27.01.2009 · Im Gazastreifen hat die Hamas damit begonnen, die ersten Geldbündel zu verteilen. Aber den Wiederaufbau werden die Islamisten selbst mit iranischer Hilfe nicht bewältigen. Es fehlt an allem: Beton, Glas, Baumaschinen.
Von Hans-Christian Rößler, Gaza-StadtDer endlose Zug der schwerbeladenen Eselsgespanne schiebt sich durch eine Trümmerlandschaft. Von vielen Bäumen sind nur kleine Rauchsäulen geblieben, die in diesen Tagen über den Schuttbergen des Viertels Ezbet Abed Rabo aufsteigen. Silbrig schimmern die Blätter der Ölbaumzweige, die auf dem zerfurchten Boden liegen. An einigen der abgebrochenen Äste leuchten reife Orangen.
Israelische Panzer und Planierraupen haben während ihres Vormarsches auf den Feldern östlich von Dschabalija den Boden aufgewühlt und unter ihren Ketten zermalmt, was dort wuchs. Was früher den kleinen Reichtum der Familie von Hassan Abu Warda ausmachte, taugt nur noch als Brennholz. „Dreißig Menschen haben unsere Bäume ernährt“, sagt der junge Bauer auf dem Eselskarren. „Einige waren mehr als 50 Jahre alt. Ich weiß nicht, ob wir jemals wieder neue pflanzen werden.“
Kein Haus steht mehr in Dschabalija
Die Sonne scheint, aber sie wärmt nicht. Ein eisiger Wind weht durch die Ruinen. Kein Haus steht mehr am Rand dieses Stadtteils im Norden des Gazastreifens. Ganz oben auf einem der Trümmerhügel thront Mohammed Abd Rabbo, der sich die schwarz-weiße Kefije um den Kopf gewickelt hat. Hinter ihm, im letzten überdachten Raum, beleuchtet ein kleines Feuer, was ihm geblieben ist: ein schäbiges Sofa, ein Sessel und ein paar Töpfe. Mehr konnte er nicht aus seinem dreistöckigen Haus retten, das er um keinen Preis verlassen will. Weder während des Krieges noch jetzt, zehn Tage nach dem Beginn der Waffenruhe.
Nur einmal zwangen ihn israelische Soldaten für wenige Minuten mit vorgehaltenem Gewehr auf die Straße, um dann das Gebäude zu sprengen. Er und seine acht Kinder blieben unverletzt. Sein Nachbar auf der Straßenseite gegenüber verlor dagegen Ehefrau und beide Eltern. Israelische Soldaten hätten die beiden erschossen, obwohl sie 70 und 75 Jahre alt gewesen seien, sagt er. Kaum lässt sich überprüfen, was die Bewohner des Viertels erzählen, das ein Hauptziel auf der Route des Trosses der ausländischen Kamerateams und Delegationen ist, der in diesen Tagen durch Gaza zieht.
Hamas-Mitarbeiter verteilen Geldbündel
„Nur Journalisten sind bisher zu mir gekommen. Niemand von Roten Halbmond oder von den Vereinten Nationen ließ sich blicken“, beklagt sich Mohammed Abd Rabo. Aber wirklich helfen könne ihm wohl keiner mehr, sagt er und blickt traurig über die Reste seines Hauses. In andere Viertel haben sich dagegen schon Mitarbeiter der von der Hamas geführten Regierung aufgemacht und verteilen die ersten Geldbündel. Während sich vor den Banken und Geldautomaten in Gaza lange Schlangen von Menschen bilden, die vergeblich Bargeld abheben wollen, mangelt es der Regierung offenbar daran nicht. Für die einfachen Leute sind - wegen der monatelangen Abriegelung - selbst Geldscheine in Gaza mittlerweile zur Mangelware geworden.
In einen Anzug mit Weste und makellosem weißen Hemd gekleidet, rechnet Taher al Nounou vor, was die Menschen in Gaza von seiner Regierung erwarten können. Seine unablässig klingenden Mobiltelefone lassen ihm aber kaum die Zeit dafür. 4000 Euro gebe es für ein vollständig zerstörtes Haus, die Hälfte für ein stark beschädigtes Gebäude und 1000 Euro für einen „Märtyrer“ – so nennt der Sprecher der von der Hamas geführten Regierung die mehr als tausend Toten des Krieges. Das sei nur eine Art „erste Hilfe“, die mehr als 50 Millionen Euro kosten werde.
