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Gaza-Konflikt Eine Offensive mit Strategie?

 ·  Kommt es zu einer israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen? Ein Krieg mit Verlusten unter den eigenen Soldaten ist zwei Monate vor der Wahl für die Regierung Netanjahu ein riskantes Unterfangen. Gleichwohl hatte der getötete Hamas-Militärführer Dschabari das israelische Militär unter Zugzwang gesetzt.

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Die Menschen im Süden haben längst gelernt, mit dem schrillen Klang zu leben. Für die Einwohner von Tel Aviv und Jerusalem war es ein Schock, als die Sirenen ertönten und die Stadtverwaltungen die Schutzräume aufsperrten. Seit Saddam Hussein im Jahr 1991 während des Golfkriegs Israel mit Scud-Raketen angegriffen hatte, gab es in den beiden Großstädten in der Mitte des Landes keinen Luftalarm mehr.

Für die eine Million Einwohner Südisraels gehört die Angst vor den Raketen aus Gaza seit sieben Jahren zum Alltag; im Sommer 2005 hatte sich Israel vollständig aus dem Gazastreifen zurückgezogen: Allein im Jahr 2012 waren schon mehr als 800 Raketen eingeschlagen, bis die israelische Regierung sich am vergangenen Mittwoch dazu entschloss, gegen die Hamas in Gaza durchzugreifen.

Während sich die Menschen in Jerusalem und Tel Aviv und Jerusalem erst daran gewöhnen mussten, dass der Gaza-Krieg nun auch sie erreichte, hatten die Einwohner des Südens fast erleichtert auf den Beginn der Militäraktion „Säule der Verteidigung“ reagiert - auch wenn bei ihnen seit fünf Tagen ein Luftalarm den anderen jagt: Viele israelische Anlieger des Gazastreifens fühlten sich von Regierung und Militär im Stich gelassen, als die Hamas und ihre Verbündete ihre Angriffe verstärkten.

Der Wahlkampf ruht

Dieser Vorwurf wurde für Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seine Koalitionspartner auch innenpolitisch brisant, denn sie wollen am 22. Januar 2013 wiedergewählt werden. Traditionell kann Netanjahus Likud-Partei Wähler mit dem Argument überzeugen, dass sie am besten für die Sicherheit Israels sorgt.

Seit Beginn des Überraschungsschlags gegen die Hamas ruht in Israel der Wahlkampf: Israel rückt in Krisen- und Kriegszeiten zusammen. So wollte Ehud Olmert angeblich am vergangenen Donnerstag seine Kandidatur bekannt geben. Der ehemalige Ministerpräsident ist der einzige prominente Politiker, der Netanjahu als Herausforderer gefährlich werden könnte.

Die israelische Regierung sah sich nicht nur aus innenpolitischen Gründen unter Zugzwang. „Die Hamas wollte eigenmächtig die Spielregeln des Konflikts ändern“, sagt Dan Harel, der bis 2006 die israelischen Truppen im Süden Israels kommandierte. Die Arsenale der in Gaza herrschenden Islamisten seien für diesen Zweck mit Nachschub aus Iran und Libyen gut gefüllt gewesen.

Hamas-Politiker in Gaza gaben zu, dass sie während des israelischen Wahlkampfs in den nächsten Monaten mit keiner massiven Vergeltung rechneten. Das ließ die bewaffneten Einheiten des getöteten Militärführers Dschabari und die anderen Terrorgruppen immer aggressiver werden. Die Abstände zwischen den Waffenruhen der vergangenen Wochen wurden immer kürzer.

„Brillanter Eröffnungszug“

Für seinen Überraschungsschlag erhielt Netanjahu selbst von seinen Kritikern viel Lob. Israelische Kommentatoren schwärmten von einem „brillanten Eröffnungszug“, der der Hamas einen schweren Schlag versetzt habe. Doch weisen sie auch darauf hin, dass zu Beginn des zweiten Libanonkriegs im Jahr 2006 gut 80 Prozent der Israelis die Offensive gegen die Hizbullah unterstützen. Am Ende waren wegen des unbefriedigenden Ausgangs nur wenige Prozent übrig geblieben.

Führende Militärs sagen zwar, dass die Militäraktion „nach Plan“ verlaufe. Fünf Tage nach dem Beginn der jüngsten Operation gab es am Wochenende zwar erste Anzeichen dafür, dass die Hamas bereit ist, über eine Waffenruhe zu verhandeln; in Kairo laufen offenbar intensive Verhandlungen. Die Raketenangriffe hörten in der Nacht zum Sonntag fast auf, begannen am Morgen aber wieder.

© reuters, Reuters Vergrößern Video: Keine Feuerpause im Gaza-Konflikt

Im Gaza-Krieg vor vier Jahren dauerte es eine Woche, bis sich die Regierung zu der Bodenoffensive durchrang, vor der Netanjahu und sein Verteidigungsminister Barak immer noch zurückschrecken, obwohl sie schon tausende Reservisten einberiefen. Doch ein Krieg mit Verlusten unter den eigenen Soldaten ist gut 60 Tage vor der Wahl ein riskantes Unterfangen. Die israelische Führung müsse sich bald entscheiden, ob sie die Operation ausweiten oder langsam beenden wolle, erwartet daher die Zeitung „Haaretz“.

Für Ephraim Halevy, früherer Direktor des Auslandsgeheimdienstes Mossad, ist jedoch der jüngste Waffengang ein weiteres Beispiel dafür, dass bisher „keine israelische Regierung eine Strategie für die Zukunft des Gazastreifens“.

Er sieht drei mögliche Entwicklungen: Entweder bleibe Hamas an der Regierung oder der (radikalere) Islamische Dschihad übernimmt die Macht oder es gibt am Ende überhaupt keine Zentralgewalt mehr. „Wenn unser Ziel ist, die Hamas zum Zusammenbruch zu bringen, muss Israel am Ende den Gazastreifen wieder ganz besetzen“, sagt der ehemalige Geheimdienstler warnend. Doch davon ist in Jerusalem nicht die Rede.

Ebensowenig möchte man die Hamas durch den Islamischen Dschihad ersetzt sehen. Die verbleibende Alternative kennt Ehud Barak, der schon Verteidigungsminister vor vier Jahren war, aus eigener Erfahrung: Im Jahr 2009 überlebte die Hamas geschwächt die israelische Offensive. Zwei Jahre herrschte dann relative Ruhe im Süden. Dann begannen die Islamisten sich zu reorganisieren und aufzurüsten.

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