er: „Hanija hat sich bedankt, dass der Marsch friedlich war und die Leute mit ihren Familien kamen, dass Kinder dabei sind, ist ganz natürlich.“ Qasem sagt, die Hamas instrumentalisiere keine Kinder für ihre politischen Aktivitäten. Aufgenommen werde erst, wer 16 Jahre oder älter ist. War der Preis nicht trotzdem zu hoch? „Fragen Sie das die Israelis, die auf unbewaffnete Menschen geschossen haben aus sicherer Entfernung, keiner ihrer Soldaten hat auch nur einen Kratzer abbekommen.“ Politisch sei der „Marsch der Rückkehr“ ein voller Erfolg gewesen, sagt der Hamas-Sprecher. „Der Fall der Palästinenser ist wieder eine internationale Sache geworden, jedem ist klargeworden, dass Israel ein gewaltsamer Staat ist, unsere Menschen und Parteien in Gaza haben sich geeint versammelt und sind friedlich geblieben.“

          Keine Mittel gegen Volksaufstände

          Die Hamas steht auf einmal wieder im Licht der Weltöffentlichkeit. Und hat sich an die Spitze der palästinensischen Sache gesetzt, während der eigentliche Präsident Mahmud Abbas in Ramallah wie gelähmt scheint. Den zusammengeschossenen Menschen in Gaza kann Abbas jetzt noch schwerer Geld und Stromlieferungen kürzen, ohne vollends als Verräter dazustehen – eine Maßnahme, mit der Abbas die islamistische Hamas eigentlich in die Knie zwingen möchte. Die Hamas, die im heruntergewirtschafteten Gazastreifen nur noch wenige mögen, erzielte einen Propagandaerfolg, ohne dafür eine einzige Schule gebaut zu haben. Die Islamisten haben ein altes Mittel in neuem Gewand genutzt: einen per Handyvideo verbreiteten Volksaufstand.

          Gegen Raketen hat Israel längst das wirkungsvolle Abwehrsystem „Iron Dome“ im Einsatz, gegen die Hamas-Tunnel wird demnächst eine unterirdische Sperranlage fertig, und eine militärische Auseinandersetzung würde die Hamas nach 2009, 2012 und 2014 auch ein viertes Mal unter großen eigenen Verlusten verlieren. Aber gegen einen vermeintlich friedlichen Volksaufstand hat Israel kaum militärische Mittel, deren Einsatz gegen Zivilisten sich dauerhaft rechtfertigen lässt – selbst wenn einige Demonstrationsteilnehmer einen Hamas-Parteikoran zu Hause haben. „Jeder hat am Freitag freiwillig teilgenommen als Zivilist“, sagt Qasem. Welcher Partei man angehöre, sei nicht zu erkennen gewesen. Und Parteizugehörigkeit würde einen tödlichen Schuss keinesfalls rechtfertigen.

          Allein im Shifa-Krankenhaus, dem größten im Gazastreifen, wurden am Freitag 282 Verletzte eingeliefert, darunter siebzig Kinder unter 18 Jahren. Doktor Yusri Sahabati sagt, elf Patienten sei in den Kopf oder in die Brust geschossen worden, fünf von ihnen seien gestorben. Doch die meisten Schüsse gingen in die Hüfte oder noch tiefer. „Aber machen Sie sich bewusst, dass eine zerfetzte Arterie im Bein ebenfalls lebensgefährlich ist und bei einigen Beinschüssen amputiert werden muss.“ Viele der weniger schwer Verletzten, etwa bei glatten Durchschüssen durch das Bein, habe man rasch nach Hause schicken müssen, weil die Betten knapp sind. „Niemand will nach Hause, weil sie dort dann ihre Verbände und Medikamente selbst kaufen müssen, aber sie haben kein Geld, wirklich nichts.“ Sahabati lässt eine Tirade gegen die Herrschaft der Hamas los, die nicht zu zitieren ist. Jedenfalls erwähnt er, dass ihm die Behörden von 1700 Dollar Monatsgehalt seit Jahren nur dreihundert auszahlen. Es folgt ein Wortschwall gegen Israel. „Irgendwann ist es für mich nicht mehr zu verkraften, tote Kinder zu sehen“, sagt Sahabati.