„Ohne Hilfe gibt es wohl bald wieder Krieg“
Die könne seine Regierung noch aus dem laufenden Haushalt bestreiten, nicht aber die zwei Milliarden Dollar, die nach seiner Schätzung der Wiederaufbau kosten wird. Hier müsse die internationale Gemeinschaft einspringen, sagt der Hamas-Mann. Von 5000 komplett zerstörten Gebäuden in Gaza spricht er, um im selben Atemzug klarzustellen, dass das die Hamas nicht kompromissbereiter stimmen werde: „Wenn jemand auch nur eine politische Bedingung stellt, werden wir die Hilfe ablehnen“, droht er und meint damit Forderungen nach einem Regierungswechsel oder Neuwahlen im Gazastreifen. Lasse das Ausland die Menschen in Gaza aber in ihrem Elend alleine, werde es wohl bald wieder Krieg geben.
In Gaza geblieben ist in den Kriegstagen nur das Palästinenserhilfswerk der Vereinten Nationen (UNRWA), das zumindest den 1,1 Millionen Flüchtlingen unter den anderthalb Millionen Einwohnern Gazas beisteht. Andere ausländische Helfer lässt Israel jetzt erst wieder in den Küstenstreifen am Mittelmeer einreisen. Frustriert kehren erste Erkundungsmissionen von dort zurück. Denn vieles von dem, was sie in den vergangenen Jahren mit aufgebaut hatten, liegt in Trümmern.
„Die Sicherheitskräfte waren immer im Dienst“
Die iranische Führung kündigte am Montag schnelle Hilfe an. Tausend Häuser werde man für die Freunde von der Hamas wiederaufbauen - und neue Gebäude braucht die Hamas-Regierung besonders dringend für die Sicherheitskräfte, die ihre Macht sichern. Nicht nur Parlament, Präsidentenresidenz und zahlreiche andere Ministerien liegen in Trümmern. „Kein einziges Polizeigebäude steht mehr“, gibt Ihab al Gosen zu. Er ist Sprecher des gefürchteten Hamas-Innenministers Siam, der bei einem israelischen Raketenangriff umkam. Regierung und Polizei hätten ihre Arbeit auch in den schlimmsten Kriegstagen fortgesetzt, sagt er.
„Die Sicherheitskräfte waren immer im Dienst. Als die Israelis kamen, haben sie nur ihre Uniformen ausgezogen, und am Tag der Waffenruhe haben sie sie wieder aus dem Schrank geholt.“ Eine Autofahrt in Gaza-Stadt scheint seine Behauptung zu bestätigen. In gelbe Leuchtwesten gekleidet, greifen die zahlreichen Beamten sofort ein, wenn der Verkehr wieder einmal zum Stehen kommt. Mit der Waffenruhe sind die Staus auf die Straßen Gazas zurückgekehrt. Lastwagen transportieren die Trümmer ab. Von den Überresten von Siad Siams Haus ist schon nichts mehr zu sehen.
Auf den Straßen der Alltag
Wie Lücken in einem schlechten Gebiss unterbrechen Ruinen die engen Häuserreihen der Geschäfts- und Wohnviertel. Gezielt haben israelische Raketen dort Polizeistationen oder Wohnungen von Hamas-Führern angegriffen. Auf die Straßen ist jedoch der Alltag zurückgekehrt. Die Regale der Läden sind nicht üppig gefüllt. Aber es gibt Mehl und Mobiltelefone genauso wie Schokolade und Stromgeneratoren. Sogar die Reisebüros haben wieder geöffnet, obwohl für die Einwohner Gazas alle Grenzen weiter geschlossen sind.
In sauberen Uniformen und weißen Kopftüchern für die Mädchen machen sich Schulkinder lärmend auf den Heimweg. In Dschabalija führt er für einige Dutzend nur in den Jugendclub. Er ist die Notunterkunft für mehr als 40 Familien, die alles verloren haben: Die Männer schlafen in der Turnhalle, Frauen und Kinder in den Fitnessräumen. Unter den Fotos muskelbepackter Sportler spielen barfuß die Kinder. Für die Alltagsbedürfnisse der Menschen sei mittlerweile gesorgt, sagt dort ein UNRWA-Mitarbeiter. Windeln, Brot und Sardinendosen stapeln sich im Lagerraum. Doch auf den kalten Gängen klagen die Menschen, dass es immer noch an Matratzen mangele.
