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Gaza-Konflikt Kaum Fluchtmöglichkeiten

 ·  Die israelische Armee greift immer häufiger Ziele in den Wohnvierteln von Gaza an. Es herrschen Angst und Chaos - der Hamas wird nicht die Schuld daran gegeben.

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© UPI/laif Vergrößern Getroffen: Hausruine in Gaza

Während des Telefongesprächs ertönt im Hintergrund ein dumpfer Knall. „In Gaza gibt es keinen sicheren Ort mehr. Es wird überall bombardiert. Schutzräume haben wir auch nicht“, sagt der Menschenrechtler Issam Junes, dessen Büro mitten in Gaza-Stadt liegt. Seit dem Wochenende greife die israelische Armee immer häufiger Ziele in Wohnvierteln des Gazastreifens an, berichtet der Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation „Al Mezan“, zumindest hörbar unbeeindruckt vom Luftangriff in der Nachbarschaft. Mehr als 40 Ziele beschoss die israelische Armee alleine bis zum frühen Dienstagnachmittag. In der Nacht war die Zahl der palästinensischen Toten auf mehr als hundert gestiegen.

„Die Mehrheit der Getöteten sind Zivilisten“, sagt Junes. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die palästinensische Menschenrechtsgruppe PCHR. Nach ihrer Zählung wurden bis Dienstagmittag 23 Kinder und 12 Frauen getötet. Siebzig der insgesamt 105 Toten gehörten demnach der Zivilbevölkerung an. Unter den 805 Verletzten seien 786 Zivilisten gewesen: 223 Kinder und 130 Frauen. Die unabhängigen Menschenrechtler, die sich in der Vergangenheit auch nicht scheuten, die regierende Islamistenorganisation Hamas zu kritisieren, bemühen sich, jedem Todesfall nachzugehen. Ihre Liste vermerkt für Sonntagnachmittag zum Beispiel in Beit Lahia im Norden den Tod von Suhail Hamada und den seines zehn Jahre alten Sohnes Aschur: Er habe seinen Vater begleitet, der mit seinem Tankwagen Trinkwasser lieferte. In Gaza-Stadt müssen sich viele Menschen sauberes Wasser kaufen, weil das Wasser aus den Leitungen nicht trinkbar ist. Vater und Sohn wurden durch eine israelische Rakete getötet. In einem weiteren Fall sollen ein Palästinenser und sein Sohn bei einem Luftschlag getötet worden sein, als sie einen Wassertank auf dem Dach ihres Hauses reparierten.

Solche Angaben lassen sich im Chaos, das in Gaza-Stadt seit sieben Tagen herrscht, nur schwer überprüfen. Auch die israelische Armee hilft dabei nicht weiter und hält sich mit Informationen zurück: Man sei sich sicher, dass die Mehrheit der Getöteten an „militärischen und terroristischen Aktivitäten“ beteiligt gewesen sei, sagte am Dienstag eine Sprecherin knapp. Nachdem am Sonntagabend eine palästinensische Großfamilie getötet worden war, hieß es von Seiten des israelischen Militärs nur, der Vorfall werde überprüft. Einwohner aus Gaza-Stadt berichten, dass die Armee Flugblätter abgeworfen und mit Anrufen auf ihren Mobiltelefonen vor bevorstehenden Angriffen gewarnt habe. Am Montag wurden offenbar - wie schon im Gaza-Krieg vor vier Jahren - wieder Warnschüsse abgefeuert, um Zivilisten rechtzeitig aus einem Gebäude zu vertreiben, das die Luftwaffe wenig später bombardierte. Doch in Gaza gibt es keine sicheren Fluchtmöglichkeiten, so dass bei dem Angriff mehr als ein halbes Dutzend Menschen verletzt wurden.

Angriffe auf Wohnhäuser in überbevölkerten Vierteln

In den ersten Tagen der Militäraktion hatten die israelischen Streitkräfte vor allem Raketen- und Munitionsdepots beschossen, die nicht im Zentrum des Gaza-Streifens lagen. Jetzt mehren sich die Angriffe auf Wohnhäuser in oft übervölkerten Vierteln, in denen offenbar gesuchte Terroristen vermutet werden, wie Einwohner aus Gaza-Stadt berichten. Auch Schulen und ein von Jordanien gestiftetes Krankenhaus seien beschädigt worden.

Israelische Armeesprecher betonen, dass die Luftwaffe sehr vorsichtig vorgehe und laufende Angriffe notfalls in letzter Minute abbreche. Doch bleibt es äußerst riskant, im nur 360 Quadratkilometer großen Gazastreifen Krieg zu führen, der eines der am dichtesten bevölkerten Gebiete auf der Welt ist. Wie viele Menschen zwischen Beit Lahia im Norden und Rafah im Süden leben, kann niemand genau sagen. Nach jüngsten Schätzungen sind es mittlerweile mehr als 1,7 Millionen Palästinenser. Und die Bevölkerung des Gazastreifens ist sehr jung: Das Durchschnittsalter liegt bei 17 Jahren. Eine halbe Million Schüler müssen seit dem vergangenen Mittwoch wegen der neuen Runde der Gewalt zuhause bleiben. Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 30 Prozent; 1,2 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Ein UN-Bericht stellte im August in Zweifel, ob Gaza in zwanzig Jahren angesichts von Bevölkerungswachstum und Ressourcenknappheit überhaupt nach ein Ort sei, an dem man menschenwürdig leben kann. Seit der Geiselnahme des israelischen Soldaten Gilad Schalit durch militante Palästinenser und die gewaltsame Machtübernahme Hamas im Jahr darauf, hat Israel den Gazastreifen nahezu vollständig abgeriegelt. In den vergangenen Monaten konnten allerdings immer mehr Palästinenser über den Übergang in Rafah nach Ägypten ausreisen.

Nun aber fürchten Einwohner von Gaza den Beginn einer blutigen israelischen Bodenoffensive wie vor vier Jahren. „Die Kinder sind körperlich unversehrt, aber noch traumatisiert vom vergangenen Krieg“, berichtet der Politikwissenschaftler Usama Antar am Telefon aus Gaza. Bisher sei die Lage jedoch noch nicht so schlimm wie damals: Der Grenzübergang in Rafah ist bisher nicht geschlossen. Die zahlreichen arabischen Delegationen brachten Medikamente und anderes Hilfsmaterial mit; einige schwerer Verletzte Patienten wurden in ägyptische Krankenhäuser gebracht. „Die Menschen im Gazastreifen rücken zusammen. Für sie ist es kein Krieg, den Israel gegen die regierende Hamas-Organisation führt, sondern gegen ganz Gaza“, sagt Usama Antar. Für sie sei klar, dass es die israelische Armee war, die angegriffen habe. Auf ein militärisches Abenteuer der Hamas hätten viele wahrscheinlich verärgert reagiert.

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