          Eine Plastikrose und Schokolade

          Die Vorräte seines Krankenhauses seien am Freitagabend aufgebraucht gewesen, doch habe das Rote Kreuz rasch mit Material ausgeholfen. In einem nach Chemikalien und Schweiß riechenden Raum mit acht Betten liegt Muhammad al Aqad, 15 Jahre. Neben und hinter dem Bett sitzen seine Mutter, eine Tante, ein Cousin und zwei weitere Verwandte. Aqad hat eine Schusswunde im Oberschenkel. Freitag habe er die Demonstrationen verpasst, sagt er matt, aber sich am Samstag mal alles anschauen wollen. Seine Mutter kam mit. „Ich wollte nicht, dass er da allein hingeht.“ Aqad sagt, er habe an den Zelten gerade etwas gegessen, als ein Schuss erst über seinen Kopf ging und dann in sein Bein, dann sei er umgefallen. Es bleibt ungewiss, wo die Mutter zu dem Zeitpunkt war. Die Aqads sind eine Bauernfamilie. Mutter Aqad, die Wortführerin, erzählt von ihrem Land an der Grenze, das angeblich auch auf israelischem Boden liege. „Wir haben die Besitzpapiere zu Hause“, behauptet sie.

          Über dem Krankenhausbett auf dem Bord steht eine Steinskulptur, in die eine Landkarte des gesamten „historischen Palästinas“ eingelassen ist. Die „Palästinensische Parteienbewegung“, in der auch die Hamas mitwirkt, hat sie dem Jungen ans Krankenbett bringen lassen, zusammen mit einer dünnen Plastikrose und etwas Schokolade. Später wird jemand sagen, dass man früher deutlich mehr bekommen habe, aber jetzt sei bei den Herren von der Hamas wohl das Geld knapp geworden.

          Die Hamas und andere Gruppen hatten Busfahrten organisiert, Bürger auf ihren Mobiltelefonen angerufen und sie daran erinnert, auch an die Grenze zu kommen. Der Zuspruch blieb trotz allem mäßig. Rund dreißigtausend Demonstranten versammelten sich am Freitag, um zu demonstrieren – Hamas-Sprecher Qasem behauptet: 120.000. Inoffiziell hatten die Organisatoren das Ziel ausgegeben, fünfzigtausend Menschen zu mobilisieren, heißt es. Doch ließ sich offenbar kaum mehr als ein Prozent der zwei Millionen Einwohner des Gazastreifens auf die Felder vor den Zaun bewegen. Am Sonntag sind die Protestzelte östlich von Gazastadt fast alle leer. Ein paar Dutzend Jugendliche zeigen aufgeregt Geschossreste herum. Die Israelis liegen siebenhundert Meter entfernt – das Ende der von Israel bestimmten Pufferzone auf dem Gebiet des Gazastreifens. Die Palästinenser haben sie mit einem kleinen Erdhaufen kenntlich gemacht.

          „Bei Demonstrationen gibt es Tote“

          Einer der Ersten, der die Idee der Protestveranstaltung hatte, heißt Ahmed Abu Arteima, ein 34 Jahre alter Schriftsteller aus Khan Younis, der Anfang Dezember einen Text auf Facebook veröffentlichte, nachdem Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hatte: Was würde passieren, schrieb Arteima, wenn einhundert Menschen an die Grenze gehen und friedlich dafür demonstrieren, in ihr altes Land zurückkehren zu können? Viele Menschen hätten auf seine Worte reagiert, sagt er. Und nach drei Wochen hätten sich die ersten Parteien den Aufruf zu eigen gemacht, auch die Hamas. „Ich glaube nicht an unsere politischen Parteien, bin unabhängig.“ Aber über die Unterstützung habe er sich doch gefreut.

          Huwiya Kraira, eine Studentin in Gazastadt, sagt: „Ich kann nicht verstehen, dass Menschen so dumm sein können, da hinzugehen. Wenn es Demonstrationen gibt, ist klar, dass es Tote gibt. Wir wissen, dass die Juden mit Gewalt auf jede Form von Protest reagieren.“ Ihre Landsleute würden für etwas kämpfen, das nie zurückkommen werde. „Was haben sie erreicht? Ist irgendjemand ,zurück in die Heimat‘ gekehrt?“ Kraira malt Anführungszeichen in die Luft. Ihre Landsleute seien manchmal „so einfach, so naiv“. Dabei gäbe es Dringenderes als eine Rückkehr: „Wasser, das Recht zu reisen, Strom – dafür sollten wir kämpfen.“ Kraira vermutet, dass mindestens zwei Drittel der Menschen in Gaza so denken wie sie. Den Gazastreifen hat sie noch nie in ihrem Leben verlassen.

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