Beide Beine und eine Hand verloren
Leere Betten sind mittlerweile im Schifa-Krankenhaus im Zentrum von Gaza-Stadt zu sehen. Dennoch herrscht in der größten Klinik des Gazastreifens Chaos. Das Durcheinander von besorgten Angehörigen und vor Schmerz klagenden Notfallpatienten beeindruckt das medizinische Personal aber kaum mehr. „Kein Vergleich zu den Wochen zuvor“, sagen müde Ärzte, die offenbar kaum noch etwas aus der Ruhe bringen kann. Seit die schwierigsten Fälle zur Behandlung ins Ausland gebracht worden seien, komme man zurecht – auch wenn noch vieles fehle.
In der Intensivstation herrscht fast Routinebetrieb. Pfleger betten dort einen neunjährigen Jungen um. Er ist bewusstlos. Das Röntgenbild neben seinem Bett zeigt eine Gewehrpatrone mitten im Gehirn. Er werde in Gaza behandelt werden können, erläutert ein Pfleger. In den von Verwandten umlagerten Betten der chirurgischen Abteilung liegen viele Patienten, die gleich mehrere Gliedmaßen verloren haben. Dort liegt auch die 18 Jahre alte Muna al Askhari. Sie verlor beide Beine und eine Hand, dazu hat sie noch eine Verletzung am Kopf. Doch die größten Sorgen bereitet ihr, dass sie nun nicht mehr ihre Familie versorgen kann, denn ihre Mutter ist behindert.
Gaza ein „Testgebiet“ für neue Waffen?
Erklären können sich die Ärzte im Schifa-Krankenhaus bis heute die Häufung von Verletzungen nicht, wie sie sie in den vergangenen Wochen gesehen haben. Sie vermuten neue Waffen, nicht nur Phosphorgranaten, die schlimme Verbrennungen hervorriefen, sondern auch eine, die auf der Haut der Patienten winzige Schrapnellwunden hinterließ. Auf Röntgenbildern habe man später aber nichts entdecken können. Wenige Tage später sei bei den Betroffenen dann die Zahl der roten Blutkörperchen stark zurückgegangen und die Patienten seien trotz Bluttransfusionen gestorben. Gaza sei schon immer ein Testgebiet für neue Waffen gewesen, sagen zynisch Entwicklungshelfer, die schon länger in der Region sind.
In nächster Zeit werden den Menschen in Gaza aber Bomben und Munition des vergangenen Kriegs zu schaffen machen. Es sind die Hinterlassenschaften der Israelis wie die der Hamas, die viele Gebäude vermint hatte. Ausländische Minenräumer werden wegen der israelischen Einfuhrbeschränkungen aber nicht viel tun können. Denn für ihre Arbeit brauchen sie selbst Sprengstoff, den sie aber nicht einführen dürfen. Daher werden sie an vielen Fundorten nur Warnschilder aufstellen – andere können sich dort dann bedienen, um neue Bomben und Raketen zu bauen.
Offene Grenze, überflüssige Tunnel
Besonders fehlen in Gaza jetzt Beton, Glas und anderes Baumaterial, um die Kriegsschäden zu beseitigen. Dafür müsste Israel die Grenzübergänge weit öffnen. In den vergangenen Wochen durften aber nur täglich rund hundert Lastwagen in den Gazastreifen fahren, sagt Christen Nordahl. Fünf Mal so viele müssten es aber sein, um halbwegs den Bedarf zu decken, schätzt der stellvertretende UNRWA-Chef in Gaza. „Derzeit helfen die Schmuggeltunnel“, sagt er.
Diese Tunnel, die Israel so schnell wie möglich schließen will, könnten sich bei geöffneten Grenzen nach seiner Meinung schnell überflüssig werden. Das sehen viele Menschen in Gaza ähnlich. „Die geschmuggelten Waren aus Ägypten sind einfach nicht so gut wie die aus Israel und Europa, die wir viel lieber hätten“, klagt eine Englischstudentin aus Gaza. In der nächsten Zeit wird man wohl sogar Oliven und Orangen importieren müssen.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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