05.06.2010 · Israelische Marinesoldaten haben ein irisches Hilfsschiff gestürmt, das Hilfsgüter in den blockierten Gazastreifen bringen wollte. Nach israelischen Angaben wurde keine Waffengewalt angewandt. Das Schiff hatte trotz mehrerer Aufforderungen nicht gestoppt.
Von Hans-Christian Rößler, JerusalemDas alte irische Frachtschiff hatte es fast nach Gaza-Stadt geschafft. Erst rund 30 Seemeilen vor der Küste enterte ein israelisches Marinekommando am Samstagvormittag die „Rachel Corrie“. Damit brachte die Armee das siebte und vorerst letzte Schiff der internationalen „Solidaritätsflotte“ auf. Am Montagmorgen hatten Soldaten einer Spezialeinheit rund hundert Kilometer vor der israelischen Küste die ersten sechs Schiffe gestürmt; dabei waren mindestens neun Aktivisten ums Leben gekommen.
Die Marinesoldaten hätten die „Rachel Corrie“ mit „Einwilligung der Besatzung“ betreten, ohne dass es zu gewaltsamen Vorkommnissen gekommen sei, teilte die Armee mit. Der Kapitän sei zuvor mehrfach vergeblich aufgefordert worden, nicht nach Gaza weiterzufahren, vor dessen Küste die israelische Armee seit Jahren eine Seeblockade unterhält. Eine Sprecherin der Organisatoren der Gruppe „Free Gaza“ bestätigte am Samstagmittag nur, dass die israelische Marine das Schiff in ihrer Gewalt habe und sprach von einer „Entführung“. Zudem kündigte sie an, dass sich weitere Schiffe auf den Weg nach Gaza machen würden, ohne einen Zeitpunkt dafür zu nennen.
Hamas: Es geht nicht darum, sich „die Bäuche zu füllen“
Die israelische Armee stellte am Nachmittag Luftaufnahmen ins Internet, die zeigen sollten, wie die Soldaten ohne Gegenwehr auf das Schiff kamen. Auf dem türkischen Passagierschiff „Mavi Marmara“ hatte am Montagmorgen eine Gruppe türkischer Aktivisten erbitterte Gegenwehr gegen die israelischen Soldaten geleistet, wie von der israelischen Armee verbreitete Videoaufnahmen zeigten. Am Abend kündigte die israelische Polizei an, dass Besatzung und Passagiere nach der Entladung des Schiffs an Bord zurückkehren dürften. Es sei nicht nötig, sie länger zu befragen und festzuhalten, da es bei der Übernahme des Schiffs - anders als am Montag - zu keiner Gewalt gekommen sei. Später werde die Marine die „Rachel Corrie“ in internationale Gewässer eskortieren.
Die amerikanische Regierung hatte noch am Morgen den Aktivisten auf der „Rachel Corrie“ dringend davon abgeraten, es auf eine Konfrontation ankommen zu lassen und weiter Kurs auf den Gazastreifen zu halten. Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, Mike Hammer, machte aber auch deutlich, dass auch Washington mit der Blockade des von der radikalen Hamas beherrschten Gazastreifens durch Israel nicht glücklich ist. „Die derzeitige Regelung ist nicht haltbar und muss geändert werden“, sagte er.
Im Hafen der israelischen Stadt Aschdod wurden seit dem frühen Abend die Hilfsgüter der „Rachel Corrie“ entladen, überprüft und sollen dann nach Gaza gebracht werden. Die im Gazastreifen regierende Hamas hat jedoch zuvor schon die Annahme der Ladung der anderen Schiffe verweigert. Der Hamas-Regierung gehe es nicht darum, dass man sich in Gaza „die Bäuche fülle“, sondern um ein Ende der Blockade, sagte ein Hamas-Sprecher am Wochenende. Von Anfang an hatten die Organisatoren, die die „Rachel Corrie“ auf den Weg geschickt hatten, klargestellt, dass sie nur passiven Widerstand leisten wollten. An Bord des altersschwachen irischen Frachters waren nach Angaben der Organisatoren elf Passagiere und acht Besatzungsmitglieder aus fünf Staaten. Zu ihnen zählten die nordirische Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire, der frühere UN-Diplomat Denis Halliday und ein Mitglied des malaysischen Parlaments.
Das in Phnom Penh registrierte Schiff wurde mit Mitteln eines Fonds gekauft, den der frühere malaysische Ministerpräsident Mahathir Mohamad gegründet hatte, sowie mit Unterstützung der malaysischen „Perdana Global Peace Organization“. Der Frachter war mit 1200 Tonnen medizinischen Hilfsgütern, Zement und Papier beladen. Er ist nach der amerikanischen Aktivistin Rachel Corrie benannt, die 2002 im Gazastreifen von einer Planierraupe der israelischen Armee überrollt wurde, als sie dort gegen den Abriss von Häusern demonstrierte.
Bei der Fahrt der „Rachel Corrie“ spielte die türkische Hilfsorganisation IHH keine Rolle, der Israel vorwirft, Kontakte zu internationalen Dschihadisten zu unterhalten. Die IHH hatte einen Großteil des am Montag gestoppten Konvois organisiert; alle neun auf dem türkischen Frachtschiff „Mavi Marmara“ getöteten Aktivisten waren - mit der Ausnahme eines aus der Türkei stammenden Amerikaners - türkische Staatsangehörige.
Mich würde jetzt mal interessieren …
Stefan Pohl (friedrich_leipzig)
- 05.06.2010, 11:30 Uhr
Diese Menschen zeigen einen besonderen Mut!
Adriaan de Mol (Adriaan.deMol)
- 05.06.2010, 11:50 Uhr
Seltsam
Torlin Monger (TMonger)
- 05.06.2010, 13:34 Uhr
und wenn schon..
stephan georgi (balisilverdream)
- 05.06.2010, 13:38 Uhr
Irisches Hilfsschiff nach Gaza
Frank Schwerin (buzi31)
- 05.06.2010, 13:59 Uhr
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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